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Einige Krebsarten haben viel mit dem Lebenswandel oder dem Erbgut zu tun, andere entstehen vor allem zufällig.
Einige Krebsarten haben viel mit dem Lebenswandel oder dem Erbgut zu tun, andere entstehen vor allem zufällig.(Foto: dpa)
Sonntag, 04. Januar 2015

Pech bei der Zellteilung: Krebs entsteht oft zufällig

Rauchen, ausgiebiges Sonnenbaden, einseitige Ernährung - der Lebenswandel spielt bei vielen Krebserkrankungen eine Rolle. Sehr viel häufiger jedoch ist die Entstehung von Tumoren einfach nur Pech. Allerdings kommt es auf die Krebsart an.

Das Krebsrisiko eines Menschen hängt einer Studie zufolge wesentlich stärker vom Zufall ab als von Erbgut oder Umwelt. Die Mehrheit der bösartigen Tumore entstehe schlichtweg durch Pech, schreiben Forscher der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Staat Maryland) in der Zeitschrift "Science". Demnach ist die Zahl der Stammzell-Teilungen in einem Gewebetyp weit wichtiger als Erb- und Umweltfaktoren.

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Manche Gewebetypen des menschlichen Körpers entwickeln mehrere tausendmal eher Krebs als andere, schreiben der Biostatistiker Cristian Tomasetti und der Onkologe Bert Vogelstein. So liege das Lebenszeit-Risiko eines Menschen für Lungenkrebs bei 6,9 Prozent, für einen Tumor von Gehirn und anderen Teilen des Nervensystems nur bei 0,6 Prozent und für ein Karzinom am Kehlkopfknorpel sogar lediglich bei 0,00072 Prozent. Selbst im Verdauungstrakt, der besonders vielen Umweltgiften und Krankheitserregern ausgesetzt sei, schwanke die Wahrscheinlichkeit zwischen 0,2 Prozent im Dünndarm und 4,82 Prozent im Dickdarm.

Erb- und Umweltfaktoren könnten diese großen Unterschiede nicht erklären, betonen die Forscher. "Alle Krebserkrankungen entstehen durch eine Kombination von Pech, Umwelt und Erbfaktoren", wird Vogelstein in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. "Wir haben ein Modell geschaffen, um den Anteil dieser drei Faktoren bei der Entstehung von Krebs zu ermitteln."

Fehler beim Kopieren der DNA

Es war bereits bekannt, dass fehlerhafte Stammzell-Teilungen zur Bildung von Tumoren beitragen können. Denn bei jeder Teilung einer Zelle können sich beim Kopieren des Erbguts Genveränderungen einschleichen. Diese Mutationen werden zwar oft repariert. Allerdings nicht immer, weswegen sie sich mit der Zeit anhäufen können. Eine Mutation in einer Stammzelle ist besonders fatal, denn diese gibt ihre Mutationen lebenslang an alle Tochterzellen weiter - mitunter sind es Milliarden - und legt damit die Saat für eine Krebserkrankung.

Die Wissenschaftler untersuchten nun 31 Gewebetypen, für die Stammzellen gut beschrieben sind. Die Häufigkeit der jeweiligen Stammzell-Teilungen verglichen sie dann mit dem Tumorrisiko eines Erwachsenen in den USA für dieses Gewebe. Beides korreliere sehr stark miteinander, schreiben sie. Demnach werden etwa 65 Prozent der Unterschiede im Krebsrisiko verschiedener Gewebetypen durch die darin auftretenden Stammzell-Teilungen bedingt. "Damit scheinen die zufälligen Defekte bei der DNA-Vervielfältigung von Stammzellen der Hauptgrund für Krebs bei Menschen zu sein", schreiben sie.

Allerdings räumen sie ein, dass Umwelt- und Erbfaktoren bei manchen Krebstypen eine größere Rolle spielen als bei anderen. So ordnen sie 9 der 31 Krebsarten - darunter Lungenkrebs und Hautkrebs - zu den durch äußere Bedingungen mitentstehenden D-Tumoren (deterministic). Die übrigen 22 - etwa Karzinome von Bauchspeicheldrüse oder Dünndarm - seien dagegen R-Tumoren, verursacht vor allem durch Replikationsfehler bei der Vervielfältigung von Stammzellen.

Empfehlungen zur Krebsvorsorge

Bei solchen R-Tumoren spielen genetische Faktoren und Umweltfaktoren demnach nur eine untergeordnete Rolle. Doch auch bei D-Tumoren wie Lungenkrebs seien die replikativen Faktoren essenziell, heißt es weiter. Selbst bei Menschen mit Familiärer Adenomatöser Polyposis (FAP), einem starken erblichen Risikofaktor für Krebs des Verdauungstraktes, sei die Gefahr von Dickdarmkrebs etwa 30 Mal höher als das Risiko für einen Tumor des Zwölffingerdarms. Dies liege vermutlich daran, dass es im Dickdarm etwa 150 Mal mehr Stammzell-Teilungen gebe.

Aus dieser Erkenntnis leiten die Forscher Empfehlungen zur Krebsvorsorge ab: Bei D-Tumoren wie etwa durch Rauchen verursachten Lungenkrebs seien primäre Präventionsstrategien wie Empfehlungen zum Lebenswandel durchaus sinnvoll. Bei den kaum vermeidlichen R-Tumoren solle dagegen die Sekundärprävention im Fokus stehen. Hier müsse man bessere Verfahren zur Früherkennung von Krebs suchen, also in einem Stadium, in dem die Krankheit etwa durch operatives Entfernen des Tumors eher heilbar ist. "Änderungen von Lebenswandel und Gewohnheiten sind eine riesige Hilfe zur Vermeidung bestimmter Krebsarten, aber für verschiedene andere ist das vielleicht nicht so effektiv", sagt Tomasetti.

Prof. Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, der nicht an der Studie beteiligt war, spricht von beeindruckenden Ergebnissen. "Die Resultate machen Sinn und passen sehr gut zu den neuesten Daten, die bei Leukämien, also Blutkrebs, gewonnen wurden", sagt der Forscher, der auch das Heidelberger Institut für Stammzell-Technologie und Experimentelle Medizin (HI-STEM) leitet. "Bestimmte Genveränderungen in normalen Blutstammzellen können bereits in gesunden Personen gefunden werden und das Auftreten solcher präleukämischer Stammzellen korreliert mit dem Ausbruch von Blutkrebs im späteren Leben." Nun sei wichtig, diese vorwiegend statistischen Daten zu bestätigen.

Quelle: n-tv.de

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