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Nicht nur zur Karnevalszeit mit roter Nase: Rund 250 Klinik-Clowns zaubern Patienten in deutschen Krankenhäusern ein Lächeln auf die Lippen. Das hebt nicht nur die Stimmung, es kann auch den Heilungsprozess fördern.
Nicht nur zur Karnevalszeit mit roter Nase: Rund 250 Klinik-Clowns zaubern Patienten in deutschen Krankenhäusern ein Lächeln auf die Lippen. Das hebt nicht nur die Stimmung, es kann auch den Heilungsprozess fördern.(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als gesund: Lachen kann heilen

Von Ina Brzoska

Am Rhein sind die Jecken los, in Süddeutschland feiern die Narren: Es ist Rosenmontag, und weite Teile der Republik befinden sich im Ausnahmezustand. Humor wird heute so groß geschrieben wie an kaum einem anderen Tag. Dabei ist Lachen auch sonst unverzichtbar, denn Humor wirkt therapeutisch.

Als Norman Cousins die Diagnose Knorpelschwund erhielt, standen seine Heilungschancen bei 1 zu 500. Der renommierte US-amerikanische Wissenschaftsautor wusste aus früheren Recherchen um den unheilvollen Einfluss negativer Gemütszustände auf das innersekretorische System. In der Klinik auf die Heilung warten, Tag für Tag Tabletten einwerfen – das war das letzte, was ihn gesund machen würde, glaubte er. Stattdessen verordnete Norman Cousins sich eine Lachtherapie. Optimismus und gute Laune, da war er überzeugt, würden die Selbstheilungskräfte am ehesten ankurbeln.

Obwohl die Entzündung seiner Wirbelsäule jede Bewegung zur Qual machte, zog Cousins aus dem Krankenhaus in ein hübsches Hotel. Seine Medikation umfasste unendlich viele Sketche von Monty Python, Witzbücher und Comedy-Serien. Für den Rest der Zeit lud er Freunde ein, mit denen er sich besonders gut amüsieren konnte. Das Unglaubliche trat schon nach wenigen Wochen ein: Norman Cousins konnte wieder joggen, die Entzündungen heilten ab, Knorpel in Rückgrat und Gelenken begannen sich zu erneuern. Als er nach einigen Monaten an seinen Schreibtisch zurückkehrte, verfasste Cousins ein Buch über seine Selbstheilung.

Humorforschung wurde belächelt

Indien feiert den Weltlachtag: Lachen ist die beste Medizin.
Indien feiert den Weltlachtag: Lachen ist die beste Medizin.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es mag wie eine typisch amerikanische Erfolgsstory klingen, doch der Fall löste Ende der 1970er Jahre eine regelrechte Forschungsflut aus. Psychologen und Mediziner interessierten sich plötzlich für Gelotologie, die Lehre von Auswirkungen des Lachens. So wurde dieser 1964 gegründete und bisher wohl eher belächelte Wissenschaftszweig en vogue.

Vor allem in Kalifornien bildeten sich neue Einrichtungen. An der Stanford-Universität unter dem Neurologen William F. Fry und unter Cousins selbst, der an der Universität Los Angeles eine Abteilung für therapeutische Humorforschung aufbaute.

"Lachen ist der Sieg des Körpers über die Vernunft, ein Bruch mit jedweder Art von Selbstkontrolle", sagt Michael Titze. Der Psychologe und Hochschuldozent gründete die Vereinigung Humor Care, der mehrere hundert Mitglieder angehören, darunter Mediziner, Therapeuten oder Altenpfleger. Sie plädieren dafür, Lachen auf Rezept zu verordnen.

Lachen schockiert das Nervensystem

Für das neurovegetative System ist dieser unberechenbare körperliche Vorgang ein Schock: Der sogenannte Zygomaticus-Muskel zieht den Mund, der Augenmuskel wird angespannt, die Nasenlöcher weiten sich und das Gehirn signalisiert: Stress. Anschließend tritt die heilsame Wirkung ein: 17 Gesichtsmuskeln entspannen sich bei dem Vorgang, darunter die des Tränensacks, weshalb wir manchmal Tränen lachen können. Der beschleunigte Herzschlag verlangsamt sich, so wird in der Phase der Entspannung der Blutdruck um einige Stunden gesenkt, erklärt Titze.

Doch wie kann das einen Menschen mit entzündlicher Wirbelsäule heilen? Wissenschaftler können die Frage inzwischen anhand von Studiendaten beantworten. Der US-amerikanische Immunologe Lee S. Berk wies Mitte der 90er Jahre nach, dass Lachen unsere körpereigene Polizei mobilisiert. Im Blut der Probanden konnte Berk einen Anstieg sogenannter T-Lymphozyten nachweisen. Das sind körpereigene Abwehrstoffe, die entartete Zellen im Körper bekämpfen. "Es ist erstaunlich, dass etwas so Einfaches wie heiteres Lachen eine so wichtige Killer-Zelle modulieren kann", resümierte Berk nach Tests. Zudem wies der Neurologe Fry nach, dass Lachen die Produktion körpereigener Hormone anregt. Katecholamine wie Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Sie strömen durch den Blutkreislauf und wirken entzündungshemmend. Die Zunahme von Antikörpern hemmt wiederum erneuten Keimbefall. Im Fall Norman Cousins half vermutlich noch etwas anderes: Beim Lachen werden Bauchmuskeln beansprucht, was die Durchblutung fördert. Das wirkte sich auch auf die Skelettmuskulatur aus, was vermutlich der entzündeten Wirbelsäule zugute kam.

Das Lachen muss nicht echt sein

Selbst grundloses oder gar geübtes Lachen zeigt Wirkung. Ilona Papousek, Professorin für Neuropsychologie an der Universität Graz, hatte in ihrer Studie mit Schlaganfallpatienten vier Wochen Lach-Yoga trainiert und signifikant niedrigere Blutdruckwerte gemessen als in der Vergleichsgruppe. Ebenso nutzt das Wissen in Seniorenheimen, denn Humor wirkt Demenz entgegen. Bei diesem Krankheitsbild sei die kognitive Seite im Hirn lädiert, so Titze, während der emotionale und auch der motorische Bereich völlig intakt sind. Bringt man Betroffene zum Lachen, lässt sich die kognitive Seite stimulieren. "Das wirkt dem Verfallsprozess in diesem Bereich entgegen." In Seniorenheimen weiß man das seit vielen Jahren, was auch den immer größer werdenden Einsatz von Rote-Nasen-Klinik-Clowns in Deutschland erklärt.

Titze nutzt das Wissen der Gelotologie vor allem in der Psychotherapie. "Besonders Menschen, die zu Perfektionismus oder skrupelloser Selbstkontrolle neigen, kann eine Humortherapie helfen", sagt er. Es gebe viel zu viele, die ständig in der Angst stehen, sich lächerlich zu machen und sich zu oft fragen: Was denken die anderen über mich? Da könne es helfen, die Fähigkeit zu erlernen, über sich selbst zu lachen. "Dazu braucht es natürlich Mut, aber wenn man den aufbringt, schafft man es auch im Alltag und im Beruf loszulassen", sagt Titze.

Quelle: n-tv.de

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