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Alzheimer-Patienten verlieren allmählich ihr Gedächtnis.
Alzheimer-Patienten verlieren allmählich ihr Gedächtnis.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Kraut gegen Alzheimer: Johanniskrautextrakt verhindert Plaques

Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen gegen die gefürchtete Alzheimer-Demenz sind Wissenschaftler fündig geworden. Ein spezifischer Extrakt aus dem Johanniskraut bewährt sich, nicht nur bei Mäusen. Wie es dazu kam und ob es das Präparat zu kaufen gibt, erklärt der Hirnforscher Professor Jens Pahnke, Leiter des Forschungslabores für Neurodegenerative Erkrankungen (NRL) an der Universität Magdeburg und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Professor Pahnke, wie sind Sie auf das Johanniskraut gekommen? Es ist doch eher ein Kraut, um die Stimmung zu heben.

Johanniskraut wird im Volksmund auch als Herrgottsblut bezeichnet.
Johanniskraut wird im Volksmund auch als Herrgottsblut bezeichnet.(Foto: picture-alliance / dpa)

Pahnke: Das war ein seltener Zufallsfund. In den letzten Jahren hat das Laborteam verschiedene Pflanzenextrakte getestet, denen nachgesagt wird, bei kognitiven Störungen zu helfen. Auf der Suche nach wirksamen Mitteln gegen die Alzheimer-Demenz sind wir unter anderem schon 2010 auf den Griechischen Bergtee (Griechisches Eisenkraut, Sideritis scarica) gestoßen. Da aber viele Alzheimer-Patienten auch überhäufig depressive Verstimmungen haben, wollten wir wissen, ob das Johanniskraut hier auch helfen könnte, und wenn ja, wie.

Sie haben die besten Ergebnisse mit 80-prozentigen ethanolischen Extrakten aus Johanniskraut erzielt. Was bedeutet das?

Für unsere Untersuchungen haben wir mit einer Firma zusammengearbeitet, die uns verschiedene Extrakte aus Johanniskraut hergestellt hat. Hierbei werden verschiedene Auszugsmittel genutzt, zum Beispiel 60-prozentiger und 80-prozentiger Ethanol. Tatsächlich hat sich ein 80-prozentiges Extrakt als das wirksamste in den Untersuchungen herausgestellt. Die Prozentangabe bezieht sich auf das Auszugs- oder Lösungsmittel Ethanol, das bei der Extraktion verwendet wird. Vereinfacht kann man sich diesen Prozess so vorstellen: Zuerst werden die Pflanzen getrocknet und zermahlen, dann wird das Pflanzenmaterial mit Ethanol aufgegossen und die festen Bestandteile wieder ausgefiltert. Danach wird der Ethanol abgedampft und das, was übrig bleibt, ist der Pflanzenextrakt.

Ihre wirksamen Extrakte waren außerdem besonders in ihrer Zusammensetzung.

Das stimmt. Die Extrakte, die im Labor besonders gut funktioniert haben, hatten besonders niedrige Konzentrationen an Hyperforin und Hypericin. Eigentlich verwunderlich, denn das sind Inhaltsstoffe im Johanniskraut, die lange Zeit für die beruhigenden Wirkungen verantwortlich gemacht worden sind. Wir konnten jedoch zeigen, dass das so gar nicht stimmt. Beide Stoffe stehen vielmehr in Verbindung mit den ungeliebten Nebenwirkungen und Medikamenteninteraktionen. Die bei uns wirksamen Extrakte hatten viel weniger dieser Stoffe enthalten.

Was hat der Johanniskrautextrakt in Ihren Versuchen mit Mäusen konkret bewirkt?

Alzheimer-Plaques (rot) mit Fresszellen (braun) im Gehirn von Mäusen.
Alzheimer-Plaques (rot) mit Fresszellen (braun) im Gehirn von Mäusen.(Foto: Prof. Jens Pahnke, Magdeburg)

Wir haben bereits vor zwei Jahren veröffentlicht, dass bei der Entstehung von Alzheimer zwei Transportmoleküle eine tragende Rolle spielen. Diese sind dafür verantwortlich, die löslichen Vorstufen der toxischen Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn heraus zu transportieren. Wir nennen diese Müllabfuhr an der Blut-Hirn-Schranke auch ABC-Transporter. Mit der Aktivierung dieser Transportmoleküle konnten wir die Alzheimer-Mäuse sehr gut behandeln. Nun stellte sich die Frage, wie man weitere Aktivatoren finden kann. Mit dem Extrakt aus dem Johanniskraut sind wir fündig geworden. Was genau in dem Johanniskraut diese enorme Wirkung entfaltet und diese wichtigen Transporter direkt aktiviert, können wir noch nicht sagen. Um das herauszubekommen arbeiten wir eng mit den Leibniz-Instituten für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle und für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben zusammen. Neben der Wirkung an der Blut-Hirn-Schranke hinaus hat der Johanniskrautextrakt auch die Fresszellen im Gehirn, die auch Mikroglia genannt werden, in Gang gesetzt. Diese fressen die Plaques und deren Vorstufen auf und verdauen diese. Beide Mechanismen gehen somit Hand in Hand und machen die Wirkung so enorm effektiv. Wir waren selbst sehr verwundert, da wir das nicht erwartet hatten.

Wenn Sie wissen, welches Präparat Alzheimer aufhalten oder sogar zurückdrängen kann - wird an einem Mittel geforscht?

Alzheimer-Demenz

Die Alzheimer-Demenz (AD) ist eine seit mehr als 100 Jahren beschriebene Erkrankung deren eigentliche Ursache trotz großer Anstrengungen noch immer nicht bekannt ist. Sie macht zwei Drittel aller Demenzerkrankungen aus. Aktuell wird von mehr als 30 Millionen Erkrankten weltweit ausgegangen. Neueste Hochrechnungen zeichnen ein dramatisches Szenario mit 106 bis 360 Millionen Erkrankten im Jahr 2050.

Diese neurodegenerative Erkrankung beginnt schleichend bereits im Alter von 45 bis 50 Jahren. Erst 20 bis 30 Jahre später finden sich die klinischen Symptome im Alltag. Es kann damit beginnen, dass man im Kaufhaus steht und plötzlich nicht mehr aus den Ausgang findet oder den Einkauf an der Kasse stehen lässt. Bereits geringe Störungen des Gedächtnisses, die erstmalig auftreten, können Vorboten dieser Erkrankung sein.

Das am besten wirksame Extrakt von den im Mausmodell getesteten ist als pflanzliches Antidepressivum bereits auf dem Markt und wird derzeit von Patienten genutzt, die bereits darum wissen. Das Präparat nennt sich LAIF900. Es stellte sich in den aktuellen Rückmeldungen der Patienten beziehungsweise Hausärzten als sehr wirksam heraus. Es gibt Betroffene, die nach dem Einsatz wieder lesen und schreiben konnten. Das zeigt uns, dass die Aktivierung funktioniert. Nach den derzeitigen Erfahrungen können wir sagen, dass nach zwei Monaten das Präparat anschlagen sollte.

Ist LAIF900 in der Apotheke frei verkäuflich?

Es ist gegenwärtig in zwei verschiedenen Varianten zu bekommen. LAIF900 ist zunächst als Antidepressivum für mittelstarke oder starke Depressionen zugelassen worden. Als die Verschreibungspflicht 2009 für solche Produkt eingeführt wurde, hat die Firma das Mittel in abgewandelter Form noch einmal auf den Markt gebracht. Das frei verkäufliche Präparat heißt LAIF900 balance und ist für leichte Depressionen zugelassen und sogar von den gesetzlichen Kassen übernommen. Das Päckchen mit 100 Tabletten kostet rund 40 Euro.

Und jeder, der einen Angehörigen mit Alzheimer hat, sollte das ausprobieren?

Professor Jens Pahnke ist Leiter des  Forschungslabores für Neurodegenerative Erkrankungen (NRL.ovgu.de) an der Universität Magdeburg und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).
Professor Jens Pahnke ist Leiter des Forschungslabores für Neurodegenerative Erkrankungen (NRL.ovgu.de) an der Universität Magdeburg und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).(Foto: Jens Pahnke)

Nicht, ohne vorher mit dem behandelndem Arzt darüber gesprochen zu haben! Denn das Präparat kann dazu führen, dass andere Medikamente schneller abgebaut werden. Hier muss unbedingt die Dosierung der anderen Präparate angepasst und ärztlich überwacht werden. Ansonsten wird schnell klar, ob es wirkt oder nicht. Mit den behandelnden Ärzten stehen wir in engem telefonischem Kontakt, wo erwünscht.

Kann man denn LAIF900 balance auch vorbeugend gegen Alzheimer einnehmen?

Darüber haben wir keine fundierten Erkenntnisse. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass wir darüber bald Rückmeldungen von Patienten und Angehörigen bekommen werden, aus denen wir so etwas ableiten könnten. Fakt ist aber, dass Alzheimer-Demenz und Depressionen im Alter oft kombiniert auftreten. Für uns als Wissenschaftler stellt sich aber hier die Frage, wenn Alzheimer und Depressionen so überdurchschnittlich häufig vorkommen, welche Verbindungen die Erkrankungen untereinander haben. Bedingen und fördern die Veränderungen im Alzheimer-Gehirn auch depressive Verstimmungen? Dann ist es natürlich gut, wenn man ein Präparat hat, das beide Symptomatiken lindern kann. Am wichtigsten für Patienten ist jedoch, mit kognitiven Problemen frühzeitig zum Arzt zu gehen, um eine möglich Demenz-Erkrankung auszuschließen oder zeitnah zu erkennen. Nur so lässt sich der Verlauf von Alzheimer gezielt aufhalten, wenn derzeit auch nur experimentell.

Es gibt ja die Meinung, dass es Alzheimer als Erkrankung gar nicht gibt. Was sagen Sie dazu?

Das ist eine Frage der Definition. Das, was Alois Alzheimer 1906 beschrieben hat, ist eine Alterung des Gehirns mit Ablagerungen und Verfall der Nervenzellen. Manche Menschen altern schneller und manche langsamer. Egal, ob man diesen Vorgang als physiologischen Alterungsprozess des Gehirns bezeichnet oder mit einem spezifischen Erkrankungsbegriff, wie der Alzheimer-Demenz, belegt. Die Betroffenen verlieren nach und nach ihr Gedächtnis. Das ist real und die Ärzte sehen es täglich bei ihrer Arbeit in der Klinik oder in der Praxis. Weder Ärzte noch die Pharmaindustrie verdienen aktuell daran, Patienten mit der Diagnose "Alzheimer" zu versehen, wie es oft behauptet wird. Es gibt bisher keine Lösung, diese Probleme aus der Welt zu schaffen. Für den Verlust des Gedächtnisses sind Proteinablagerungen im Gehirn verantwortlich und die Prozesse, die dazu führen, muss man bekämpfen. Die Pharmaindustrie hat sich in den letzten Jahren auf Grund der Misserfolge immer mehr zurückgezogen. Wir forschen weiterhin intensiv daran.

Mit Professor Jens Pahnke sprach Jana Zeh

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Quelle: n-tv.de

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