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Unter dem Elektronenmikroskop: MRSA (grün) interagiert mit weißen Blutzellen.
Unter dem Elektronenmikroskop: MRSA (grün) interagiert mit weißen Blutzellen.

Zehntausende sterben an Keimen: "Eine immer größere Gefahr"

Jedes Jahr infizieren sich hierzulande – so die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) – rund 800.000 Menschen an Krankenhauskeimen, 40.000 von ihnen sterben sogar daran. Dass in Kliniken Erreger auftauchen, mit denen man zu Hause nie in Berührung käme, ist nicht unbedingt verwunderlich. Patienten und Besucher bringen die Keime mit, leben oft sogar gesund mit ihnen. Gefährlich aber wird es, wenn die Keime mit Wunden oder auch Kathetern in Berührung kommen und an geschwächte Menschen weitergetragen werden. Das Thema an sich ist alt und doch scheint es in den letzten Jahren eine neue Dimension erreicht zu haben. Viele Fragen stellen sich. Dr. med. Klaus-Dieter Zastrow, Arzt für Hygiene und Umweltmedizin und Sprecher DGKH gibt bei n-tv.de Antworten auf die wichtigsten:

n-tv.de: Herr Dr. Zastrow, was macht Krankenhauskeime so gefährlich?

Krankenhauskeime ...

... sind multiresistente Keime. Das bedeutet, dass gegen eine Infektion mit solchen Erregern gleich mehrere Antibiotika nur wenig oder gar nichts mehr ausrichten können.

MRSA: ist nicht der gefährlichste, aber der bekannteste Krankenhauskeim. Er löst etwa 30 Prozent aller Krankenhausinfektionen aus. Jährlich sterben bis zu 2000 Patienten daran. Hinter dem Kürzel verbergen sich Bakterien der Art Staphylococcus aureus, die gegen Antibiotika wie Methicillin resistent geworden sind. Das sind in Deutschland gut 20 Prozent der Staphylococcus aureus, in den Niederlanden ist es weniger als 1 Prozent. MRSA treten in drei Gruppen auf:
- bei Tieren in Herden und Ställen. Von den Tieren können sie auf den Menschen übergehen
- als aggressive Variante, die auch gesunde Menschen erkranken lässt (nur rund 2 Prozent aller MRSA in Deutschland gehören zu dieser Sorte)
- die Krankenhaus-MRSA. Sie sind in Deutschland vorherrschend. Die Bakterien leben im Nasen-Rachen-Raum eines Patienten. Der Patient bringt sie mit in die Klinik, beim Niesen z.B. wandern sie dann weiter.
Die Bakterien können Abszesse, Harnwegs- und Atemwegsinfektionen sowie Blutvergiftungen hervorrufen.

Pseudomonas aeruginosa: verursacht rund 10 Prozent aller Krankenhausinfektionen in Deutschland. Kann eine Lungenentzündung hervorrufen sowie Harnwegsinfekte, Hirnhautentzündung oder Herzinnenhaut-Entzündung.

Escherichia coli / Klebsiellen: gehören zu den ESBL-Bildnern, das bedeutet, sie können Enzyme bilden, die die meisten Antibiotika, darunter Penicillin, zerstören. Bei vielen Menschen sind sie als Infektionserreger bereits im Darm vorhanden. Sie werden bei Kontakt mit erregerhaltigen Sekreten (Stuhl, Wunden) übertragen.
Einige E. coli-Stämme können schwere Darmerkrankungen sowie Nierenschäden verursachen. Klebsiella pneumoniae kann Harn- und Atemwegsinfektionen auslösen.
ESBL-Bildner sind auf dem Vormarsch.

Enterokokken: sind Darmbakterien, mit denen auch gesunde Menschen leben. Sie werden von Haut zu Haut, so etwa über die Hände, oder durch kontaminierte Gegenstände übertragen. Einige Stämme können zu Harnwegsinfektionen führen oder auch zu Entzündungen der Herzinnenhaut.

Staphylococcus epidermidis: besiedelt die menschliche Haut und Schleimhaut, ist auch auf Lebensmitteln zu finden und stellt für gesunde Menschen kaum eine Gefahr da. Bei abwehrgeschwächten Menschen kann das Bakterium aber zu Herzerkrankungen und ausgeprägten Wundinfektionen führen. 70 Prozent der Staphylococcus epidermidis-Stämme sind gegen Penicillin und Methicillin resistent.

Klaus-Dieter Zastrow: Die Keime sind nicht grundsätzlich gefährlich. Wenn sie jedoch in Wunden, Lunge, Blase oder Blutbahn gelangen, verursachen sie Infektionen, die auch sehr dramatisch verlaufen können - von der einfachen Wundinfektion bis zur Sepsis mit dem Tod als Folge. Das Problem ist, dass die sogenannten Krankenhauskeime multiresistente Erreger sind. Das heißt, immer mehr Antibiotika sind gegen diese Keime zunehmend wirkungslos. Deswegen stellen sie im Krankenhaus eine immer größere Gefahr dar.

Warum hört man in den letzten Jahren so oft von Krankenhauskeimen, viel häufiger als zuvor?

Multiresistente Keime gab es schon immer, doch einige Erreger sind in den letzten Jahren vermehrt aufgetreten. Das liegt daran, dass das Problem nicht ernst genommen wurde und Ärzte Antibiotika unspezifisch verabreichen. Oft kommt irgendein Antibiotikum zum Einsatz, nicht aber genau das, welches gegen die an der Erkrankung beteiligten Bakterien am besten geeignet ist. Oder es wird ein Antibiotikum verschrieben, ohne dass klar ist, ob tatsächlich eine bakterielle Infektion vorliegt. Eine gezielte Anwendung von Antibiotika würde wachsenden Resistenzen der Keime entgegenwirken. Dazu, dass sich die Keime weiterverbreiten, tragen Kostendruck und Zeitnot in den Krankenhäusern bei, eine unzureichende Händedesinfektion und die mangelnde Ausbildung bei Ärzten und Pflegepersonal. In seinem sechsjährigen Studium hat ein Arzt nur 10 bis 20 Lehrstunden Hygiene.

In den Niederlanden ist das Problem mit den Krankenhauskeimen weniger verbreitet als bei uns. Wie kommt das?

In den Niederlanden existieren Hygienemaßnahmen eben nicht nur auf dem Papier. Dort werden Risiko-Patienten und auch das medizinische Personal grundsätzlich präventiv auf gefährliche Keime untersucht. Außerdem können Ärzte in den Niederlanden Antibiotika nicht ungeprüft verschreiben.

Stimmt es, dass manche Hygiene-Vorschriften im normalen Klinikalltag nicht oder nur schwer umsetzbar sind?

Das ist Quatsch! Entgegen der leider weitläufigen Meinung unter Klinikchefs ist Hygiene nicht teuer. Teuer wird es, wenn durch mangelnde Hygiene eine Infektion entsteht. Denn damit ist häufig ein verlängerter stationärer Aufenthalt mit teuren therapeutischen Maßnahmen verbunden. Ohne Infektion wären die nicht notwendig geworden.

Das Universitätsklinikum Münster gilt als Vorzeigekrankenhaus in Sachen Infektionsvorbeugung. Was ist dort anders als in anderen Krankenhäusern in Deutschland?

Dort wurden die vom Robert-Koch-Institut bereits 1999 veröffentlichten Schutzmaßnahmen gegen MRSA, einen der häufigsten Krankenhauskeime, konsequent umgesetzt.

Wie sieht ein wirkungsvoller Infektionsschutz in einem Krankenhaus aus?

Der wichtigste Schutz ist das konsequente Befolgen und Überwachen der bestehenden Hygieneregeln. Eine Kommission am Robert-Koch-Institut hat zahlreiche Empfehlungen zur Krankenhaushygiene erarbeitet. Außerdem können Risikopatienten schon bei der Aufnahme mit einem Schnelltest auf multiresistente Keime untersucht werden. Ein besiedelter oder infizierter Patient muss konsequent isoliert werden. Und in Kliniken müssen ein hauptamtlicher Facharzt für Hygiene sowie Hygiene-Fachkräfte vor Ort sein, die die Einhaltung der Maßnahmen überwachen und auch Schulungen durchführen.

Besonders bedrohlich sind Krankenhauskeime auf Frühgeborenen-Stationen. Das Immunsystem der Frühchen ist noch nicht ausgereift. Lässt sich eine Infektion für Frühgeborene nie völlig ausschließen? Oder wäre hundertprozentiger Schutz durch bestimmte Maßnahmen selbst dort möglich?

Bei striktem Einhalten der Hygiene-Maßnahmen sind auch auf Frühgeborenen-Stationen Infektionen vermeidbar.

Ist jede Infektion im Krankenhaus vermeidbar?

OP am Hüftgelenk. Werden die Hygiene-Standards eingehalten, sind Infektionen bei diesem Eingriff vermeidbar.
OP am Hüftgelenk. Werden die Hygiene-Standards eingehalten, sind Infektionen bei diesem Eingriff vermeidbar.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bei bestimmten Operationen, beispielsweise am Darm, im dem Milliarden Keime sitzen, ist trotz guter Vorbereitung, also Darmspülung etc., eine Infektion möglich. Dieses Risiko ist allerdings kalkulierbar, sodass eine Therapie umgehend eingeleitet wird. Bei Operationen oder Eingriffen am Gelenk dagegen, einer Knie-Arthroskopie etwa oder dem Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks, lässt sich eine Infektion immer auf mangelnde Hygiene zurückführen. Das sind vermeidbare Infektionen.

Wie lässt sich Krankenhauskeimen in Deutschland künftig begegnen? Wo müssen Kliniken nachbessern?

Als Ergebnis der Aufklärungsarbeit der DGKH ist die Politik auf das Problem aufmerksam geworden. So wurde das Infektionsschutzgesetz im August 2011 überarbeitet und die Hygiene für Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen im Gesetz festgeschrieben. Kliniken müssen ganz klar in der Hygiene nachbessern und die Hygiene-Standards konsequent umsetzen. Dafür ist es erforderlich, dass bei Ärzten und Pflegekräften ein Hygienebewusstsein vorhanden ist und dass die von der Wissenschaft erarbeiteten Maßnahmen in die Arbeitsabläufe des medizinischen Personals integriert werden. In jedem Krankenhaus muss ausreichend Hygiene-Fachpersonal zur Verfügung stehen. Nur so kann durch fachliche Anleitungen und Kontrollen gewährleistet werden, dass die Standards erlernt und eingehalten werden.

Können Patienten selbst etwas gegen eine Ansteckung mit den potenziell gefährlichen Keimen tun?

Wenn ein stationärer Klinik-Aufenthalt oder ein invasiver Eingriff anstehen, sollte der Patient sich vorab informieren, ob das Krankenhaus eine Abteilung für Hygiene oder Hygienefachpersonal hat. Auch kann der Patient, sofern er dazu gesundheitlich in der Lage ist, darauf achten, dass Ärzte und Pflegepersonal sich vor einer Behandlung stets die Hände desinfizieren. Allerdings ist der Patient das schwächste Glied in der Kette. Niemand kann ernsthaft fordern, dass der Patient selbst zur Vermeidung einer Krankenhausinfektion beitragen könnte. Der Patient kommt krank, mit Schmerzen oder gar schwer verletzt und bewusstlos ins Krankenhaus. Soll er in diesem Zustand die Ärzte und das Pflegepersonal kontrollieren? Das ist ein schlechter Witz! Der Patient hat nicht nur Anspruch darauf, auf gut ausgebildetes Personal zu treffen, sondern auch darauf, eine hygienisch einwandfreie Behandlung zu erhalten.

Mit Klaus-Dieter Zastrow sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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