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Herbizid in aller Munde: Glyphosat - die Fakten

Von Andrea Schorsch

Seit Monaten wird darüber gestritten: Sollte die Verwendung von Glyphosat auf europäischem Ackerland weiterhin erlaubt sein oder nicht? Hier erfahren Sie, worum es in der Diskussion geht, was sie so schwierig macht und wer sich wie positioniert.

1. Warum ist Glyphosat zurzeit ein so großes Thema?

Die Zulassung für Glyphosat läuft europaweit am 30. Juni 2016 aus. Bis dahin muss über eine Wiederzulassung entschieden werden. Der zuständige Ausschuss bei der EU-Kommission will am 19. Mai 2016 einen entsprechenden Beschluss fassen.

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2. Was ist Glyphosat überhaupt?

Es ist der in Deutschland und auch weltweit am häufigsten eingesetzte Wirkstoff in Unkrautvernichtungsmitteln. Nicht entsprechend genmanipulierte Pflanzen, die mit Glyphosat besprüht werden, sterben ab.

Es ist nicht Glyphosat allein, das auf dem Feld landet, sondern es sind Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat als Wirkstoff enthalten. Es wird also zusammen mit anderen Substanzen aufgesprüht – beispielsweise solchen, die dafür sorgen, dass das Glyphosat gut an den Pflanzen haftet. Zu beachten ist, dass die Begleitstoffe ganz eigene Wirkungen haben können. Deswegen kann es einen Unterschied ergeben, ob allein Glyphosat untersucht wird oder ob glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel Gegenstand der Studien sind.

3. Wofür wird Glyphosat verwendet?

Der Stoff wird seit den 1970er-Jahren als Unkrautvernichtungsmittel in der Landwirtschaft eingesetzt. Da Glyphosat alle Pflanzen – also auch Getreide – absterben lässt, wird es in Deutschland vor der Aussaat auf dem Acker verteilt. Unkraut wächst dann gar nicht erst. Mittlerweile gibt es auch gentechnisch verändertes Getreide, das den Einsatz von Glyphosat überlebt. In Ländern, in denen der Anbau dieses Getreides erlaubt ist, wird das Herbizid auch während des Getreidewachstums versprüht.

Glyphosat ermöglicht es konventionellen Agrarbetrieben, aufs Pflügen zu verzichten. Eine solche mechanische Bodenbearbeitung würde das Gift überflüssig machen. Bio-Bauern kommen daher ohne Glyphosat aus.
Mitunter wird das Gift in Deutschland auch kurz vor der Ernte eingesetzt, dann lassen sich die Getreidehalme besser schneiden.

4. Warum ist es so umstritten?

Glyphosat steht unter dem Verdacht, die menschliche Gesundheit zu gefährden. Es gibt vonseiten der Wissenschaft unterschiedliche Antworten auf die Frage, ob und in welchem Maße Glyphosat krebserregend sein könnte.

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5. Wie umfangreich ist es im Einsatz?

Der US-Konzern Monsanto verkauft Glyphosat unter dem Markennamen Roundup auf der ganzen Welt. Er ist der Hauptlieferant und hat auch das genmanipulierte Getreide im Angebot, das gegen das Herbizid resistent ist.

In Deutschland wird Glyphosat auf rund 40 Prozent der Ackerfläche verwendet - pro Jahr in einer Menge von etwa 6000 Tonnen.

6. Wie sind die offiziellen Grenzwerte?

Der Grenzwert für Trinkwasser liegt bei 0,0001 Milligramm pro Liter.
Die erlaubte aufgenommene Tagesdosis liegt bei 0,3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Das also ist den Behörden zufolge die Menge, die ein Mensch sein Leben lang täglich aufnehmen kann. Das Bundesamt für Risikobewertung schlägt vor, hier großzügiger zu sein und 0,5 Milligramm pro Kilogramm zuzulassen.

Bei einem Menschen, der mit Herbiziden arbeitet – wie etwa Bauern – liegt die tägliche maximale Aufnahmemenge bei 0,2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Hier schlägt das Bundesamt für Risikobewertung eine Reduzierung auf 0,1 Milligramm pro Kilogramm vor.

7. Wo ist wie viel Glyphosat drin?

Das Umweltinstitut München fand Glyphosat in Bier. Die Werte lagen bei 0,00046 bis 0,029 Milligramm pro Liter und damit deutlich über der in Trinkwasser erlaubten Menge.

Eine Studie, die von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in Auftrag gegeben worden war, wies Glyphosat in Muttermilch nach. Die Werte: 0,00021 bis 0,000432 Milligramm pro Liter. 16 Proben waren untersucht worden.
Eine Studie des Bundesamtes für Risikoforschung untersuchte 114 Muttermilch-Proben. Hier waren alle Proben negativ bei einer Nachweisgrenze von 0,0001 Milligramm pro Liter.

Das Umweltbundesamt (UBA) gab eine Studie in Auftrag, die menschliche Urinproben auf Glyphosat untersuchte. 400 Proben aus den Jahren 2001 bis 2015 wurden untersucht. Ergebnis: 10 Prozent der Studien aus 2001 waren positiv, 60 Prozent der Proben aus 2012/13, 40 Prozent der Proben aus 2014/15. Die Werte lagen bis 2013 unter 0,0007 Milligramm pro Liter. Danach kletterten sie auf bis zu 0,0028 Milligramm pro Liter. Das UBA kommt zu dem Schluss, dass die Bevölkerung heute häufiger mit Glyphosat in Kontakt kommt als noch vor 15 Jahren.

Im Auftrag vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland wurden 182 Urinproben aus 18 europäischen Ländern untersucht. 44 Prozent waren positiv, der maximal gemessene Wert lag bei 0,0018 Milligramm pro Liter.

Die Zeitschrift Öko-Test wies Spuren von Glyphosat in Getreideprodukten wie Mehl, Haferflocken und Brötchen nach.

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8. Wer bewertet Glyphosat wie?

In Deutschland untersuchte das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) die Auswirkungen von Glyphosat auf die menschliche Gesundheit. Es betrachtete Glyphosat allein. Das BfR führte selbst keine Studien durch, sondern es wertete 370 bestehende Studien sowie mehr als 900 Literaturstellen aus. Ein Teil der Publikationen kam von Glyphosat-Herstellern selbst; darunter sind auch Studien, die unter Hinweis auf Geschäftsgeheimnisse nicht öffentlich zugänglich sind. Ergebnis des BfR: Bei fachgerechter Anwendung finde sich kein Anhaltspunkt für eine krebserzeugende Wirkung. Zudem sei Glyphosat nicht erbgutschädigend, nicht fortpflanzungsschädigend, nicht fruchtschädigend und kein Nervengift. Allerdings weist das BfR darauf hin, dass Stoffe, mit denen zusammen Glyphosat Anwendung findet, die Toxizität erhöhen können. Deshalb müssten Pflanzenschutzmittel separat bewertet werden.

Eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Internationale Agentur für Krebsforschung (kurz IARC), untersuchte die gesundheitlichen Folgen verschiedener Pflanzenschutzmittel. Dafür wertete sie öffentlich zugängliche Studien aus sowie Daten aus Regierungsberichten. Zum Teil analysierte die IARC dieselben Studien, die sich auch das BfR vorgenommen hatte. Im Unterschied zu diesem beschäftigte sich die WHO-Einrichtung aber nicht isoliert mit Glyphosat, sondern eben mit Gemischen, in denen Glyphosat Verwendung findet. Ergebnis: Die IARC sieht "begrenzte Hinweise" für eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen. Bei Versuchstieren gebe es "ausreichende Beweise". Gemische, die auch Glyphosat enthalten, werden als "wahrscheinlich krebserregend" beurteilt. Bei der IARC fallen sie damit in dieselbe Kategorie wie rotes Fleisch, UV-Strahlung und Schichtarbeit. Das bedeutet: Wie hoch das Risiko ist, durch Glyphosat tatsächlich an Krebs zu erkranken, hängt letztlich davon ab, wie oft und in welchem Maße man die Chemikalie aufnimmt.

Das Fachgremium JMPR (für Joint Meeting on Pesticide Residues), ebenfalls eine Einrichtung der WHO, kommt zu dem Ergebnis, dass Glyphosat nicht krebserregend sei. Das Gremium hält es für unwahrscheinlich, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme ein Gesundheitsrisiko darstelle. Das JMPR beruft sich auf Studien an Ratten.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (kurz EFSA) erstellt für die EU Gutachten zur Lebensmittelsicherheit. Bei der Bewertung von Glyphosat berücksichtigte sie den BfR-Report. Das Ergebnis: Sie hält Glyphosat für "wahrscheinlich nicht krebserregend" und spricht sich für eine Wiederzulassung der Chemikalie durch die EU-Kommission aus. Allerdings weist die EFSA darauf hin, dass glyphosathaltige Gemische möglicherweise erbgutschädigend sind.

Rund 100 Wissenschaftler aus 25 Ländern, die sich mit Glyphosat-Studien auseinandergesetzt haben, fordern in einem offenen Brief, die Empfehlung der EFSA zu ignorieren. Sie halten das Vorgehen der Behörden für "wissenschaftlich inakzeptabel".

9. Wie sind die Positionen innerhalb der EU?

Frankreich will gegen die weitere Zulassung von Glyphosat stimmen. Auch Schweden, die Niederlande und Italien sind dagegen. In Deutschland herrscht zwischen dem Umweltministerium einerseits und dem Agrarministerium andererseits Uneinigkeit. Während Umweltministerin Barbara Hendricks ankündigt, dass die SPD eine Wiederzulassung von Glyphosat ablehnen wird, hat Agrarminister Christian Schmidt von der CSU kein Verständnis für diese Position. Deutschland wird sich daher wohl bei der Abstimmung enthalten.

10. Wie wird die Geschichte ausgehen?

Das ist ungewiss. Für eine Wiederzulassung ist die qualifizierte Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten nötig. Bei einer Enthaltung Deutschlands wird es daher spannend.
Sollte eine Wiederzulassung beschlossen werden, müssten die Hersteller innerhalb weniger Monate nachweisen, dass Glyphosat keine Nebenwirkungen für das menschliche Hormonsystem hat, und die derzeit auf dem Markt befindlichen glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel müssten erneut zugelassen werden. Bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen wäre ein Verbot des Herbizids weiterhin möglich.

Kommt die Wiederzulassung nicht durch, sind Alternativen zu Glyphosat gefragt – solche, die nicht unter dem Verdacht stehen, allein oder in Kombination mit anderen Stoffen gesundheitsgefährdend zu sein.

Quelle: n-tv.de

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