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So sah der Versuch real aus.
So sah der Versuch real aus.(Foto: Dong-Seon Chang / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, Tübingen)

Wenn zwei an einem Seil ziehen: Kooperation funktioniert auch ohne Worte

Um die Einschätzung über Kooperationsbereitschaft zu untersuchen, werden Probanden mit einem Seil verbunden. Sehen und hören können sie sich aber nicht. Reicht das für ein Urteil über den anderen aus?

Forscher des Max-Planck-Institutes für biologische Kybernetik Tübingen haben untersucht, ob Menschen auch ohne Sicht- und Hörkontakt soziale Informationen sammeln können. Die Probanden sollten, verbunden über ein Seil, die Kooperationsbereitschaft des jeweils anderen einschätzen. Die Art und Weise, wie der andere an einem Seil zog, um ihm gestellte Aufgaben zu erfüllen, reichte offenbar aus, um ein Urteil in Bezug auf die Bereitschaft zu fällen.

Der Versuch in einer Grafik.
Der Versuch in einer Grafik.(Foto: Dong-Seon Chang / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, Tübingen)

Für ihre Untersuchung kreierten die Forscher um Prof. Heinrich Bülthoff von der Abteilung Wahrnehmung, Kognition und Handlung diesen besonderen Versuchsaufbau. Bei dem Verhaltensexperiment waren zwei Probanden durch einen Sichtschutz getrennt. Beide sollten an einem Computer auf ihrer Seite Punkte sammeln. Das Seil, mit dem beide Studienteilnehmer verbunden waren, war allerdings nur so lang, dass jeweils nur einer die Tastatur des Computers erreichte. Ohne Worte mussten sich die Beteiligten nun einigen, um die Aufgabe zu erfüllen. Nach dem Experiment wurden die Probanden zu ihrem unsichtbaren Interaktionspartner befragt.

Kooperationsbereitschaft

Kooperationsbereitschaft ist die Fähigkeit eines oder mehrerer Menschen, die eigenen Bedürfnisse mit den Bedürfnissen anderer in gemeinsamen Aktivitäten abzustimmen. Kooperation bezeichnet in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit von Menschen, Gruppen oder Organisationen.

Kooperation auf einer zwischenmenschlichen Ebene ist von der Bereitschaft eines Menschen gekennzeichnet, sich auf die persönlichen Wünsche und Ziele eines anderen einzulassen. Eine Kooperation hat immer zum Ziel, gemeinsam mehr zu erreichen als alleine, wobei kooperatives Verhalten im Allgemeinen als erwünscht gilt.
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Dabei stellte sich heraus, dass die Teilnehmer vorgeprägte Erwartungen an das Verhalten ihres Partners hatten. Sie gingen nämlich davon aus, dass sich der verbundene Mitstreiter genauso verhält wie sie selbst. Beim Versuch kam es tatsächlich relativ oft dazu, dass sich die Teilnehmer fair verhielten und beim Punktesammeln abwechselten. Wie willig sich der Partner abwechselte, war das Kriterium, nachdem sich die anschließende Beurteilung der Kooperationsbereitschaft des Partners richtete.

Wer gegenhält, ist groß und männlich

Darüber hinaus zogen die Befragten auch persönliche Schlüsse über den Partner. Wurde das Punktesammeln gerecht verteilt, dann wurde der Partner als kooperativ, weiblich und eher klein eingeschätzt. Machte der Seilpartner dagegen, was er wollte, dann wurde er als egoistisch, männlich und eher groß wahrgenommen.  

Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen selbst in Situationen ohne Kommunikationsmöglichkeit soziale Informationen sammeln und Schlüsse über die Persönlichkeit des anderen ziehen. Vor allem scheint Reziprozität - ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhalten - ein wichtiges Merkmal für die Beurteilung von Interaktionspartnern zu sein.

Wozu das Ganze?

In Zukunft wird es immer mehr Situationen geben, in denen die Zusammenarbeit zwischen Menschen oder auch zwischen Mensch und Maschine gefragt ist, sind sich die Experten sicher. Zu wissen, wie eine perfekte Kooperation funktionieren kann, wäre dabei ein großer Vorteil. Rettungsroboter am Unfallort müssen beispielsweise miteinander und auch mit Menschen kooperieren können.

"Zu verstehen, wie Menschen sich ohne Worte und Sichtkontakt am besten koordinieren, wäre eine wichtige Erkenntnis, um Mensch-Maschine-Interaktionen zu verbessern", erklärt Dong-Seon Chang, der die Idee zu der Studie hatte.

Quelle: n-tv.de

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