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Menschen werden immer älter. Das reicht jedoch einigen nicht aus, sie wollen sich einfrieren lassen.
Menschen werden immer älter. Das reicht jedoch einigen nicht aus, sie wollen sich einfrieren lassen.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Samstag, 22. Januar 2011

Kryonik: Einfrieren für bessere Zeiten : "Ewiges Leben ist möglich"

Ewiges Leben - seit jeher ein Traum der Menschen. Michael Saxer ist jemand, der an dieser Verwirklichung arbeiten möchte. Seine Überzeugung heißt "Kryonik" - das Konservieren des Leichnams nach dem Tod. Von der Hoffnung getragen, in der Zukunft wieder auferweckt zu werden. Im Jahr 2004 gründete er die Firma "Biostasis und Kryonik in Europa". Es ist die bislang einzige Firma in Europa, die sich auf kryonische Dienstleistungen spezialisiert. Nach jahrelanger Vorbereitungsphase soll im Jahr 2011 nun der Startschuss fallen, und auch in Deutschland sollen erste Leichname fachmännisch für die Lagerung vorbereitet werden.

n-tv.de: Herr Saxer, Sie sind ein sogenannter "Kryoniker". "Kryonik" leitet sich aus dem griechischen "kryos" für "kalt" ab. Was genau verbirgt sich für Sie hinter dem Begriff?

Michael Saxer: "Kryonik" bedeutet, dass man den Leichnam eines Menschen nach dem Ableben in flüssigem Stickstoff konserviert - bei minus 196 Grad Celsius. Das tut man in  der Absicht, die Verwesung zu verhindern. Und in der Hoffnung, dass in der Zukunft der Leichnam reanimiert wird, damit das Leben dann weiter geht.

Wie muss ich mir das vorstellen, das Einfrieren nach dem Tod?

Da muss alles ziemlich zügig gehen. Möglichst schnell nach dem Ableben muss der Körper abgekühlt werden. Dann muss, solange der Körper noch knapp über null Grad ist, das Blut durch eine spezielle Kühlflüssigkeit ausgetauscht werden, damit beim weiteren Abkühlen unter dem Gefrierpunkt keine Zellbeschädigungen entstehen. Dieses Verfahren ist die sogenannte "Vitrifikation". Sie ist um das Jahr 2001 erfunden worden - davor hat man das auf Glycerinbasis gemacht. Es wurde zwar eine Verringerung der Gefrierschäden durch den Blutaustausch mit Glycerin erwirkt, aber aufs Ganze gesehen war das noch nicht befriedigend. Es gab noch jede Menge Beschädigungen. Seit 2001 kann man nun das Gehirn vitrifizieren. Sprich: Man kann es ganz ohne Schäden konservieren.

Ihre Firma will die Leichname der Menschen, die daran interessiert sind, hier in Deutschland präparieren und dann nach Amerika überführen. Wie ist die entsprechende Rechtslage in Deutschland?

Ein Container der Firma Alcor, der "Stiftung für Lebensverlängerung" in Scottsdale, Arizona, in dem konservierte Leichen aufbewahrt werden.
Ein Container der Firma Alcor, der "Stiftung für Lebensverlängerung" in Scottsdale, Arizona, in dem konservierte Leichen aufbewahrt werden.(Foto: picture-alliance/ dpa)

In Deutschland ist die Lagerung solcher Leichname verboten - nicht aber die Konservierung. Mit Leichnamen dürfen Bestatter und Ärzte ja ziemlich alles machen, was erforderlich ist. Bestatter zum Beispiel präparieren Leichname, wenn sie in warme Länder überführt werden sollen, mit Gummilösung. So werden sie haltbar gemacht.  Wir dürfen also auch ganz legal für die Kryonik vitrifizieren. Das Problem ist nur, dass die dauerhafte Lagerung nicht gestattet ist. Nach spätestens 10 Tagen  muss ein Verstorbener verbrannt, beerdigt oder ins Ausland überführt werden. Deswegen müssen wir mit unserer Firma am Anfang den Weg über Amerika gehen. Wir wollen aber in der nahen bis mittleren Zukunft eine eigene Langzeitlagerungsstätte in Europa aufbauen.

Sie wollen dieses Jahr mit ihrem Unternehmen in Deutschland "durchstarten". Was genau haben sie vor?

Wir wollen zunächst einmal ein Team ausbilden, das die Vitrifikation durchführen kann. Dafür braucht man eine Schulung. Wenn ein Bestatter einen Leichnam mit Gummilösung versetzt, dann ist dieser für ihn ja nur eine Sache, die "hart gemacht" werden muss. Aber unsere Kunden sind Patienten. Wir betrachten sie noch als lebendig. Da muss der Leichnam also sehr sorgfältig und behutsam behandelt werden, wenn er vitrifiziert wird. Das wichtigste aber ist: Wir werden dieses Jahr einen Spezialbehälter bauen lassen, in dem der vitrifizierte Leichnam dann in flüssigem Stickstoff eingelagert nach Amerika transportiert wird.

Ist eine eigene Lagerungsstätte in Europa geplant?

Ja. Wir sind im Gespräch mit mehreren osteuropäischen Städten. Aber das wird frühestens in fünf Jahren möglich sein. Denn ab dem Moment, an dem man sich entscheidet, eine eigene Lagerung aufzubauen, ist man dauerhaft für die Patienten verantwortlich. Wir wollen deshalb zunächst hier vitrifizieren und nach Amerika überführen. Und sobald der Leichnam dort bei "Cryonics Institute" lagert, trägt diese Firma die Verantwortung. Eine eigene Lagerung kann man erst dann aufbauen, wenn der Kundenstrom groß genug ist, sodass man sie dauerhaft finanzieren kann.

Wie viele Nachfragen gibt es im Moment?

Pro Monat melden sich rund fünf Leute bei uns. Entweder, weil sie direkt betroffen sind und sich kryonisieren lassen wollen. Oder, weil sie es für ihre Angehörigen und Verwandten in Betracht ziehen. In Amerika sind bei den beiden dortigen Instituten zusammen über 200 Menschen eingelagert. Und beide haben mehrere tausend Mitglieder, die nach ihrem Tod kryonisiert werden wollen.

Wann, glauben sie, wird die Wissenschaft bereit sein, heute eingefrorene Menschen wieder zu beleben?

Das hängt ganz davon ab, wie schnell entsprechende Firmen, also auch unsere, eine Forschungsabteilung auf die Beine stellen. Meine Hoffnung ist, dass ich zu meinen Lebzeiten noch mitbekomme, wie erste Menschen aus der Kryonik reanimiert werden, also in vielleicht 30 Jahren.

Das hört sich aber sehr zeitnah an…

Nun ja, das werden dann ja keine alten Menschen sein. Denn bis die Altersgene erforscht sind und umprogrammiert werden können, wird es schätzungsweise noch um die 100 Jahre dauern. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass beispielsweise ein Mensch, der mit 30 oder 40 Jahren an Krebs stirbt und heute keine Chance auf Heilung hat, in 30 Jahren reanimiert werden und seine normale Lebensspanne weiterleben kann. Dann, wenn die Wissenschaft so weit ist, auch Krebs zu heilen. Die Menschen, die in einem hohen Alter kryonisiert werden, müssen natürlich warten, bis die Wissenschaft so weit ist, die Altersgene umzuprogrammieren.

Geht das auch mit Tieren?

Wir betreiben seit 2004 ein kleines Tier-Kryonik-Institut. Dort lagern zwei Katzen. Aber Tiere sind nur ein "Nebeneffekt" - uns liegt die Kryonik für Menschen am Herzen.

Was kostet denn die Präparation, Überführung und Lagerung eines Menschen?

Michael Saxer verdient seinen Lebensunterhalt momentan noch im Versandhandel für Pflanzensamen.
Michael Saxer verdient seinen Lebensunterhalt momentan noch im Versandhandel für Pflanzensamen.(Foto: Privat)

Wir kalkulieren das momentan mit rund 119.000 Euro. Wenn man es direkt in Amerika macht, kostet die Lagerung 30.000 Dollar. Aber dann müsste man ja noch zu Lebzeiten nach Amerika gehen. Es gibt auch heute schon Kryoniker, die sich nach dem Tod nach Amerika überführen lassen. Die müssen aber einen Bestatter vor Ort finden, der sie im Zinksarg einlötet und sie bei knapp über null Grad nach Amerika überführt. So findet zwar eine langsamere Verwesung statt, aber das ist dennoch ganz und gar nicht befriedigend.

Die Chancen darauf, wieder reanimiert zu werden, stehen ja nicht besonders hoch. Sie selbst sprechen von einer Wahrscheinlichkeit von eins bis fünf Prozent. Da hört sich das nach einer Menge Geld an, die man dafür investiert.

Also zuerst einmal: Ein bis fünf Prozent sind besser als null Prozent. Und sich beerdigen oder verbrennen zu lassen, heißt null Prozent. Zweitens: Diese Schätzung resultiert aus dem heutigen Stand der Wissenschaft. Die Technik wird ständig weiterentwickelt. Heute sind es fünf, nächstes Jahr vielleicht zehn, in zehn Jahren vielleicht fünfzig Prozent.

Aber dennoch bleibt der Tod. Auch das "zweite Leben" nach der Kryonisierung wäre irgendwann vorbei.

Ich denke, dass künftige Generationen das menschliche Genom so verändert haben werden, dass wir eine Lebenserwartung von hunderten, wenn nicht tausenden Jahren haben. Die werden dann mit dem Kopf schütteln, wenn sie sehen, dass wir uns mit 80, 90 Jahren zufrieden gegeben haben. Und eine Lebenserwartung von 800 oder 1000 Jahren - das ist ja eine halbe Ewigkeit für uns Menschen. Was dann 500 Jahre später noch für Möglichkeiten entwickelt werden, weiß ich ja nicht. Aber ich bin voller Optimismus, dass das dann noch weitergeht.

Der Mensch kann also ewig leben, wenn die Wissenschaft soweit ist?

Ja, das halte ich für möglich. Wer weiß, was in der Zukunft kommt? Da werden vielleicht  Körperteile mit ganz neuen Kunststoffen ausgetauscht, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Wir können jetzt aber schon sehen, wie schnell die Entwicklung auf allen Gebieten der Wissenschaft und Technik vorangeht.

Die meisten Menschen würden wohl sagen: Der Tod gehört zum Leben dazu, damit muss man sich abfinden. Es ist unweigerlicher Teil des biologischen Rhythmus. Was sagen Sie darauf?

Das können sie ja gerne sagen. Ich antworte dann immer: Du musst ja nicht länger leben. Ich bin kein Missionar. Wenn einer Autos verkauft, dann verkauft er sie ja auch nur an Leute, die ein Auto haben wollen. Und die, die Fahrrad fahren, die fahren weiterhin Fahrrad.  Und so ist es auch in der Kryonik. Ich erkenne eine Trendwende in unserer Zeit. Immer mehr Menschen - vor allem auch junge - wollen Kryonik für sich in Anspruch nehmen. Und die, die das nicht wollen, sterben ja zwangsläufig aus.

Mit Michael Saxer sprach Fabian Maysenhölder

Quelle: n-tv.de

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