Geschichtsträchtiger Fund vor Hawaii"Geisterschiff" erzählt vom Zweiten Weltkrieg
Bei ihrem Tauchgang machen die Forscher große Augen. Als der über 70 Jahre verschollene Kabelleger "Dickenson" vor ihnen auftaucht, zeigt sich: Das Schiff aus dem Zweiten Weltkrieg ist in einem erstaunlich guten Zustand.
Vor der Küste von Hawaii haben Forscher ein "Geisterschiff" aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Das ehemalige Kabelschiff "Dickenson", später hieß es "USS Kalua", liegt vor der Insel O'ahu in über 600 Metern Tiefe in überraschend gutem Zustand auf dem Meeresboden. Sowohl Mast als auch Steuerrad sind immer noch intakt. Entdeckt hatten das Schiff Wissenschaftler des Hawai‘i Undersea Research Laboratory (HURL) in Zusammenarbeit mit dem Maritime Heritage Program (MHP) bereits im letzten Jahr. Erst jetzt gab die University of Hawai‘i den Fund bekannt.
"Es ist immer spannend, wenn man sich mit dem Tauchboot einem großen, mit dem Sonar lokalisierten Objekt nähert und nicht weiß, welcher Teil der Geschichte da aus dem Dunkel hervortreten wird", sagt U-Boot-Pilot Terry Kerby. "Gleich zu Beginn haben wir das Schiffssteuerrad im Achterschiff zu Gesicht bekommen. Das Schiff war überraschend intakt dafür, dass es mit einem Torpedo versenkt wurde."
Bevor die "Dickenson" in die Wirren des Zweiten Weltkriegs hineingezogen wurde, hat sie eine kleine aber wichtige Rolle in der frühen Vernetzung der Welt gespielt: 1923 lief das Schiff in Chester, Pennsylvania, für die Commercial Pacific Cable Company vom Stapel. Im Auftrag des Unternehmens war die "Dickenson" vor allem für die Inseln im Pazifik von Bedeutung. Von 1923 bis 1941 hielt sie die Seekabel zur Nachrichtenübertragung von den USA nach Hawaii in Schuss.
Ihren ersten kriegsbedingten Einsatz führte die "Dickenson" im Auftrag des britischen Telekommunikations-Unternehmens Cable and Wireless durch. Das Schiff sollte die Mitarbeiter der Firma von einer Station auf der Insel Tabuaeran evakuieren. Da sich England im Krieg mit Deutschland befand, fürchtete man Plünderungen durch die Wehrmacht. Das Atoll war bereits im Ersten Weltkrieg von deutschen Marodeuren heimgesucht geworden.
Pearl Harbour - 7. Dezember 1941
Als die "Dickenson" mit den Evakuierten an Bord am 7. Dezember 1941 in den Hafen der Insel O'ahu einläuft, verpasst sie einen der geschichtsträchtigsten Momente des Zweiten Weltkriegs nur um wenige Stunden: Der Hafen heißt Pearl Harbour, und er liegt in Flammen. Da die USA nun in den Krieg mit Japan gezwungen wurden, veränderte sich die Situation im Pazifik nachhaltig. Das blieb auch für die "Dickenson" nicht ohne Folgen.
Die Midwayinseln, Heimathafen der "Dickenson" und Austragungsort einer der entscheidenden Schlachten zwischen der Kaiserlich Japanischen Marine und der US-Navy, verlor seine Position als Dreh- und Angelpunkt der transpazifischen Kommunikation. Die "Dickenson" wechselte in den Dienst der US-amerikanischen Marine und trug fortan den Namen "USS Kailua". Unter dem neuen Eigentümer hielt das Schiff unter anderem U-Boot-Netze im Süd-Pazifik in Stand, bis es nach dem Krieg schließlich nach Pearl Harbour zurückkehrte. Da weder die Navy noch der ehemalige Eigentümer Commercial Cable Company Verwendung für das Schiff hatten, wurde es am 7. Februar 1946 von einem U-Boot der amerikanischen Marine versenkt. Der genaue Ort wurde nicht notiert, und so blieb das Wrack lange Zeit verschollen.
Einfach zu identifizieren
"Wir sind alle begeistert, wie gut das Schiff erhalten ist", sagt nun MHP-Direktor James Delgado. "Die Identifikation des Schiffes war denkbar einfach, nicht nur wegen seiner einmaligen Form, sondern auch, weil die Identifikationsnummer am Bug immer noch gut zu erkennen ist." Die Sonar-Analysen des HURL haben bereits zahlreiche bis dato unkartierte Wracks vor O'ahu zu Tage gefördert. Unter ihnen ein Japanisches Kleinst-U-Boot, gesunken während des Angriffs auf Pearl Harbour, und die massiven Unterwasser-Flugzeugträger I-400 und I-401.
Die "USS Kailua" ist ein wahres Museum der Pazifik-Kriegsgeschichte. "Wir planen, das Wrack in das Nationale Register der Denkmäler eintragen zu lassen", verrät Delgado. "Dieses einzigartige amerikanische Schiff, maßgeblich an der Aufrechterhaltung der globalen Kommunikation im 20. Jahrhundert beteiligt, ist auch eng mit dem geschichtlich bedeutsamen Midway-Atoll verbunden." Eine Rückkehr zur "USS Kailua" ist - auch aus Gründen des Naturschutzes - nicht geplant. Das Wrack gehört der US-Regierung und ist als Bundeseigentum geschützt. Ein Teil unberührter Geschichte am Meeresgrund.