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Rettungskräfte schirmen die beiden Männer, die Verbrennungen an den Füßen haben, ab.
Rettungskräfte schirmen die beiden Männer, die Verbrennungen an den Füßen haben, ab.(Foto: dpa)

Kein Schutz vor Gammastrahlung: Radioaktivität verbrennt die Haut

von Jana Zeh

Aus Japan erreichen uns ständig neue Hiobsbotschaften. Die Lage im Kernkraftwerk Fukushima bleibt brisant. Mehrere hundert Arbeiter versuchen unter Einsatz ihres Lebens, das schlimmste zu verhindern. Zwei von ihnen mussten mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus geschafft werden.

Die Arbeiter vor Ort sind extrem hohen radioaktiven Strahlungen ausgesetzt. Die Messwerte, die vom Kernkraftwerke gemeldet werden, sind bedrückend. Bisher sollen 17 Arbeiter eine erhöhte Strahlenbelastung abbekommen haben. "Schon nach einigen Stunden werden diese Menschen trotz der Schutzanzüge beträchtliche gesundheitliche Schäden davon tragen", erklärt Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz im Gespräch mit n-tv.de die Lage der Männer. Zwei Arbeiter mussten kürzlich mit Verbrennungen an den Füßen  in eine Spezialklinik eingeliefert werden. Ihnen lief radioaktiv verseuchtes Wasser bei Reparaturen in die Schuhe. Die Verbrennungen seien schwer, ihr Zustand jedoch stabil, lauten die offiziellen Meldungen aus Japan.

Normale Behandlung der Verbrennungen

"Die verletzten Arbeiter werden vor Ort wahrscheinlich wie andere Patienten mit Verbrennungen behandelt", mutmaßt Dr. Gunnar Hille, Leiter des Fachbereiches Nuklearmedizin am Vivantes-Klinikum in Neukölln in einem Gespräch mit n-tv.de. Die therapeutischen Maßnahmen im Krankenhaus richten sich nach der Stärke der Verbrennungen. Zuerst werden die Ärzte versuchen, sämtliches radioaktives Material mit viel Wasser, das gesondert entsorgt werden muss, von der Haut abzuspülen. Ist der Verbrennungsgrad so stark, dass Haut bis in tiefere Schichten abgestorben ist, dann muss diese von Chirurgen entfernt und die Wunden dementsprechend versorgt werden.

Tepco hat die Verantwortung für die Verbrennungen an den Füßen von zwei Arbeitern von sich gewiesen.
Tepco hat die Verantwortung für die Verbrennungen an den Füßen von zwei Arbeitern von sich gewiesen.(Foto: AP)

Je stärker die Verbrennungen durch Radioaktivität sind, umso geringer sind die Aussichten auf Heilung. Bei sehr starken Verbrennungen reichen die Heilungskräfte des Körpers meistens nicht aus. Die geschädigten Gliedmaßen müssen in diesem Fall amputiert werden. Die Spätfolgen sind kurz nach den Verbrennungen nicht vorhersagbar.

Drei verschiedene Formen von Radioaktivität

Die Verbrennungen durch Radioaktivität sind durchaus mit Sonnenbränden vergleichbar, denn auch die Strahlung der Sonne kann so stark sein, dass Hautzellen bis in tiefe Schichten hinein komplett zerstört werden. Bei Strahlungen kommt es immer auf die Dauer und die Stärke der Bestrahlung an.

Bei radioaktiven Strahlenverbrennungen kommt es auch auf die Art der Strahlung an. Es gibt insgesamt drei verschiedene Strahlungsarten, die allerdings in Kernkraftwerken gleichzeitig auftreten können. Die Reichweite der Alphastrahlung beispielsweise beträgt nur wenige Zentimeter, das bedeutet, dass die geladenen Teilchen nur in die oberen Hautschichten eindringen können. Man spricht von einer sehr geringen Durchdringbarkeit der Alphastrahlung. Vor Alphastrahlung kann man sich dementsprechend relativ gut abschirmen. Bereits ein Blatt Papier kann die positiv geladenen Teilchen stoppen. Eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen wirken die geladenen Teilchen der Alphastrahlung wegen ihrer hohen Teilchenenergie allerdings zerstörerisch und können zu Tumoren führen.

Die Betastrahlung hat eine Reichweite von rund 10 Zentimetern, da die geladenen Teilchen relativ klein sind und nur durch Stoffe mit hoher Dichte, wie zum Beispiel Blei, abgebremst werden können. Betastrahlung hat also eine höhere Durchdringbarkeit als Alpahstrahlung. Sind Menschen direkt dieser Strahlung ausgesetzt, können schwere Verbrennungen der Haut und später Hautkrebs entstehen. Trifft Betastrahlung direkt auf die Augen, kann es zu Linsentrübungen kommen. Werden sogenannte Betastrahler über die Luft, Wasser oder Nahrung direkt in den Körper aufgenommen, wirken sie dort überaus zerstörerisch und können Krebs verursachen.

Gammastrahlung durchdringt alles

Es ist kaum zu glauben, dass sich hier noch Arbeiter befinden. Der zerstörte Reaktor 1 in Fukushima.
Es ist kaum zu glauben, dass sich hier noch Arbeiter befinden. Der zerstörte Reaktor 1 in Fukushima.(Foto: AP)

Die Gammastrahlung hat die höchste Durchdringungskraft. Wie weit diese energiereiche, elektromagnetische Wellenstrahlung genau reicht, ist nicht bekannt. Vor Gammastrahlung kann man sich nur schwer abschirmen, da diese Strahlung nicht aus Teilchen besteht, sondern aus extrem kurzwelligem Licht, das noch besser als Röntgenstrahlen die Materie durchdringt. Es gibt also keinen Stoff, der vollständig vor Gammastrahlung schützt. Selbst Stahl und Beton können nur einen Teil der Wellen aufhalten.

Wird Gammastrahlung von einem Körper aufgenommen, kommt es zu sogenannten Sekundärstrahlungen, bei denen Elektronen und Röntgenstrahlen freigesetzt werden. Dadurch werden die Zellen, sobald sie sich teilen, mit falschen chemischen Informationen versorgt und mutieren. Das Erbgut der betroffenen Zellen verändert sich. Erst wenn sich die Zellen teilen, entstehen die Symptome der sogenannten Strahlenkrankheit, die von Übelkeit nach geringer Dosis Gammastrahlung bis hin zum baldigen Tod nach intensiver Bestrahlung führen kann. Gering geschädigte Zellen werden zu bösartigen Tumoren.

Egal wie gut die Arbeiter auf dem Gebiet des Kernkraftwerkes in Fukushima mit Schutzkleidung, Atemmasken und Strahlenzählern ausgestattet sind, vor der Gammastrahlung können diese Vorsorgemaßnahmen nicht schützen. Sie stellt dementsprechend die größte unsichtbare Gefahr für die Menschen vor Ort dar. Viele der Helden von Fukushima sind schon jetzt dem frühen Tode geweiht.

Quelle: n-tv.de

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