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Montag, 19. Januar 2009

Hormon für Sättigung: Leptinresistenz macht dick

Das Hormon Leptin geriet 1995 plötzlich und mit Nachdruck in die Schlagzeilen. Wurde es fettsüchtigen Mäusen gespritzt, verloren die Tiere Gewicht und aßen weniger. Leptin erschien damit auf den ersten Blick als einfache Möglichkeit, auch fettleibigen Menschen zu helfen. Die Probanden nahmen mit dem erhofften "Hungerhormon" aber nur kurze Zeit ab – dann kehrte das Fett zurück. Das Problem: Die meisten fettsüchtigen Menschen sind resistent gegen Leptin. "Es ist, als ob Leptin im Gehirn an die Tür klopft, aber die Person drinnen taub ist", erklärt der Hormonforscher Umut Ozcan von der Harvard Medical School in Boston (US-Staat Massachusetts).

Nicht aufgegeben

Wie viele andere hat er die Hoffnung auf das gewichtsreduzierende Potenzial von Leptin dennoch nicht aufgegeben. Im Journal "Cell Metabolism" stellt er nun zwei Substanzen vor, die das Hirn über Umwege wieder für Leptin empfänglich werden lassen. Dabei handelt es sich um Medikamente, die zu anderen Zwecken beim Menschen bereits zugelassen sind.

Vielleicht, so hofft das Team, zeichnet sich damit auch wieder eine Hoffnung für Fettsüchtige ab. Zuvor mussten Ozcan und viele andere Forscher klären, warum die Hirnzellen Übergewichtiger im Gegensatz zu jenen von Schlanken nicht korrekt auf Leptin reagieren. Das Hormon selbst wird vor allem von den Fettzellen ausgestoßen und bremst in einer Region des Hirns – dem Hypothalamus – das Hungergefühl.

Der Hypothalamus nimmt bei intakter Reaktion das Leptin auf und sendet das Signal "ich bin satt" an den Körper. Dieses Zusammenspiel übernimmt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Fettstoffwechsels von Säugetieren.

Molekulare Anstandsdamen

Ozcans Arbeit konzentrierte sich auf jenen Bereich der Zelle, in dem die Proteine gefertigt werden, das sogenannte endoplasmatische Retikulum (ER). In diesen vom Rest der Zelle abgetrennten Regionen gibt es Helfer, die beim korrekten Falten der eben entstehenden Proteine assistieren. Solche Begleiter heißen Chaperone "molekulare Anstandsdamen". Fallen diese Helfer im ER aus, oder kommt es dort zu anderem Stress, dann verlieren die Zellen des Hypothalamus ihre Empfindlichkeit für Leptin, vermuteten Ozcan und seine Kollegen.

Versuchsmäuse, in deren Hypothalamus-Zellen die Proteinfabrik künstlich geschwächt ist, reagieren ebenfalls schlechter auf Leptin. Die Tiere werden daher dicker, wenn sie mit kalorienreicher Kost ernährt werden das Signal "ich bin satt" fällt aus. Dies gehört zu den neuen Resultaten, über die Ozcan nun in dem Journal berichtet. Besonders wichtig ist aber, dass er diese dicken Versuchstiere mit zwei Chemikalien wieder für Leptin empfindlich machen konnte.

Dabei handelt es sich um 4-Phenylbutyrat (PBA) und Tauroursodeoxycholsäure (TUDCA). Beide Wirkstoffe lindern die Probleme in der Proteinfabrik der Zelle. Sie sind von den US-Gesundheitsbehörden (FDA) bereits als "chemische Anstandsdamen" für andere Leiden zugelassen und lindern die Probleme mit nicht korrekt gefalteten Proteinen. Die Substanzen zeigten auch in den künstlich dick gemachten Versuchsmäusen mit den geschwächten Proteinfabriken Wirkung.

Die Tiere nahmen über lange Zeit Gewicht ab und zwar umso stärker, je mehr Medizin sie erhielten. Ozcan und seine Kollegen schließen daraus, dass PBA und TUDCA dafür sorgen, dass Leptin in übergewichtigen Mäusen wieder funktioniert. So etwas sei bislang weder der Pharmaindustrie noch anderen Grundlagenforschern gelungen. Tests am Menschen haben die Forscher in ihrem Beitrag nicht angekündigt.

Quelle: n-tv.de

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