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26. Januar 1998. In einer Pressekonferenz bestreitet Bill Clinton, Sex mit "dieser Frau, Miss Lewinsky", gehabt zu haben.
26. Januar 1998. In einer Pressekonferenz bestreitet Bill Clinton, Sex mit "dieser Frau, Miss Lewinsky", gehabt zu haben.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Lügen haben lange Nasen: Gesicht und Gesten verraten alles

Von Ina Brzoska

Rund 65 Prozent der zwischenmenschlichen Kommunikation laufen nonverbal ab. Psychiater und Kriminologen suchen daher in Gesichtern nach Details, um auf verborgene Gefühle zu schließen. Oft zeigt sich dort in weniger als einer Sekunde der wahre Seelenzustand. Der ehrlichste Körperteil des Menschen aber sind seine Füße.

Es sind nicht die Worte, es sind die Gesten, die den Lügner entlarven. Als Bill Clinton zu seiner Affäre mit Monica Lewinsky befragt wird, beteuert er wieder und wieder seine Unschuld. Es geht um Sex mit einer jungen Praktikantin, um Ehebruch, um die Ehre einer Nation. Es ist das Jahr 1998, und ein US-amerikanisches Staatsoberhaupt muss sich erstmals vor der Grand Jury verantworten. Clinton windet sich recht geschickt heraus, weicht auf formal juristische Pseudo-Antworten aus. Zugeben will er nichts. Psychiater, die seine Körpersprache analysieren, machen Clintons Gesten misstrauisch. 26 Mal fasst der Befragte sich an die Nase, als Staatsanwälte ihn fragen, ob er Sex mit Monica Lewinsky hatte.

Winzigkeiten, in einem wohl bestens vorbereiteten Täuschungsversuch des ehemaligen US-Präsidenten. Die Psychiater Alan Hirsch und Charles Wolf von der "Smell and Taste Foundation" der Universität Chicago können sogar wissenschaftlich belegen, dass das Riechorgan beim Lügen länger wird. Pinocchio-Effekt nennen sie die Stressreaktion. Beim Lügen setzt der Körper unter anderem Hormone frei, die den Blutfluss in der Nase verstärken. Sie schwillt an und wächst tatsächlich um Millimeterbruchteile.

Mimik ist schwer manipulierbar

Was auch immer wir erzählen: Gestik und Mimik verraten, ob es stimmt. Doch nicht jeder weiß die Körpersprache zu deuten.
Was auch immer wir erzählen: Gestik und Mimik verraten, ob es stimmt. Doch nicht jeder weiß die Körpersprache zu deuten.(Foto: picture alliance / dpa)

An unserer Sprache, unserer Rhetorik können wir feilen. Doch was der Rest des Körpers währenddessen tut, ist viel schwerer beeinflussbar. Darum sind Gesten oder Bewegungen viel aussagekräftiger als Worte. Über 10.000 Mikroausdrücke haben Forscher allein in der menschlichen Mimik ausgemacht. Sie drücken universelle Emotionen aus: Ekel, Ärger, Angst, Traurigkeit, Freude, Überraschung und Verachtung. Im Gegensatz zum gesprochenen Wort, entstehen Emotionen aus dem Bauch heraus. Reiz-Reaktionssprache nennen Wissenschaftler das. Sie folgt keiner Logik und ist nur unter großen Anstrengungen manipulierbar. Blitzen Mikroausdrücke während eines Verhörs auf, lassen sich verdeckte Gefühle ablesen.

Ein Vorreiter auf diesem Gebiet der Mikroausdrücke ist der US-amerikanische Emotions-Psychologe Paul Ekman. Das Gesicht, so der Wissenschaftler, ist das Fenster zum Ich. In zahlreichen Tests studierte Ekman unterschiedlichste Regungen. Er entwickelte das sogenannte Facial Action Coding System (FACS), das heute Psychiatern und Kriminologen bei der Einschätzung von Patienten oder potenziellen Verbrechern dient. Der Schlüssel zur Wahrheit liegt oft in winzigen Details, die eine gut trainierte Beobachtungsgabe erfordern.

Ein Lächeln zu fälschen ist leicht

Täuschungsversuche, egal, ob sie uns Lust oder Angst bereiten, setzen den Körper unter Stress. Er reagiert darauf mit plötzlichen Veränderungen in Mimik und Gestik. Wir lecken uns die Lippen, fahren mit der feuchten Hand über die Hose, weichen mit dem Blick aus oder zupfen am Kragen, runzeln die Stirn, blinzeln. Besonders auffällig ist, wenn sich im Gespräch das Verhalten plötzlich ändert. Clinton beispielsweise rieb sich genau dann so oft an der Nase, als Staatsanwälte auf die sexuelle Beziehung zu Lewinsky zu sprechen kamen.

Dieses Lächeln dürfte dem tatsächlichen Gemütszustand entsprechen: Daniela Schulte gewann bei den Paralympics die Goldmedaille im Schwimmen über 400 Meter Freistil.
Dieses Lächeln dürfte dem tatsächlichen Gemütszustand entsprechen: Daniela Schulte gewann bei den Paralympics die Goldmedaille im Schwimmen über 400 Meter Freistil.(Foto: picture alliance / dpa)

65 Prozent macht nonverbale Kommunikation aus, beim Liebesakt steigert sich der Anteil sogar auf 100 Prozent. Trotzdem fällt es Laien oft schwer, in Gesichtern zu lesen, schreibt Ekman in seinem Buch "Gefühle lesen". Von Kindesbeinen an lernen wir, Masken aufzusetzen. Lächeln können wir am besten vortäuschen, weil es in allen gesellschaftlichen Bereichen goutiert wird. Da ist die strahlende Verkäuferin, das grinsende Kind, der freudig dreinblickende Kollege. Doch spiegelt das Lächeln auch den tatsächlichen Gemütszustand wider?

Unterbewusst spüren Menschen, wie authentisch sich unser Gegenüber verhält. Jeder, der Clinton beobachten konnte, hat gemerkt, dass er nicht die Wahrheit sagt. Instinktiv besitzen wir die Fähigkeit, Ungereimtheiten zu erkennen – der sensible Beobachter noch ein bisschen eher als andere. Ekman kann die Mikroausdrücke, die wir unterbewusst spüren, an Bildern nachweisen. Zahlreiche Emotionen hat er gefilmt, in Standbildern zeigt sich oft der wahre Seelenzustand – manchmal in weniger als einer Sekunde.

Die Augen beispielsweise nehmen in der Sprache des Gesichtes eine zentrale Rolle ein. Beim ehrlich gemeinten Lächeln öffnen sich die Pupillen, man lässt das Licht und die Botschaft in unsere Sinne eindringen. "Die entscheidende Muskelgruppe, die ein echtes Lächeln belegt, befindet sich um die Augen". "Zeichnen sich keine Krähenfüße dort ab, dann setzt die Person womöglich eine Maske auf", so Ekman.

Verräterische Sekundenbruchteile

Immer öfter profitieren auch Ärzte von seinen Erkenntnissen. Ekman beschreibt den Fall einer 40 Jahre alten Patientin, die an Depressionen litt und mehrfach versucht hatte, sich umzubringen. Der Arzt zögerte, eigentlich wollte er sie ins selbstbestimmte Leben entlassen. Die Patientin zeigte sich lächelnd, hoffnungsfroh, beteuerte, dass es ihr besser ginge und sie in den eigenen vier Wänden schneller genesen würde. Der Arzt aber fragte sich, ob sie nicht nur eine neue Möglichkeit suchte, sich das Leben zu nehmen. Die Analyse ihrer Gesichtsausdrücke belegte die Ahnung des Arztes. An einem Punkt fragte er die Patientin nach ihren Plänen für die Zukunft. In einem Sekundenbruchteil spiegelte sich starke Angst auf ihrem Gesicht wider – der Mikroausdruck ließ sich nur mittels Zeitlupe erkennen.

Während Mimiken viel Aufmerksamkeit und Konzentration eines geschulten Beobachters erfordern, sind Gesten und Bewegungen oft leichter deutbar. Überraschenderweise lohnt sich der Blick auf die unteren Gliedmaßen. "Unser ehrlichstes Körperteil sind die Füße", schreibt der ehemalige FBI-Agent Joe Navarro, der über zwei Jahrzehnte Spione und Verbrecher anhand ihrer Körpersprache enttarnte.

In seinem Buch "Menschen lesen" beschreibt er unsere "anatomischen Wunderwerke", mit denen sich Menschen bereits vor Millionen von Jahren vor Gefahren wappneten, lange bevor die Sprache erfunden wurde. Innehalten, davonlaufen, treten. "Diese ursprünglichen Reaktionen haben wir so verinnerlicht, dass unsere Füße und Beine heute noch ähnlich auf Gefahr oder auf uns unsympathische Personen oder Situationen reagieren", so Navarro.

Politiker verstecken die Füße

Fühlen wir uns in die Enge getrieben oder gar bei einer Lüge ertappt, werden die Füße wippen, ihre Richtung wird wechseln, dorthin, wo ein Fluchtweg besteht. Spitzenpolitiker wissen um die Aussagekraft ihrer unteren Gliedmaßen. In Fernsehdiskussionen verdecken sie Beine und Füße deshalb gerne hinter einem Pult. Nervöses Trippeln, während Wahlversprechen abgegeben werden, wirkt unglaubwürdig. Was Bill Clinton anbelangt: Man hätte gerne gewusst, was unterm Tisch passierte, als die Grand Jury ihn verhörte. Leider ist auf den Videos nur sein Oberkörper sichtbar.

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Quelle: n-tv.de

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