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Donnerstag, 06. Mai 2010

"Wissenschaftliche Sensation": Neandertaler doch unser Vorfahr

"Eine absolute wissenschaftliche Sensation": Der Neandertaler ist doch ein Vorfahr des heutigen Menschen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher, die große Teile des Neandertaler-Erbguts entziffert und analysiert haben.

Auge in Auge nit dem Urahn: Die Direktorin des LVR-LandesMuseums in Bonn, Gabriele Uelsberg und die Nachbildung eines Neandertalers.
Auge in Auge nit dem Urahn: Die Direktorin des LVR-LandesMuseums in Bonn, Gabriele Uelsberg und die Nachbildung eines Neandertalers.(Foto: dpa)

Der Neandertaler ist doch ein Vorfahr des heutigen Menschen. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Forschergruppe, die weite Teile des Neandertaler-Erbguts entziffert und bereits analysiert hat. "Das ist eine absolute wissenschaftliche Sensation", sagte der an der Studie beteiligte Bonner Neandertaler-Experte Ralf W. Schmitz. Das Forscherteam stellt seine Arbeit zum ersten Entwurf des Neandertaler-Erbguts im US-Fachblatt "Science" vor und vergleicht Teile davon mit dem Genom heutiger Menschen.

Die Zellkern-DNA aus den Knochen von laut Schmitz sechs Neandertalern wurde unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig sequenziert. Bisherige Analysen, die sich lediglich auf das Erbgut der Zellkraftwerke (Mitochondrien) stützten, hatten gegen eine engere Verwandtschaft des modernen Menschen mit den vor knapp 30.000 Jahren ausgestorbenen Neandertalern gesprochen.

Weltweit polulärster Urmensch

Das neueste Ergebnis des Leipziger Neandertaler-Genom-Projektes belege, dass der wohl weltweit populärste Urmensch zwischen einem und vier Prozent zu den Genen der heutigen Bevölkerung in Europa und Asien beigetragen hat, schreiben die Forscher. "Nun steht fest, dass die Neandertaler doch zu unseren Vorfahren zu rechnen sind", sagte Schmitz, der an der Universität Bonn und dem LVR-Landemuseum derselben Stadt arbeitet.

Dass sich die Neandertaler-Gene selbst bei Chinesen und heutigen Menschen in Papua-Neuguinea nachweisen lassen, obwohl dort nie ein Neandertaler gelebt hat, sei eine weitere Überraschung, sagte der Experte. Der aus Afrika eingewanderte anatomisch moderne Mensch hatte sich demnach im Nahen Osten mit den Neandertalern vermischt, wo beide Menschenarten archäologisch nachweisbar bis vor rund 50.000 Jahren für etwa 30.000 Jahre miteinander gelebt hätten. Von hier aus habe der Neuankömmling das genetische Neandertaler-Erbe auf seine weitere Wanderung nach Europa und Asien mitgenommen.

Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neanderthal-Museum in Mettmann.
Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neanderthal-Museum in Mettmann.(Foto: dpa)

Genetische Spuren des zweiten Zusammentreffens mit noch lebenden Neandertalern in Europa seien bisher allerdings nicht nachweisbar und möglicherweise durch später einwandernde Menschen der Jungsteinzeit überdeckt worden. Allerdings: "Diejenigen von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich", sagt Svante Pääbo, Direktor der Abteilung für Evolutionäre Genetik am Max-Planck-Institut in Leipzig.

Bisher waren Wissenschaftler überwiegend davon ausgegangen, dass sich im Laufe der Evolution heutige Menschen und Neandertaler vor rund 500.000 Jahren getrennt hätten. Damit wäre der mit rund 300 Funden nachweisbare Urmensch, der Europa etwa 300.000 Jahre lang besiedelt hat, nur ein entfernter Verwandter der modernen Menschen gewesen.

"Ganz besondere Herausforderungen"

Das Genom einer lange ausgestorbenen Art zu analysieren, stellt die Wissenschaftler vor "ganz besondere Herausforderungen", beschreiben die Leipziger Experten. Die DNA ist im Laufe der Zeit zu winzigen Fragmenten zerfallen und zum Teil auch chemisch verändert. Hinzu komme das Problem der Verunreinigung. "Mehr als 95 Prozent der DNA in einer Probe stammen von Bakterien und Mikroorganismen, die den Neandertaler nach seinem Tod besiedelten", erklärt Pääbo. Auch menschliche DNA, die bei der Ausgrabung oder im Labor in die Probe gelangt, verfälsche die Ergebnisse.

Nach dem ersten Entwurf des Neandertaler-Erbguts wollen die Leipziger Wissenschaftler in den kommenden Jahren durch DNA-Analyse näheres über die Natur des Neandertalers wie etwa Stoffwechsel, Hirnentwicklung oder Sprachfähigkeit herausfinden. Am LVR-Landesmuseum in Bonn, wo das 1856 entdeckte Skelett des Namenspatrons aller Neandertaler aufbewahrt wird, koordiniert der Archäologe und Urgeschichtler Ralf W. Schmitz die Arbeit von 19 Uni-Instituten zum Neandertaler.

Quelle: n-tv.de

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