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Auf die Dosis kommt es an: "Sonnenlicht ist lebenswichtig"

Ohne das Licht der Sonne ist das Leben auf der Erde undenkbar. Für Pflanzen sind die Sonnenstrahlen überlebensnotwendig. Aber auch die Menschen kommen ohne Sonnenlicht nicht aus. Welche Auswirkungen fehlendes Sonnenlicht auf uns haben kann und welche Rolle dabei das Vitamin D spielt, erklärt Prof. Dr. Jörg Spitz, Facharzt für Nuklearmedizin, Ernährungsmedizin und Präventionsmedizin und Buchautor.

n-tv.de: Wie wichtig ist das Sonnenlicht für uns Menschen?

Jörg Spitz: Es ist lebenswichtig, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir Menschen können ohne die Sonne nicht sein. Bei der Sonnenenergie reden wir meistens über das, was wir über die Solardächer einfangen können, oder wir denken an die Pflanzen, die mit Hilfe des Sonnenlichts Energie produzieren können. Wir vergessen dabei, dass wir Menschen mit ungefähr zwei Quadratmetern Sonnensegel ausgestattet sind, damit wir die Sonne nutzen, um mit Hilfe der Haut unter anderem Vitamin D bilden zu können.

Die Sonne soll ja auch die Stimmung heben.

Da gibt es verschiedene Ansätze. Einer geht davon aus, dass das Licht, was ins Auge fällt, nicht nur für den Sehvorgang genutzt wird, sondern auch an andere Stellen ins Gehirn weitergeleitet wird, um dort den Tag-Nacht-Rhythmus zu steuern. Andere Untersuchungen zeigen, dass in der Haut, wenn sie genug Sonnenlicht aufnimmt, Endorphine, also Glückshormone ausgeschüttet werden. Dieser Effekt ist auch beim Joggen zu beobachten. Auch dabei werden Glückshormone ausgeschüttet, damit wir weiterlaufen. Beim Sonnenbaden entsteht dieser Mechanismus auch, weil der Körper weiß, was er braucht.

Nach welcher Zeit ohne Sonnenlicht stellen sich im menschlichen Körper echte Mangelerscheinungen ein und welche sind das?

Das lässt sich nicht allgemeinverbindlich sagen. Fakt ist, dass die Natur eine tolle Lösung parat hat. Das Vitamin D, das ja eigentlich gar kein Vitamin ist, sondern die Vorstufe eines Hormons, ist fettlöslich, das heißt, wir können das Vitamin D im Fettgewebe speichern, aber nur, wenn wir auch mehr als die täglich benötigte Dosis bilden können. Das ist in unseren Breiten die Hälfte des Jahres nicht der Fall.

Woran liegt das?

Es gibt eine Faustregel, was die Intensität der Sonne angeht, die besagt: Nur solange der Schatten deines Körpers kleiner ist als deine tatsächliche Körpergröße, lohnt es sich, in Bezug auf die Vitamin-D-Bildung, in der Sonne zu sein. Im Verlauf des Tages ist vorher und nachher die Intensität der UVB-Strahlung nicht mehr ausreichend, obwohl die Sonne noch wärmt und hell ist. In Mitteleuropa ist von März bis Oktober und zwar vor allem in der Mittagszeit die Intensität der UVB-Strahlung für die Bildung des Vitamin D ausreichend. Allerdings nur, wenn der Himmel wolkenarm ist und wir genügend Haut freilegen.

Wie lange muss man denn in der Sonne sein, um sich ein Vitamin-D-Polster anlegen zu können?

Beim Sonnenbad kann der Körper nur Vitamin D bilden, wenn die Haut nicht mit einer Sonnencreme behandelt worden ist. Sonnenbrände jedoch sollten auf jeden Fall vermieden werden.
Beim Sonnenbad kann der Körper nur Vitamin D bilden, wenn die Haut nicht mit einer Sonnencreme behandelt worden ist. Sonnenbrände jedoch sollten auf jeden Fall vermieden werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Es wird immer wieder gesagt, dass es ausreicht, drei- bis viermal pro Woche zehn bis fünfzehn Minuten in der Sonne zu sein, wenn man ungefähr 25 Prozent der Haut entblößt. Das Problem heutzutage ist aber, dass wir viel zu angezogen sind, um ein Viertel unserer Haut zu zeigen. Zudem stellt sich die Frage, wie viele Menschen denn die Möglichkeit haben, in der Mittagszeit in die Sonne zu gehen - und scheint sie dann überhaupt? Wir sind im Laufe der Zeit praktisch zu Grottenolmen geworden, die sich kaum noch im Freien aufhalten. Wir arbeiten in geschlossenen Räumen, wir verbringen unsere Freizeit hauptsächlich drinnen und wir sind überwiegend bekleidet. Selbst die Kinder laufen im Sommer mit langen Hosen rum. Das stellt in Bezug auf die Bildung des Vitamin D ein riesiges Problem dar.

Das sich gesundheitlich wie äußert?

Am eindrucksvollsten ist die Wirkung von Vitamin D auf das Immunsystem. Im Winter zum Beispiel, wenn der Vitamin-D-Speicher absinkt, kommt es zu einer Häufung von Erkältungskrankheiten und Grippe-Epidemien. Aber auch Krebs-Zellen können vermehrt wachsen. Es ist also wünschenswert, ganzjährig einen gleichmäßigen Vitamin-D-Spiegel zu halten.

Wie viele Menschen in Deutschland sind denn vom Vitamin-D-Mangel betroffen?

Über die Zahlen streiten sich die Gelehrten. Konservative Wissenschaftler sagen, etwa 50 bis 60 Prozent, progressive dagegen gehen von ungefähr 90 Prozent der Bevölkerung aus, die im Winter einen Vitamin-D-Mangel haben. Das liegt daran, dass unterschiedliche Messlatten angelegt werden. Die Wissenschaftler haben sehr lange gedacht, dass ein Wert von 50 Einheiten im Blut normal wäre. In den letzten Jahren allerdings haben wir gesehen, dass viele Prozesse im Körper mit einem höheren Vitamin-D-Gehalt einfach besser ablaufen. Die Knochendichte beispielsweise steigt, wenn man einen höheren Wert als 50 hat. Auch das Risiko für einen Bluthochdruck ist bei Menschen mit einem Wert von 75 Einheiten im Blut geringer als bei Menschen mit einem niedrigen Vitamin-D-Gehalt. Geht man von 75 Einheiten als Richtwert aus, dann liegen ca. 90 Prozent der Bevölkerung - Kinder ab einem Jahr übrigens eingeschlossen - zumindest im Winter darunter.

Säuglinge sollen ja nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden, wieso haben die so gute Vitamin-D-Werte?

Ganz einfach! In Deutschland bekommen die Kinder, zumindest im ersten Jahr, Vitamin-D-Tabletten gegen Rachitis vom Kinderarzt verordnet, weil in der Muttermilch nicht genügend Vitamin D ist. Wir haben uns viele Jahre gefragt, warum das wohl so ist, nachdem die Muttermilch ja ansonsten alles enthält, was das Kind braucht. Das Rätsel wurde inzwischen gelöst: wenn die Mutter selbst nicht genügend Vitamin D hat, kann sie es dem Kind mit der Milch nicht geben!

Wie kann man denn seinen Vitamin-D-Wert erfahren?

Mit Hilfe einer Blutuntersuchung kann jeder seinen Vitamin-D-Spiegel ermitteln lassen.
Mit Hilfe einer Blutuntersuchung kann jeder seinen Vitamin-D-Spiegel ermitteln lassen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Jeder sollte sich für seinen individuellen Vitamin-D-Wert interessieren, denn eine erkannte Gefahr ist eine gebannte Gefahr. Wenn man weiß, wo man steht, kann man etwas tun. Das Problem allerdings ist, dass die Hausärzte häufig argwöhnisch mit diesem Wunsch umgehen, da sie nicht genug über die Vitamin-D-Problematik wissen. Viele von ihnen versuchen abzuwiegeln. Wenn es denn klappt, kostet so ein Bluttest 25 Euro. Man sollte darauf bestehen, dass nur die Vorstufe, der sogenannte 25OH-Vitamin-D-Wert, ermittelt wird und nicht das aktive Vitamin D. Die Ermittlung der Vorstufe ist gleichzusetzen mit dem Speicher im Körper. Sie wollen ja nicht wissen, wie viel Vitamin D im Augenblick in den Zellen aktiv ist, sondern wie viel Sie in Zukunft zur Verfügung haben werden. Mit diesem Wert ausgerüstet, kann man dann verschiedene Strategien anwenden, um sich ausreichend mit Vitamin D zu versorgen.

Was kann man dann alles tun?

Über die Nahrung könnten wir theoretisch 20 Prozent aufnehmen. Aber das klappt hinten und vorne nicht, weil wir zum Beispiel die entsprechenden Mengen fetten Seefisch nicht essen. Und wer ist schon ein Lebertran-Fetischist? Für viele ist die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten oder die Benutzung von Solarien eine machbare Alternative. Das ist in Ordnung, denn in gut eingerichteten Sonnenstudios hat man die Möglichkeit, die Intensität der Bestrahlung genau auf den Hauttyp abzustimmen. Das kann man in dieser Form mit der Sonne nicht. Dabei gilt sowohl für die künstliche als auch die natürliche Sonne, dass in jedem Fall einen Sonnenbrand zu vermeiden ist! Auch gegen die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten ist, was die Wirkung angeht, nichts einzuwenden.

Gibt es denn eine Vitamin-D-Überdosierung?

Ja, allerdings nicht, wenn das Vitamin über die Haut gebildet wird, sondern nur, wenn es als Präparat eingenommen wird. Wie immer gilt auch hier die alte medizinische Formel: Die Dosis macht das Gift. Die wenigen Vitamin-D-Vergiftungen, die aktenkundig sind, berichten praktisch alle von Kindern, die über einen langen Zeitraum irrtümlich die Dosis für Erwachsene bekommen haben. Als Normalverbraucher muss man sich bei korrekter Anwendung keine Sorgen machen.

Gibt es denn einen Unterschied zwischen chemisch hergestelltem Vitamin D und dem, was im Körper durch das Sonnenlicht gebildet wird?

Nein, beide Stoffe sind chemisch völlig identisch. Allerdings besteht ein Unterschied zwischen der Wirkung des Sonnenlichtes auf den menschlichen Körper und der Einnahme von Vitamin-D-Präparaten, denn das Sonnenlicht hat ja ein viel größeres Strahlenspektrum. Wir wissen noch gar nicht, was genau die Sonne alles Gutes für uns Menschen tut. Das wird zurzeit intensiv erforscht.

Was kann denn Vitamin-D-Mangel im Körper bewirken?

Die meisten Effekte, die Vitamin D bewirkt, sind keine kurzfristigen oder sehr auffälligen. Es ist vielmehr so, dass durch einen langfristigen Vitamin-D-Mangel der Zellstoffwechsel in die falsche Richtung läuft. Daraus können sehr viele Schäden entstehen. Das, was am schnellsten im Körper reagiert, ist das Immunsystem. Wenn wir beispielsweise im Sommer nicht genug Vitamin D angehäuft haben, sind wir im nächsten Winter wesentlich anfälliger für Grippeviren und Bakterien, die sich ja immer in unserer Umgebung befinden. Studien belegen das. Zudem wird die Muskulatur geschwächt, der Blutdruck kann aus der Balance kommen, Diabetes und Herzerkrankungen und sogar Krebs können auftreten. Selbst Patienten, die bereits wegen Krebs operiert wurden, haben mit einem höheren Vitamin-D-Spiegel eine deutlich bessere Prognose.

Wenn das Sonnenlicht und das daraus gebildete Vitamin D so großartige Wirkungen haben, warum werden sie dann so selten vom Arzt verschrieben?

Ganz einfach, es kostet nichts. Wenn die Pharma-Industrie eine Pille hätte, die das kann, was Sonne und Vitamin D können und diese patentieren könnte, dann würde sie als Wunderpille sehr teuer verkauft und beworben werden. Mehr Ärzte würden von der Wirkung erfahren und auch mehr Studien könnten die Wirkungen beweisen. Da das Vitamin D aber seit Jahrzehnten auf dem Markt ist, kann es nicht mehr patentiert werden. Sie bekommen heute eine Jahresdosis Vitamin D für ungefähr 20 Euro, damit lässt sich kein großes Geschäft machen. Jegliche Versuche der Pharma-Industrie, ein Vitamin-D-ähnliches Präparat zu kreieren und zu patentieren, liefen bislang schief. Es ist halt verdammt schwer, besser als die Natur zu sein!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Jörg Spitz
Jörg Spitz(Foto: Jörg Spitz)

Mehr korrekte Aufklärung. Für die Wissenschaftler, die sich für Vitamin D einsetzen, gibt es eine "Art dunkle Macht", die aus der Kosmetik-Industrie und den Hautärzten besteht. Die Dermatologen haben in letzter Zeit das Thema Hautkrebs für sich entdeckt. Mit einseitigen Aussagen wie: Die Sonne ist für den Hautkrebsverantwortlich und dieser ist die schlimmste Forme des Krebses, werden die Menschen verschreckt. Solche Aussagen sind so nicht richtig und bedürfen der Differenzierung in Bezug auf verschieden Arten des Hautkrebses. Was man auf jeden Fall verhindern soll, sind Sonnenbrände. Die Kosmetik-Industrie versorgt uns mit Gesichts-Cremes, in denen bereits ein UV-Filter eingebaut ist. Auch die Sonnen-Cremes verhindern nach dem Auftragen die körpereigene Vitamin-D-Bildung. Die meisten der Anwender wissen das jedoch nicht. Die Sonne gilt mittlerweile als etwas Gefährliches, obwohl sie so viele positive Effekte hat und seit Millionen von Jahren die Existenz des Lebens auf der Erde garantiert – auch des menschlichen Lebens!

Mit Jörg Spitz sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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