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Vor allem in der Modefotografie wird retuschiert, was das Zeug hält.
Vor allem in der Modefotografie wird retuschiert, was das Zeug hält.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Schönheiten aus dem Computer: Programm erkennt Retusche

Die Titelseiten großer Mode- und People-Magazine werden zumeist von Wesen überirdischer Schönheit geziert. Ihre Hautfältchen, Poren und Augenringe wurden gekonnt überschminkt, und den Rest erledigen Spezialisten mittels digitaler Retusche am Computer. Einige dieser Pixelartisten bringen es zur Meisterschaft, etwa der international bekannte Pascal Dangin. Er kann Beine verlängern, porzellanartige Gesichter und verführerische Astralkörper schaffen. Diese zieren dann Haute-Couture-Anzeigen oder Werbekampagnen für Parfüm. Aber auch ein halbwegs geübter Laie kann mithilfe einiger Anleitungen im Internet und Programmen wie Photoshop erstaunliche Effekte erzielen.

Makellose Trugbilder

Diese Trugbilder haben mit der Realität aber oft nur noch wenig zu tun. Kaum eine Frau kann diese schlanken Vorbilder mit makelloser Haut erreichen. Dennoch versuchen es viele. Zu den Folgen gehören die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bis hin zur Magersucht. "Retuschierte Fotos sind überall und haben eine idealisierte und unrealistische Repräsentation körperlicher Schönheit geschaffen", schreiben Eric Kee und Hany Farid vom Institut für Computerwissenschaften am Dartmouth College in Hanover (US-Staat New Hampshire). In der Folge mögen sich viele Menschen selbst nicht mehr gerne ansehen. Das haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, wie Kee und Farid in einer Auflistung belegen. Das Team hat außerdem ein Programm geschrieben, das retuschierte Fotos erkennt. Mehr noch: Die Software kann nach einem Training sogar einschätzen, wie stark die Manipulation ausfiel.

Prinz William auf dem Titelbild des Magazins "Hello!" strahlte 2010 auf einmal mit vollem, dunklen Haar.
Prinz William auf dem Titelbild des Magazins "Hello!" strahlte 2010 auf einmal mit vollem, dunklen Haar.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Team stellt sein Verfahren in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften vor. Die Interessen von Werbetreibenden, Verlegern und Konsumenten könnten geschützt werden, wenn bei entsprechenden Bildern angegeben werde, wie stark das Aussehen eines Menschen verändert wurde. "Wenn eine solche Einschätzung zusammen mit dem Foto veröffentlicht wird, weiß der Betrachter, wie sehr die Aufnahme von der Realität abweicht", schreiben die Forscher. Zudem könnte ein solches System interessierte Herausgeber davor warnen, dass das Erscheinungsbild einer Person verändert wurde.

Warnung der Ärzte

Die American Medical Association – die größte berufsständische Vereinigung ihrer Art in den USA – hat kürzlich von solchen Bildmanipulationen abgeraten. Fotos sollten nicht auf eine Weise verändert werden, die ein unrealistisches Bild vom angemessenen Aussehen des Körpers schaffen, heißt es in einer im Juni beschlossenen Richtlinie. "Wir müssen damit aufhören, beeinflussbare Kinder und Teenager der Werbung mit Models auszusetzen, deren Körper nur mit Hilfe von Photobearbeitungs-Software zu schaffen sind", heißt es bei den Ärzten.

Ein Beispiel dafür, wie schnell die künstlich überhöhte Schönheit auch Ärger machen kann, ist eine Kampagne mit Superstar Julia Roberts. Der Konzern L’Oréal wollte mit der Schauspielerin für seine Produkte werben. Trotz der vielgerühmten Schönheit von Roberts wurde am Bildschirm noch nachgeholfen. Und zwar so sehr, dass sich unter anderem auch die US-Werbeaufsicht ASA (Advertising Standards Authority) das Bild genau ansah. Wegen "irreführender Werbung" und einer "übertriebenen Darstellung" durfte die Anzeige in dieser Form daraufhin nicht mehr erscheinen. Noch offensichtlicher war eine Retusche bei der Sängerin Faith Hill: Auf dem Originalbild ist ihr rechter Arm nicht zu sehen – später, auf einem Magazin-Cover aber schon. Die Forscher präsentieren zahlreiche weitere drastische Beispiele.

Suche nach der Ähnlichkeit

In mehreren Ländern wird bereits die Kennzeichnungsplficht retuschierter Bilder gefordert.
In mehreren Ländern wird bereits die Kennzeichnungsplficht retuschierter Bilder gefordert.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kee und Farid wissen aus ihrer Erfahrung im Umgang mit Computern, durch Veröffentlichungen und Tests, welche mathematischen Prozeduren bei der Retusche angewendet werden. Sie können daher in Bildern nach den Spuren solcher Eingriffe suchen. Ein verbreitetes Werkzeug bei der digitalen Retusche ist der sogenannte Blur-Pinsel. Wenn jemand zum Beispiel der Ansicht ist, die Taille eines Model sei zu dick, dann setzt er den Blur-Pinsel mit der Maus an der Taille an und verschiebt sie in Richtung Körpermitte. Wie von Geisterhand erscheint das Model dann dünner. Richtig angewendet ist das kaum zu erkennen, und im späteren Druck verschwinden ohnehin noch viele Details. In der Bilddatei aber hinterlässt diese Manipulation einige Spuren. Entlang der Route, die die Taille auf ihrem Weg zur Körpermitte nahm, tun sich Regionen auf, die sich ungewöhnlich stark gleichen.

Wer einen Tintenfleck auf einer weißen Fläche verschmiert, sieht unter dem Mikroskop feinste, in etwa parallele Linien. Im manipulierten Bild wie auf der Tischplatte sind sich diese Bereiche untereinander weitaus ähnlicher, als es die übrigen Teile des Fotos sind. Und je länger man mit diesem Blur-Pinsel hantiert, umso "ähnlicher" wird die betroffene Region im Vergleich zu ihrer Umgebung. Die US-Forscher lassen ihre Software nach den Spuren solcher Bewegungen suchen. An jeder Stelle des Bildes wird dafür die Umgebung auf Ähnlichkeiten hin untersucht. Die Ergebnisse sagen etwas darüber aus, ob das Bild manipuliert wurde – und wenn ja, wo und wie stark.

Digitale Forensik im Einsatz

Ein anderes, ebenfalls häufig verwendetes Werkzeug in Programmen zur Bildbearbeitung ist der Fehler- oder Kopierstempel. Wenn den Betrachter eine Stromleitung im Foto stört, kopiert er mit einem Stempel ein Stück des Himmels daneben und überlagert den Draht damit nach und nach. Damit taucht ein immer gleicher, kleiner Bereich mehrfach im Bild auf. Mit statistischen Verfahren lassen sich auch solche Veränderungen nachweisen.

Mithilfe dieser digitalen Forensik lassen sich auch andere Manipulationen erkennen. Zum Beispiel produziert jede Linse bei der Abbildung feine Farbfehler, die zum Rand des Fotos hin stärker ausfallen. Wird ein Bereich von dort an eine andere Stelle geschoben, lässt sich das ebenfalls nachweisen. Ein eher plumper Fehler ist, wenn zusammenmontierte Teile scheinbar von zwei Lichtquellen beschienen sind, obwohl im Bild nur eine zu erkennen ist. Solche klassischen Montagen spielen bei der Schönheitsretusche allerdings kaum eine Rolle.

Menschliches Maß

Den beiden US-Wissenschaftlern reichten ihre aus Formeln und Computeranalyse gezogenen Resultate aber noch nicht. Um die Urteile ihres mathematischen Systems noch aussagekräftiger werden zu lassen, zogen sie 390 über das Internet gewonnene Probanden heran. Diese sollten jeweils 70 Bilderpaare betrachten, die Kee und Farid von darauf spezialisierten Seiten geladen hatten. Sie zeigen Aufnahmen vor und nach ihrer Manipulation.

Die Teilnehmer schätzten ein, wie sehr sich die Bilder glichen. Die Skala reichte von 1 (sehr gleich) bis 5 (sehr verschieden). Jedes der insgesamt 468 Fotos wurde auf diese Weise 50 Mal beurteilt. Damit kann das Team die Einschätzung seines Programms mit jener der Probanden in Beziehung setzen und in die Beurteilung des Systems einfließen lassen. "Das Verfahren kann dafür genutzt werden, objektiv einzuschätzen, wie weit ein Foto von der Realität entfernt ist", schreiben die beiden Forscher.

Bekennerinnen: Britney und Kylie

Britney Spears hat zugegeben, dass Bilder von ihr nachbearbeitet wurden.
Britney Spears hat zugegeben, dass Bilder von ihr nachbearbeitet wurden.(Foto: PR NEWSWIRE)

Selten geben Stars unumwunden zu, dass ihre Bilder verändert werden. Ein Beispiel für diese Offentheit ist die Sängerin Britney Spears, die sich fürs Modeunternehmen "Candie’s and Kohl’s" fotografieren ließ. Das Unternehmen wollte seine Mode an einem vollkommenen Körper präsentieren. 2010 ließ Spears es zu, dass die "Daily Mail" ein unbearbeitetes und ein manipuliertes Bild aus dieser Serie Seite an Seite zeigt. Was für ein Unterschied: Hautflecken und Schatten wurden beseitigt, Falten an der Ferse geglättet, Oberschenkel und Hüfte verschlankt, die Haut gebleicht und weichgezeichnet.

Und die australische Popsängerin Kylie Minogue räumte schon 2002 ein, dass es mit ihrer makellosen Schönheit und dem angeblich knackigsten Hintern im Showgeschäft dann doch nicht so weit her ist. "Die Zellulitis ist ja schon da", sagte sie der Zeitschrift ‚Marie Claire‘ zufolge. "Sie ist nur ganz schwach, aber wenn ich die Oberschenkel zusammendrücke, dann kann ich sie sehen. Also muss ich mich darum kümmern, dass ich richtig ausgeleuchtet werde." Minogue gab auch zu, dass die meisten Fotos von ihr nachträglich so retuschiert worden seien, dass sie sich selbst kaum erkenne. "Ich bin so ein Image und ich weiß, wie unwirklich das ist", sagte sie. Aber wenn man sich entschieden habe, so wie sein Image zu sein, dann müsse man einiges dafür in Kauf nehmen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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