Wissen
Dienstag, 15. Juli 2008

Durch Muskeln bewegt: Myoelektrische Prothesen

Karl-Heinz Ammon kann seinen künstlichen Arm fast so gut bewegen als wäre er echt - und sogar mehr als das. "Das kommt immer gut an", sagt der 43-jährige Düsseldorfer grinsend und lässt seinen Unterarm einmal um die eigene Achse rotieren. Seit sechs Jahren trägt er eine sogenannte myoelektrische oder Funktionsprothese. Weltweit tragen nach Herstellerangaben erst 500 Menschen ein solches Hightech-Gerät.

Ammon hatte seinen linken Arm bei einem Arbeitsunfall vor sieben Jahren verloren. Am Flughafen Düsseldorf, wo er bereits damals arbeitete, wurde sein Arm von der Hebebühne eines Cateringfahrzeugs eingeklemmt. Seine Prothese steuert er mit den Muskeln des verbliebenen Oberarmstumpfes. Auf der Innenseite des Schaftes liegen Elektroden, die die Muskelbewegungen erkennen und in Steuerungsimpulse übersetzen.

Greifen und Loslassen

Wenn Ammon den vorderen Muskel anspannt, hebt sich der Unterarm, wenn er den hinteren anspannt, senkt er sich wieder. Je stärker er die Muskeln spannt, desto schneller geht das vonstatten. Spannt er beide Muskelstränge gleichzeitig an, schaltet er auf eine andere Art der Bewegung um, zum Beispiel auf Greifen oder Loslassen.

"Die technische Orthopädie hat große Fortschritte gemacht", berichtete Prof. Joachim Grifka (Regensburg), Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), kürzlich bei einer Fachveranstaltung in Frankfurt. "Vor allem bei den myoelektrisch gesteuerten Armprothesen ist die Entwicklung rasant." Gute Prothesen für Beine seien leichter herzustellen, sagt der Orthopäde. "Das ist eine geradlinige Bewegung auf und ab. Die Feinmotorik einer Hand ist viel schwerer nachzuahmen."

Das bestätigt auch der Hersteller, die Firma Otto Bock HealthCare aus Duderstadt, Weltmarktführer für Prothesen. Nächster Schritt nach der von Muskelkraft gesteuerten myoelektrischen Prothese sei der "gedankengesteuerte Arm", berichtet Rüdiger Herzog aus der Unternehmenskommunikation. Den gebe es allerdings erst als Prototyp. "Damit sind noch rundere, differenziertere Bewegungen möglich." Die Myoelektrik ist übrigens den oberen Extremitäten vorbehalten, künstliche Beine funktionierten mit einer komplett anderen Technik. "Beinprothesen sind näher am natürlichen Vorbild", sagt Herzog.

Unglücklich mit Schmuckprothese

Nach Ammons Arbeitsunfall wurde der Arm in der Unfallklinik Duisburg ab der Mitte des Oberarms amputiert. Zunächst bekam er eine sogenannte Schmuckprothese, die eigentlich nur den Zweck erfüllt, den Hemdärmel auszufüllen. "Ich war damit sehr unglücklich", sagt Ammon.

"Als Herr Ammon 2002 das Hightech-Gerät angepasst bekam, war er weltweit der dritte Patient", berichtet Orthopädie-Mechanikmeister Erik Andres, der Ammon die Prothese angepasst hat. Das Besondere: Der Prothesenträger kann verschiedene Bewegungstypen ausführen, er kann den Arm nicht nur heben und senken, ihn drehen und mit der Hand zugreifen. Er kann diese Bewegungen auch schneller und langsamer, fester und sanfter ausführen. Allein die Finger sind nicht einzeln beweglich sondern nur der Zeige-, der Mittelfinger und der Daumen.

Kostenpunkt: 50.000 Euro

Eine Funktionsprothese wie Ammon sie hat kostet rund 50.000 Euro. "Die gibt es natürlich nicht auf Rezept", schränkt Grifka ein. Die Kosten müssten von der Kasse genehmigt werden, oft würden sie auch bewilligt, weil das Unfallopfer danach in der Regel wieder voll berufstätig sein könne. Manchmal werde die Prothese aber auch "aus medizinisch nicht immer nachvollziehbaren Gründen" abgelehnt, sagt der Regensburger Prof. Grifka. Zum Beispiel, weil der Patient ja bisher auch ohne ein solches Hightech-Gerät zurechtgekommen sei.

"Ohne das Ding hier wäre ich mit Sicherheit arbeitslos", sagt Ammon, der inzwischen vom Cateringfahrer in die Warenwirtschaft gewechselt ist. In seiner Freizeit fährt er Mountainbike und geht Angeln. Seine Frau sei froh, dass sie nicht mehr mitgehen müsse, um die Köder zu befestigen. "Für sie war das schon immer recht langweilig", sagt der Vater dreier Töchter.

Sandra Trauner, dpa

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen