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Montag, 09. Mai 2011

Zappelphilippsyndrom bei Kindern: Ritalin-Behandlung nimmt zu

Die Techniker-Krankenkasse warnt angesichts gestiegener Ritalin-Behandlung bei Kindern vor den Folgen der Medikation. Die Langzeitfolgen seien noch nicht genügend erforscht, Nebenwirkungen riskant. Die Kasse empfiehlt, dass Kinder auch ohne Medikamente mit dem Zappelphilippsyndrom leben müssten.

In Esslingen gibt es eine eigene Klasse für Schüler mit ADHS, in der Kinder ablenkungsfrei lernen sollen.
In Esslingen gibt es eine eigene Klasse für Schüler mit ADHS, in der Kinder ablenkungsfrei lernen sollen.(Foto: picture alliance / dpa)

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland nehmen der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge Medikamente gegen das sogenannte Zappelphilippsyndrom (ADHS). Im Jahr 2009 bekamen rund 27 von 1000 der bei der Kasse versicherten Sechs- bis Achtzehnjährigen das Arzneimittel Ritalin (Methylphenidat). Im Vergleich zu 2006 - damals waren es 20 von 1000 - sei dies eine Steigerung von 32 Prozent. Doch nicht jedes lebhafte oder auffällige Kind habe ADHS, also eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, und brauche Tabletten, teilte die Kasse mit.

Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zeigten, dass die an Apotheken gelieferte Menge des Wirkstoffs von 2006 bis 2009 um 42 Prozent gestiegen sei - auf 1735 Kilogramm. "Das entspricht dem Gewicht eines kleinen Geländewagens", hieß es. Im Jahr 2006 waren es noch 1221 Kilo. Und nach den TK-Daten lag die durchschnittlich verschriebene Menge Methylphenidat pro jungen Patienten 2006 bei 195 sogenannten Tagesdosierungen, 2009 bei 213.

"Nebenwirkungen umstritten"

Mit der Diagnose und einer Ritalin-Behandlung müsse man sehr vorsichtig sein, warnte die Kasse. "Denn die Langzeitfolgen von Ritalin und Co. sind noch nicht erforscht und die Nebenwirkungen sehr umstritten." So könne Methylphenidat bei falscher Dosierung Angstzustände oder Appetitlosigkeit auslösen. Auch auf das Wachstum der Kinder könne das Medikament Auswirkungen haben.

"Ein speziell ausgebildeter Arzt sollte mit Eltern, Lehrern und anderen Betreuungspersonen klären, ob die Symptome der kleinen Patienten nicht doch andere Ursachen haben", erklärte TK-Apothekerin Edda Würdemann - und damit verhindern, dass Ritalin voreilig verschrieben wird. Bei sehr verhaltensauffälligen Kindern allerdings seien Präparate mit Methylphenidat "das Mittel der Wahl", sagte Würdemann. "Nur so können die Symptome schnell gelindert werden, so dass eine begleitende Verhaltens- oder Psychotherapie überhaupt erst möglich gemacht wird." Ritalin könne aber eine ganzheitliche Therapie nicht ersetzen: "Die betroffenen Kinder müssen lernen, langfristig mit ihren Symptomen umzugehen - auch ohne Medikamente."

Quelle: n-tv.de

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