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Unter den drei Internetsüchten ist die Abhängigkeit von Computerspielen am häufigsten. Die Cybersex-Sucht rangiert auf Platz zwei, die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken holt auf.
Unter den drei Internetsüchten ist die Abhängigkeit von Computerspielen am häufigsten. Die Cybersex-Sucht rangiert auf Platz zwei, die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken holt auf.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 17. Februar 2015

Spiele, Sex und Social Media: Internetsucht: Wenn das Netz zur Falle wird

Es muss nicht Cybersex sein. Auch Online-Spiele und Social Media verführen. Bleiben Wünsche unerfüllt, Ziele unerreicht, flüchten sich immer mehr Menschen ins Internet – und werden abhängig. In die Medienambulanz von Bert te Wildt kommen viele verzweifelte Jugendliche und Erwachsene. Im Gespräch mit n-tv.de erzählt der Arzt und Psychotherapeut, woran man Internetsucht erkennt, wie man vorbeugt und wie sie sich behandeln lässt.

n-tv.de: Herr te Wildt, woran erkennt man Internetabhängigkeit?

Bert te Wildt: Allein daran, wie lange jemand im Internet ist, erkennt man es in der Regel nicht. Man muss schauen, ob jemand die Kontrolle über seinen Internetkonsum verloren hat, ob er ständig darüber nachdenkt, ob er Entzugserscheinungen entwickelt, wenn er gerade nicht online sein kann, und – wichtig – ob ein Lebensbereich dadurch geschädigt ist.

Wann ist ein Lebensbereich geschädigt?

Wenn der Internetkonsum dazu führt, dass jemand die Körperpflege vernachlässigt oder kaum noch isst und schläft, sich also nicht mehr um seinen Körper kümmert, oder wenn er sich nicht mehr mit Freunden trifft oder Schule, Studium, Arbeit vernachlässigt.

Bemerken es die Betroffenen selbst, dass sie internetabhängig sind? Oder ist es meist das Umfeld, das sagt: "Da stimmt was nicht"?

Bert te Wildt leitet als Oberarzt die Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum und behandelt dort Internet- und Computerspielabhängige.
Bert te Wildt leitet als Oberarzt die Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum und behandelt dort Internet- und Computerspielabhängige.(Foto: Gregor von Glinski/Droemer Knaur)

Häufig sind es Angehörige, die sich bei uns melden; meistens Eltern von computerspielabhängigen Söhnen, manchmal auch Ehefrauen oder Arbeitgeber von cybersexsüchtigen Männern. Aber dadurch, dass das Krankheitsbild zunehmend bekannt wird, entwickeln auch immer mehr Betroffene selbst eine Krankheits- und Behandlungseinsicht.

Computerspielabhängige Söhne, cybersexsüchtige Männer … Sind es meist Jungen und Männer, die internetabhängig sind?

Wir beobachten derzeit drei Arten von Internetabhängigkeit: Am häufigsten ist die Computerspiel-Abhängigkeit, am zweithäufigsten die Cybersex-Sucht und am dritthäufigsten die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Bei dieser Abhängigkeit, der von den sozialen Netzwerken, spielen insbesondere junge Frauen eine Rolle. Von den beiden anderen Abhängigkeiten sind eher Jungen und Männer betroffen.

Wie kann man rechtzeitig gegensteuern?

Wenn man das Gefühl hat, von einer Anwendung im Internet wie von einem Sog angezogen zu werden, dann ist es gut, sich selbst Regeln aufzuerlegen und die Internetnutzung sowohl inhaltlich als auch zeitlich zu begrenzen. Das kann bedeuten, den eigenen Account zu löschen. Möglicherweise ist es aber auch erstmal hilfreich, eine kontrollierte Nutzung und nicht eine vollständige Abstinenz von dem Internet-Bereich anzustreben. Das heißt, sich zu sagen: Ich habe ein bestimmtes Zeitkontingent, zum Beispiel pro Tag nicht länger als zwei Stunden oder pro Woche nicht länger als 14 Stunden, dann kann man es ein bisschen flexibel handhaben. Und dann schaut man: Kriege ich das hin? Oder spiele ich immer noch bis in die Nacht? Oder verdaddele ich weiterhin das ganze Wochenende? Dann ist es wirklich wichtig, eine radikale Lösung anzustreben und so einen Account aufzugeben.

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Noch besser, als zu planen, etwas nicht mehr zu tun, ist, zu planen, was man stattdessen lieber tut. Deswegen schaut man: Was muss ich in meinem Leben ändern, damit es gegenüber der virtuellen Welt gut dasteht? Wie kann ich in meinem realen Leben mit anderen Menschen, mit Sport, mit Hobbys einen Kick erzielen, der mir genauso viel Freude bereitet? Sich aktiv mit Freunden zu treffen, intensiv Sport zu treiben, das sind die besten Rezepte gegen Internetabhängigkeit. Auch eine gute Schlafhygiene und Erfolgsziele im Berufsleben oder in der Ausbildung sind gute Schutzfaktoren.

Wie lange dürfen denn jüngere Kinder, also im Grundschulalter, am Computer sitzen? Ab wann wird es zu viel?

Internetabhängigkeit ist eine lebensgefährliche Sucht. In seinem Buch "Digital Junkies" erklärt te Wildt die Risiken dieser sich so rasch ausbreitenden Krankheit und zeigt Präventionsmaßnahmen auf.
Internetabhängigkeit ist eine lebensgefährliche Sucht. In seinem Buch "Digital Junkies" erklärt te Wildt die Risiken dieser sich so rasch ausbreitenden Krankheit und zeigt Präventionsmaßnahmen auf.

Es gibt Eltern, die fahren gut damit, ihre Kinder im privaten Rahmen im frühen Grundschulalter noch gar nicht an den Computer zu lassen. In der Medienforschung heißt es, dass Kinder erst ab acht Jahren richtig zwischen virtueller und realer Welt unterscheiden können. Die Heranführung an die virtuelle Welt hat also erst ab der dritten Klasse wirklich Sinn. Mehr als zwei Stunden Bildschirmnutzung pro Tag, Fernsehen eingerechnet, sind aus meiner Sicht für kein Kind und keinen Jugendlichen sinnvoll. Bis zu einem gewissen Alter kann es also hilfreich sein, dass Eltern tageweise nicht mehr als zwei Stunden erlauben. Und dann geben sie den Kindern beziehungsweise Jugendlichen irgendwann mehr Verantwortung in die Hand und sagen: Du kannst dir das einteilen über die Woche hinweg. Wenn das Kind zum Beispiel donnerstags zum Sport geht, darf es dafür am Samstag ein bis zwei Stunden länger an den Computer. Letztlich geht es darum, dass Kinder und Jugendliche in die Lage versetzt werden, Inhalte und Zeiten am Computer irgendwann selbst verantwortungsbewusst zu gestalten und zu regeln.

Gibt es noch etwas, das Eltern tun können?

Es kann hilfreich sein, in der Familie erstmal viel mit Gemeinschaftsgeräten zu arbeiten. Es ist immer gefährlich, Kindern zu früh Bildschirmmedien ins Zimmer zu stellen. Das machen Eltern manchmal ganz gern, wenn sie sich selbst ein neues Gerät kaufen, denn das Kind freut sich auf jeden Fall über das ausrangierte. Das ist aber problematisch aus meiner Sicht, insbesondere bei kleinen Kindern. Der freie Zugang zum Fernsehen und zum Internet ist ein Problem, auch inhaltlich - was Darstellungen von Sex and Crime und auch, was Übergriffe von Menschen angeht, die beispielsweise manipulativ oder pädophil sind. Da ist es gut, erstmal nur einen Desktop-Computer und vielleicht noch einen Laptop und ein Tablet in der Familie zu haben, und zu sagen: Die Nutzung dieser Medien erfolgt nur in den Gemeinschaftsräumen. So kann man den Kindern über die Schulter gucken und sehen, ob sie zeitlich und inhaltlich mit dem Internetangebot umgehen können. Melden sie sich, wenn sie etwas Verstörendes gesehen haben? Können sie von selbst ausschalten? - Das ist wichtig, um ihnen dann nach und nach mehr Eigenverantwortung in die Hand zu geben.

Wie wird Internetabhängigkeit therapiert?

Die schon angesprochene Abstinenz von den Internetanwendungen, die die eigentliche Abhängigkeit ausgelöst haben, ist das, was die Wissenschaft nach internationalem Kenntnisstand empfiehlt. Gleichzeitig ist es aber ebenso wichtig, zu schauen: Was machen die Patienten stattdessen? Denn häufig fallen sie im Entzug sonst in ein großes Loch. Sie werden richtig depressiv, wenn sie es nicht schon vorher gewesen sind. Internetabhängigkeit geht oft mit Depressionen einher. Wichtig ist also: Wie können die Menschen wieder positive Erfahrungen machen? Wie können sie wieder Kontakt aufnehmen zu Freunden oder neue Freunde finden? Wie können sie wieder etwas erleben, das ihr Selbstwertgefühl steigert – in der Schule, im Studium, in der Ausbildung, im Beruf? Wie können sie wieder in ihren Körper hineinschlüpfen und sich in ihm wohlfühlen? Durch Sport, durch Körperpflege, durch regelmäßige Ernährung, durch etwas, was sie draußen machen, bei Licht, und nicht nur im abgedunkelten Zimmer. So gewinnen sie neue Spielräume. Und genauso wichtig, wie das Abstinenzziel zu erreichen, ist es eben, diese neuen Spielräume mit Leben zu füllen.

Mit Bert te Wildt sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de

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