Wissen
Paprika statt Pillen, empfehlen Experten.
Paprika statt Pillen, empfehlen Experten.(Foto: picture-alliance / dpa)

Nahrungsergänzungsmittel mit Nebenwirkungen: "Gesunde Menschen brauchen keine"

Ob Vitamine, Mineralien oder pflanzliche Substanzen - Nahrungsergänzungsmittel liegen voll im Trend. Immer mehr Menschen geben immer mehr Geld für Präparate aus, die ihre Gesundheit unterstützen sollen. Warum der gewünschte Effekt so selten eintritt und manche nicht nur ihre Gesundheit, sondern sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, erklärt Prof. Dr. Burkhard Göke.

n-tv.de: Immer mehr Menschen nehmen täglich sogenannte Nahrungsergänzungsmittel. Ist das ein Trend, der Ihnen Angst macht?

Der Engländer weiß: An apple a day, keeps the doctor away ...
Der Engländer weiß: An apple a day, keeps the doctor away ...(Foto: Sassi, pixelio)

Burkhard Göke: Ja, das macht mir tatsächlich Angst. Der Grund dafür ist vor allem, weil immer mehr gesunde Menschen zu solchen Produkten greifen, meistens, um im Alltag leistungsfähiger zu sein. Sowohl Werbung und Einnahmen der Hersteller als auch die Gutgläubigkeit der Verbraucher haben in letzter Zeit massiv zugenommen. Viele gesunde Menschen hören oder sehen die vielversprechenden Wirkungen verschiedener Nahrungsergänzungsmittel, gehen nach Hause und bestellen einfach die Präparate, von deren Werbeversprechungen sie am meisten angesprochen werden. Es gibt kaum die Auseinandersetzung mit Inhaltsstoffen, Herkunft oder möglichen Nebenwirkungen. Auch auf den Rat eines Arztes wird ganz verzichtet.

Gehen die Menschen, die Sie gerade beschreiben, fahrlässig mit ihrer Gesundheit um, obwohl ihre Absicht das genaue Gegenteil ist?

Auf jeden Fall, denn es gibt genug Beispiele, bei denen Nahrungsergänzungsmittel zu lebensbedrohlichen Zuständen geführt haben. So belasten zum Beispiel zu viele fettlösliche Vitamine über einen langen Zeitraum eingenommen die Nieren. Aber auch eine relativ kurze Einnahme von zuviel Vitamin A kann schon zu Übelkeit, Kopfschmerzen und Haarausfall führen.

Wie viele Nahrungsergänzungsmittel gibt es denn zurzeit?

(Foto: Knipseline, pixelio)

Das kann ich nicht sagen, denn der Markt sowie die Umsätze darin sind riesig. Vor allem im Internet gibt es einen sogenannten wilden Markt der Nahrungsergänzungsmittel. Daraus entstehen erhebliche Probleme. Nur selten geben die Hersteller die genaue Zusammensetzung ihrer Mittel oder die Herkunft der Inhaltsstoffe preis. Präparate, die im Ausland verkauft werden, müssen nicht einmal nach den Kriterien des deutschen Lebensmittelschutzgesetzes hergestellt werden. Zudem werden die Verbraucher so gut wie gar nicht vor möglichen Nebenwirkungen gewarnt. So kommt es nicht selten zu Verunreinigungen, die zu langfristigen gesundheitlichen Schäden führen können.

Sprechen Sie nur von chemisch hergestellten Mitteln oder auch von natürlichen?

Von beiden. Um das zu verdeutlichen, ist das berühmte Johanniskraut, das als natürliches Schlafmittel propagiert wird, ein gutes Beispiel. Es gibt immer mehr Menschen, die allergisch auf natürliche Stoffe reagieren. Selbst in unserer Klinik hatten wir Fälle von akutem Leberversagen nach der Einnahme von Johanniskraut. Bei Allergie sind diese Substanzen für die Menschen nicht nur schädlich, sondern können sogar lebensbedrohliche Zustände herbeiführen. Es gibt quasi beim Verbraucher gar kein Bewusstsein dafür, dass in bester Absicht eingenommene Mittel erhebliche gesundheitliche Schäden anrichten können.

Wie bewerten Sie die sogenannten Leberschutzmittel, die relativ neu auf dem Markt sind?

In jüngster Zeit werden vor allem im Internet sogenannte Leberschutzpräparate angepriesen. Die Hersteller behaupten, dass diese Präparate die Gesundheit der Leber in besonderer Weise unterstützen. Für die Wirksamkeit der Präparate gibt es keinerlei Beweise. Das Schlimme an der Sache ist, dass diese Leberschutzmittel lebertoxische Wirkungen haben können.

Gibt es überhaupt Menschen, für die Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind?

In Deutschland ist es so, dass gesunde Menschen, die eine gesunde Mischkost zu sich nehmen, keine Nahrungsergänzungsmittel benötigen. Es gibt allerdings bestimmte Risikogruppen bei Kindern und Heranwachsenden, Schwangeren und Stillenden, Vegetariern oder diäthaltenden Menschen, Senioren und Alkoholabhängigen, für die es bestimmte ergänzende Präparate gibt, die allerdings vom Arzt verordnet werden sollten.

Wenn ich zu einer dieser Gruppen gehöre, wie bekomme ich denn heraus, welche Nahrungsergänzungsmittel für mich geeignet sind?

Indem Sie zuerst zu Ihrem behandelnden Arzt gehen und mit diesem über die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sprechen. Viele Nahrungsergänzungsmittel, auch vom Arzt empfohlene, müssen vom Patienten selbst bezahlt werden, weil es nur für wenige dieser Stoffe einen eindeutigen Wirknachweis gibt. Je nachdem, zu welcher der Risikogruppen Sie gehören, wird der Arzt Ihnen zu bestimmten Präparaten raten oder mittels eines Bluttests den Mangel überprüfen. Vereinfacht kann man jedoch sagen, für die Präparate, die die Kassen erstatten, gibt es auch einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis, alles andere ist quasi überflüssig.

Es scheint einen Widerspruch zwischen Wirksamkeit und Absatzzahlen von Nahrungsergänzungsmitteln zu geben. Was wünschen Sie sich diesbezüglich für die Zukunft?

Burkhard Göke ist Direktor der Medizinischen Klinik II des Klinikums der Universität München.
Burkhard Göke ist Direktor der Medizinischen Klinik II des Klinikums der Universität München.

Das ist richtig. Im Großen und Ganzen geht es mir um drei Dinge: Erstens mache ich mir große Sorgen um den Wildwuchs im Internet. Für mich als Arzt ist es erschreckend, was Sie dort alles kaufen können. Die Suggestion der Werbung ist, dass alles was natürlich ist, auch gesund ist. Das ist falsch. Hier bedarf es einer Menge Aufklärungsarbeit. Zweitens wünsche ich mir, dass Verbraucher eine neue Wahrnehmung gegenüber Nahrungsergänzungsmittel entwickeln. Es muss einfach klar werden, dass solche Präparate ein gewisses Gesundheitsrisiko in sich tragen können. Sollten gesundheitliche Veränderungen parallel zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auftreten, dann gilt es, diese schnell abzusetzen und einen Arzt aufzusuchen. Drittens wünsche ich mir von meinen Kollegen, dass sie bei der Anamnese ganz gezielt nach der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln fragen, damit das Problem an den Wurzeln gepackt werden kann.

Mit Burkhard Göke sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen