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Schon heute werden 43 Prozent der eisfreien Erdoberfläche für die Landwirtschaft und zum Wohnen genutzt.
Schon heute werden 43 Prozent der eisfreien Erdoberfläche für die Landwirtschaft und zum Wohnen genutzt.(Foto: picture alliance / dpa)

Kritischer Punkt bald erreicht: Erde steht vor dem Kollaps

Sind 50 bis 90 Prozent der kleineren Ökosysteme auf der Erde zerstört, kollabiert das gesamte Ökonetz. Dabei ist die gefährliche 50-Prozent-Marke schon im Jahr 2025 erreicht. Ein Kurswechsel bei der Umsetzung internationaler Umweltziele ist dringend nötig. Nicht weniger als die Ernährung der Weltbevölkerung steht auf dem Spiel.

Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung könnten nach Ansicht führender Wissenschaftler möglicherweise noch in diesem Jahrhundert zu einem unwiderruflichen Kollaps des globalen Ökosystems führen. Dieses könnte plötzlich kippen und nicht, wie allgemein angenommen, über Jahrhunderte hinweg langsam zusammenbrechen, warnten sie in einer vom Fachmagazin "Nature" veröffentlichten Studie. Ohne Gegenmaßnahmen könnte der "kritische Punkt" schon bald erreicht sein, mahnten sie im Vorfeld der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung vom 20. bis 22. Juni in Rio de Janeiro.

Für die Studie arbeiteten insgesamt 22 führende Biologen, Ökologen, Geologen und Paläontologen aus drei Kontinenten zusammen. Sie verglichen die Auswirkungen früherer weltweiter Umweltveränderungen - wie etwa während der Eiszeit - auf Flora und Fauna mit dem aktuellen Wandel. In ihren Berechnungen gingen sie von einem Anstieg der Bevölkerung auf 9,3 Milliarden bis 2050 und einer Klimaerwärmung aus, die das UN-Begrenzungsziel von zwei Grad Celsius übersteigt. Demnach wird das gesamte weltweite Ökonetz kollabieren, sobald 50 bis 90 Prozent der kleineren Ökosysteme in ihrer bisherigen Form zerstört sind.

Unumkehrbar, aber nicht unvermeidlich

Laut der Studie werden schon heute 43 Prozent der eisfreien Erdoberfläche für Landwirtschaft und zum Wohnen genutzt. Sollte der Trend anhalten, wäre die potenziell gefährliche 50-Prozent-Marke bereits 2025 erreicht. Ein Zusammenbruch des ökologischen Gleichgewichts aber hätte verheerende Konsequenzen für die Fähigkeit, die Weltbevölkerung ausreichend ernähren zu können, mahnen die Autoren. Die Entwicklung wäre unumkehrbar, erklärte der Biologe Anthony Barnosky von der Universität von Kalifornien, einer der führenden Autoren der Studie. "Biologisch gesehen wird es dann wirklich eine neue Welt geben".

Angesichts vieler Unwägbarkeiten wollen sich die Forscher allerdings nicht festlegen, wann genau der befürchtete kritische Punkt erreicht sein wird. Und sie weisen darauf hin, dass die Menschheit nicht unvermeidlich darauf hinsteuert. Noch gebe es Zeit für Lösungen, wie etwa ein Ende der Verschwendung von Rohstoffen oder des Wachstumsdenkens um jeden Preis. "Kurz gefasst, bisher wurde noch nichts wirklich Relevantes unternommen, um das Schlimmste zu verhindern", erklärte Arne Mooers, Professor für Biodiversität an der kanadischen Simon Fraser Universität.

Ziele mangelhaft umgesetzt

Die Vereinten Nationen haben die mangelhafte Umsetzung der international vereinbarten Umweltziele kritisiert. Nur bei vier von 90 Zielen habe es bedeutsame Fortschritte gegeben, unter anderem beim Zugang zum Trinkwasser und bei der Reduzierung von Blei in Kraftstoffen, heißt es im Umweltbericht Geo-5 des UN-Umweltprogramms (UNEP), den dessen Generaldirektor Achim Steiner in Rio de Janeiro vorstellte.

Wenn dieser Zustand andauere und nichts für einen Kurswechsel getan werde, müssten die Regierungen die Verantwortung für eine beispiellose Verschlechterung der Lage tragen, sagte Steiner.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte in New York, für das Gelingen des Gipfeltreffens vom 20. bis 22. Juni in Rio bleibe "noch viel zu tun". Weltweit müssten die Entscheidungsträger Rio+20 zu ihrer "persönlichen Priorität" machen. Zu dem Gipfeltreffen, das 20 Jahre nach der Rio-Umweltkonferenz 1992 stattfindet, werden mehr als 100 Staats- und Regierungschefs erwartet. US-Präsident Barack Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der britische Premierminister David Cameron werden nicht teilnehmen.

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Quelle: n-tv.de

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