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Schnell wollen wir aus der Situation des Fremdschämen heraus.
Schnell wollen wir aus der Situation des Fremdschämen heraus.(Foto: Jerzy, pixelio)

Wenn ein anderer peinlich ist: Fremdschämen kann wehtun

Das Wort Fremdschämen wurde 2009 im Duden aufgenommen. Was man darunter versteht, wie man das Phänomen untersuchen kann, wer sich besonders fremdschämt und was Fremdschämen im Gehirn auslöst, erklären Frieder Paulus und Dr. Sören Krach im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Was verstehen Sie denn unter dem Begriff Fremdschämen?

Paulus: Wir verstehen unter Fremdschämen jedes Gefühl, was jemand empfindet, wenn er oder sie jemanden anderes dabei beobachtet, wie er oder sie eine Norm verletzt. Das haben wir auch unseren Probanden so erklärt. Bisher gibt es allerdings keine ganz klare Benennung für das Phänomen. Auch die Probanden haben sich verschieden dazu geäußert. Viele müssen weggucken oder erzählen, dass sich die Körperhaare aufstellen, wenn sie peinliche Momente bei anderen beobachten. Alles was damit zu tun hat, haben wir während unserer Untersuchung als Fremdschämen verstanden.

Wie lange gibt es denn das Phänomen des Fremdschämens?

Krach: Wir glauben, schon sehr lange, auch wenn es den Begriff dafür im Deutschen erst seit ein paar Jahren gibt. Wir beschäftigen uns damit seit dreieinhalb Jahren. Das Wort allerdings habe ich vor vier Jahren das erste Mal gehört. Seitdem sind wir daran, zu überlegen, wie man das Fremdschämen untersuchen und operationalisieren kann und welche psychologische Bedeutung es haben könnte. Bisher wurde nämlich nur sehr wenig dazu geforscht.

Paulus: Ich glaube, vor allem Fernsehsendungen wie "Stromberg" oder "Deutschland sucht den Superstar" haben dazu beigetragen, einem Gefühl, das es vielleicht schon sehr lange gibt, einen Namen zu geben. Im Englischen gibt es das Wort in der Wissenschaftsliteratur bereits seit den 1980er Jahren. Hier wird es vicarious embarrassment (stellvertretende Peinlichkeit) oder empathic embarrassment (empathische Peinlichkeit) genannt.

Können Sie sagen, warum das Wort Fremdschämen in letzter Zeit in Mode gekommen ist?

Paulus: Das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass in den letzten Jahren vor allem durch die Medien auch viel mehr Privates an die Öffentlichkeit gelangt als früher. Durch die bereits genannten Sendungen, die ja vielleicht extra auf das Phänomen des Fremdschämens abzielen, gibt es eventuell öfter Situationen, bei denen man als Beobachter peinlich berührt ist. Aber das sind alles nur Spekulationen.

Schämen sich Menschen verschieden stark oder verschieden oft fremd?

Krach: Wir konnten in unseren Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen selbsteingeschätzter Empathie und Fremdschämen feststellen. Probanden, die sich beispielsweise als sehr empathisch beschrieben hatten, schämten sich auch öfter und intensiver fremd als Versuchsteilnehmer, die sich selbst als weniger empathisch bezeichneten. Wir können mit Hilfe unserer Daten nicht sagen, ob es Menschen gibt, die sich gar nicht fremdschämen können oder welche, die sich ständig und übertrieben fremdschämen.

Paulus: Unter Empathie wird generell verstanden, dass man sich in Freunde und Bekannte reinversetzen kann oder auch in den Helden des Romans, den man gerade liest. Es ist auch wichtig, die jeweilige Situation zu betrachten, bei denen es zu peinlichen Gefühlen kommt, aber auch die jeweilige Verfassung des Betrachters. Dazu kommen Werte- und Normvorstellung des einzelnen Individuums. Fremdschämen ist also ein hochkomplexer sozialer Prozess, welcher immer in einen bestimmten Kontext eingebettet ist. Ein Verhalten kann in einem bestimmten Kontext bei den Beobachtern Fremdscham auslösen, in einem anderen Kontext wiederum vollkommen angemessen sein. Aus diesem Grund fanden wir das Fremdschämen als Wissenschaftsgegenstand auch so spannend.

Können Sie kurz umschreiben, wie Sie das Fremdschämen untersucht haben?

Krach: Zunächst haben wir Verhaltensstudien mit Fragebögen im Internet durchgeführt. Die Probanden wurden gefragt, wie sie bestimmte Situationen einschätzen und wie sehr sie sich dabei Fremdschämen würden. Insgesamt haben wir 120 Situationen kreiert und 600 Probanden befragt. Daraus konnten wir schließen, dass das Gefühl des Fremdschämens relativ unabhängig davon auftritt, ob sich die beobachtete Person ihrerseits blamiert fühlt oder nicht. Im nächsten Schritt haben wir aus diesen Situationen die besten rausgesucht, diese als Bilder zeichnen lassen und die Reaktion im Gehirn mittels funktioneller Kernspintomografie an 32 Probanden untersucht.

Mit diesen Situationen wurden die Probanden beispielsweise konfrontiert: Hosennaht platzt beim Bücken (AA), Unterhose ist zu sehen (AU), lautes Telefonieren im Kino (IA), angeberischer Kettenanhänger (IU) und neutrale Situation in einer Bücherei (N).
Mit diesen Situationen wurden die Probanden beispielsweise konfrontiert: Hosennaht platzt beim Bücken (AA), Unterhose ist zu sehen (AU), lautes Telefonieren im Kino (IA), angeberischer Kettenanhänger (IU) und neutrale Situation in einer Bücherei (N).(Foto: PLoS One)

Mit welchem Ergebnis?

Krach: Wir haben die Situationen in verschiedene Kategorien eingeteilt, so dass die beobachtete Person absichtlich und unabsichtlich, bewusst und unbewusst in die peinliche Situation gerät. Ein gutes Beispiel ist der Mann, der mit offener Hose durch die Innenstadt läuft. Der Mann selbst bemerkt nicht, dass seine Hose offensteht und schämt sich dementsprechend auch nicht. Der Beobachter wiederum, dem die offene Hose auffällt, schämt sich stellvertretend. Beim Betrachten der verschiedenen peinlichen Situationen sind hauptsächlich zwei Areale des Gehirns aktiviert worden: zum einen die linke anterioren Insula und zum anderen der anteriore zinguläre Cortex. Personen, die sich als sehr empathisch einschätzen, hatten in den Untersuchungen tatsächlich auch eine nachweisbar stärkere Aktivierung als Probanden, die sich als weniger empathisch einschätzten.

Wo genau liegen diese Bereiche und in welchen Situationen werden sie noch aktiviert?

Mit moderner Technik können Forscher tief ins Hirn blicken.
Mit moderner Technik können Forscher tief ins Hirn blicken.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Paulus: Die Insula ist ein Teil des Großhirns und liegt tief in der lateralen Furche zwischen Temporallappen und Frontalkortex. Der zinguläre Kortex ist ebenso ein Teil des Großhirns und liegt genau in der Mitte über der Verbindung der beiden Hirnhälften, dem sogenannten Corpus Callosum. Anterior bedeutet, dass jeweils der vordere Teil der Strukturen involviert ist. Aktivierungen beider Strukturen werden zusammen mit Teilen des Hirnstamms und des Kleinhirns typischerweise auch dann gefunden, wenn man den Schmerz einer Person nachempfindet. Generell werden die Strukturen mit emotionalem Erleben in Verbindung gebracht.

In peinlichen Situationen kann es ja nicht nur zum Fremdschämen, sondern auch zu Schadenfreude kommen. Haben Sie da einen Unterschied definiert?

Paulus: Ehrlich gesagt haben wir viel über diese Abgrenzung diskutiert, können aber nicht sichergehen, dass einige unserer Probanden nicht auch Schadenfreude oder einer Gemisch aus Fremdschämen und Schadenfreude erlebt haben. Aus anderen Untersuchungen lässt sich jedoch ableiten, dass, je mehr negative Erfahrungen der Beobachter im Vorfeld mit der zu beobachtenden Person gemacht hat, das Mitleid umso geringer ausfallen wird und Schadenfreude steigt. Hat also ein beobachteter Proband sich oft unfair anderen gegenüber verhalten, so sank auch die Bereitschaft des Mitgefühls [Studien von Singer et al. 2006 und Takahashi et al. 2009].

Krach: Im Gegensatz zum Fremdschämen geht es bei der Schadenfreude weniger um empathisches Mitgefühl als vielmehr darum, sich - aus welchen Beweggründen auch immer - über die beobachtete Person zu stellen. Tatsächlich ist es aber ein schmaler Grat zwischen beiden Gefühlen. Es kann vorkommen, dass sich ein Gefühl auch im Laufe der Zeit verändert. So kann aus anfänglicher Schadenfreude später ein Gefühl von Mitleid oder Fremdschämen entstehen.

Fremdscham ist ja ein unangenehmes Gefühl. Wie kann oder sollte man sich denn in solch einem Moment verhalten?

Krach: Das kommt ganz auf die Situation und den Kontext an und kann nicht pauschal beantwortet werden. Eine ganz normale Reaktion ist ja, sich selbst aus der Situation zu begeben. Das beginnt schon mit dem Schließen der Augen und dem Wegdrehen des Gesichts. Bei Situationen im Fernsehen wird dann beispielsweise einfach umgeschaltet, wenn das Fremdschämen ein Maß annimmt, dass es unerträglich wird.  

Paulus: Manchmal kann es helfen, wenn man demjenigen, dem die peinliche Situation nicht bewusst ist, behutsam darauf hinweist, wie zum Beispiel den Mann mit der offenen Hose in der Innenstadt. Bei einem Professor, der vor dem Auditorium steht, einen Vortrag hält und Essensreste im Gesicht hat, ist das zum Beispiel nur schwer möglich. Ich glaube, jeder findet seinen eigenen Weg des Umgangs.

Wird die Fähigkeit des Fremdschämens erst im Laufe des Lebens erworben?

Beim Fremdschämen ist es egal, ob sich die beobachtete Person selbst schämt oder nicht.
Beim Fremdschämen ist es egal, ob sich die beobachtete Person selbst schämt oder nicht.(Foto: Frank-Rosskoss, pixelio)

Paulus: Auch darüber können wir nur spekulieren. Wir halten es jedoch für wahrscheinlich, dass sich Kinder bis zu einem bestimmten Alter noch nicht fremdschämen können. Es scheint so, dass Kinder die Fähigkeit der Perspektivübernahme in so komplexen sozialen Kontexten noch nicht besitzen. Hinzu kommt, dass Fremdschämen unter anderem auch über das Verständnis von sozialen Normen und Regeln vermittelt wird. Was in welchem Kontext als angemessen gilt und was nicht, ist eine gar nicht so einfach zu beantwortende Frage. Um Entwicklungsverläufe zu verstehen, müsste das Phänomen jedoch extra unter diesen Gesichtspunkten untersucht werden.

Wozu können denn Ihre Untersuchungsergebnisse dienen?

Krach: Erst einmal wollten wir eine Lücke schließen. Bisher wurde vor allen Dingen das Mitleid untersucht, das man für andere Personen empfindet, die selbst Schmerzen fühlen. Das Phänomen der Fremdscham ist darüber hinaus ein hochkomplexes Thema. Man könnte zum Beispiel in weiteren Schritten untersuchen, ob es Überlappungen gibt, zwischen dem eigenen Schamerleben und der Fremdscham. Über experimentelle Manipulationen könnten auch spezifische Prozesse untersucht werden die insbesondere dann auftreten, wenn man mit der beobachteten Person in Beziehung steht. Mit der aktuellen Arbeit wollten wir einen wichtigen Teil komplexer sozialer Emotionen untersuchen, die im alltäglichen Leben auftreten, weil es in diesem Bereich noch einen großen Forschungsbedarf gibt.

Mit Frieder Paulus und Dr. Sören Krach sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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