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Immer mehr Jugendliche sind von dauerhaften Kopfschmerzen geplagt.
Immer mehr Jugendliche sind von dauerhaften Kopfschmerzen geplagt.(Foto: picture alliance / dpa)

Wirksame Technik gegen Schmerz: Ständig Kopfweh? Mach sie schlimmer!

Chronische Schmerzen sind nicht nur Erwachsenen ein Begriff. Michael Dobe, Psychologe, behandelt Kinder und Jugendliche, die rund um die Uhr Schmerzen haben: im Kopf, im Bauch, am Rücken. In der Therapie ermutigt Dobe seine jungen Patienten dazu, den stets spürbaren Schmerz bewusst zu verstärken - um ihn letztlich zu reduzieren. Was es mit der so paradox anmutenden "Schmerzprovokationstechnik" auf sich hat, wie sie die Kinder stark macht und warum sie so wirksam ist, erklärt der Experte im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Dobe, wie haben wir uns die Schmerzprovokationstechnik vorzustellen?

Michael Dobe: Das Vorgehen ist relativ einfach: Stellen Sie sich vor, Sie haben dauerhaft Schmerzen. Und nun machen Sie die Augen zu und konzentrieren sich auf den Schmerz. Was wird passieren?

Ich vermute, der Schmerz wird schlimmer.

Richtig. Und genau darum geht es. Für die Kinder ist es nämlich enorm hilfreich, zu erfahren: "Ey, wenn ich meinen Schmerz stärker machen kann, dann kann ich ihn auch schwächer machen!"

Fangen wir vorne an: Für wen haben Sie die Methode entwickelt?

Für die Entwicklung der Methode wurde Michael Dobe mit dem Wissenschaftspreis 2010 der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und –forschung e.V. ausgezeichnet.
Für die Entwicklung der Methode wurde Michael Dobe mit dem Wissenschaftspreis 2010 der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und –forschung e.V. ausgezeichnet.(Foto: Michael Dobe)

Die Patienten, denen wir diese Technik beibringen, sind durchschnittlich 15 Jahre alt. Es geht meist um dauerhafte Kopfschmerzen, dauerhafte Bauchschmerzen oder dauerhafte Rückenschmerzen. Und dauerhaft bedeutet in allen Fällen: rund um die Uhr. Die Kinder, die zu uns kommen, haben seit Jahren dauerhaft Schmerzen. Vorher wurde schon eine ganze Palette ausprobiert: Akupunktur, Osteopathie, tausend Untersuchungen. Auch medikamentöse Ansätze. Aber die machen bei chronischen Schmerzen gar keinen Sinn mehr.

Und wo setzen Sie dann an?

Bei einer Grundidee, die in der Angsttherapie ganz normal ist, auf die in der Schmerztherapie aber noch niemand gekommen war: In der Angsttherapie geht es nie darum, die Ängste einfach nur klein zu halten. Vielmehr gehört es zwangsläufig dazu, dass man sich den Ängsten stellt. Mit diesem Ansatz arbeitet – bezogen auf den Schmerz –  auch unsere Methode.

Ist die Hemmschwelle da nicht erstmal recht hoch?

Oh ja. Die Methode braucht eine gewisse Vorbereitungszeit, denn die Kinder haben alle sehr viel Angst davor, sie anzuwenden. Ihre Hauptfrage ist nämlich: "Oh Gott, oh Gott, den Schmerz stärker machen, das kriege ich wohl hin. Was ist aber, wenn ich das nicht mehr stoppen kann und der Schmerz immer schlimmer wird?" Es ist eine richtige Konfrontationsmethode.

Warum ist dieser Ansatz so hilfreich?

Manchmal sind uns andere Dinge wichtiger als der Schmerz. Dann spüren wir ihn auch nicht.
Manchmal sind uns andere Dinge wichtiger als der Schmerz. Dann spüren wir ihn auch nicht.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn Sie bei einer Schmerztherapie dem Kind nur beibringen, vor dem Schmerz wegzulaufen, ihn zu vermeiden, sich nur zu schonen und passiv zu sein – ich verspreche Ihnen: Es wird schlimmer.

Woran liegt das?

Stellen Sie sich vor, Sie haben Angst vor Schmerzen. Und stellen Sie sich vor, Sie vermeiden diese Angst immer. Dann wird die Angst bleiben. Und jedes Mal, wenn irgendetwas kommt, was Sie an den Schmerz erinnert, oder eine neue Erfahrung kommt, bei der Sie Schmerzen haben, wird das automatisch dazu führen, dass Sie wieder Ihr altes Muster benutzen, sich also wieder schonend hinlegen und alles vermeiden.

Wie sind Sie auf die Technik der Schmerzprovokation gekommen?

Das hängt mit etwas zusammen, was die Sache kompliziert macht: Wenn Sie starke Schmerzen haben und belastende Lebenserfahrungen hatten, wird es sicherlich dazu kommen, dass starke Schmerzen die Erinnerungen an die belastende Erfahrung auffrischen. Und das heißt, Sie brauchen eine Technik, die geeignet ist, beides gleichermaßen zu adressieren. Sie können nicht einfach nur mal eben ein bisschen Traumatherapie hier und ein bisschen Schmerztherapie dort machen. Vielmehr müssen Sie etwas haben, was es den Kindern ermöglicht, beides gleichermaßen anzusprechen und so Schmerz und Trauma voneinander zu entkoppeln. Dafür ist die Methode entwickelt worden.

Wie funktioniert sie konkret?

"ICH bin der Chef in meinem Körper!" Jugendliche, die so mutig waren, die Technik auszuprobieren, sind begeistert.
"ICH bin der Chef in meinem Körper!" Jugendliche, die so mutig waren, die Technik auszuprobieren, sind begeistert.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die Kinder konzentrieren sich auf den Schmerz. Der nimmt zu. An diesem Punkt sagen die Kinder zum Therapeuten nun laut "Stopp!" Denn ich sehe es dem Kind ja nicht an, was es da gerade tut. Und dann wendet es die Methode an, die wir vorher eingeübt haben. Ich sage dem Kind: "Geh nun einen Punkt wieder runter mit dem Schmerz." Wenn das Kind das geschafft hat, ein paar Mal gemacht hat und als Hausaufgabe immer gut hinbekommen hat, dann geht es künftig darum, den Schmerz um zwei Punkte stärker und zwei Punkte schwächer zu machen. Und wenn die Kinder erleben, dass sie das können - was sie vorher nicht geglaubt haben! -, dann sind sie regelrecht begeistert. Dann fangen sie an, zu experimentieren: Schmerz plus zwei, minus drei. Plus zwei, minus vier. Plus zwei, minus fünf. Und das ist der Trick an der Geschichte.

Die Kinder bringen den Schmerz also unter Kontrolle. Das muss ein grandioses Erfolgserlebnis sein.

Ja. Wenn die Kinder, nachdem sie am Anfang so skeptisch waren und Angst hatten, die Methode angewandt haben und merken, wie mächtig sie sind, wie stark sie ihr eigenes Schmerzerleben verändern können, dann haben Sie Kinder und Jugendliche, die super motiviert mitarbeiten.

Birgt die Methode auch Risiken?

Therapeuten, die die Methode anwenden, sollten Erfahrung haben mit Kindern, die traumatisiert sind. Wenn nämlich wirklich Kinder dabei sind, die mit dem chronischen Schmerz belastende Lebenserfahrungen verbinden, dann sollten sie in der Lage sein, das Kind auch wieder herauszuholen aus einer solchen Erinnerung.

Was geschieht bei der Methode mit den belastenden Erinnerungen?

Wenn die Kinder gleichermaßen den Schmerz steigern und sich den belastenden Erinnerungen aussetzen, den Schmerz dann aber wieder senken können, dann entkoppelt sich die Verbindung von Schmerz und Erinnerung. Dann sagen die Kinder wortwörtlich: "Irgendwie ist das alles weiter weg." Die Erinnerungen werden schwächer. Die Angst hört auf. Ein Trauma ist eine Art von Erinnerungsphobie. Man möchte die Situation auf keinen Fall noch mal erinnern. Wenn ich mich der Sache aber mutig stelle, dann lernt das Gehirn: "Ok, ist nicht mehr so wichtig." Und über diese Technik kann man die unheilige Verbindung zwischen ja starken emotionalen Belastungen und chronischen Schmerzen sehr gut abdämpfen auf Dauer.

Sind denn die chronischen Bauchschmerzen auf den belastenden Vorfall zurückzuführen?

Ablenkung ist hilfreich. Sind Eltern und Großeltern auf den Schmerz des Kindes fixiert, kann auch das Kind an nichts anderes mehr denken.
Ablenkung ist hilfreich. Sind Eltern und Großeltern auf den Schmerz des Kindes fixiert, kann auch das Kind an nichts anderes mehr denken.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Das ist wichtig für das Verständnis von chronischen Schmerzen: Es gibt keine Ursache mehr – nach drei Monaten. Es gibt keine Ursache-Wirkungs-Beziehung im Gehirn. Unser Gehirn ist aktiv, wir selektieren aktiv, welche Informationen für uns wichtig sind. Wenn Sie abends ins Bett gehen und Sie entdecken einen blauen Fleck am Knie, wissen Sie dann wirklich jedes Mal, wo dieser Fleck herkommt?

Nein.

Gut. Angenommen, ich säße jetzt neben Ihnen und würde Ihnen einen blauen Fleck verpassen, indem ich Ihnen gegen das Schienbein trete. Dann wären Sie ziemlich sauer auf mich. So ein blauer Fleck ist nämlich akut ziemlich schmerzhaft. Nun die Preisfrage: Wie konnte es denn sein, dass ein solcher ziemlich starker Akutschmerz in dem anderen Fall von Ihnen gar nicht wahrgenommen wurde? Was also ist die Ursache von Schmerz?

Wie lautet die Antwort aus Ihrem Munde?

Es gibt keine Ursache. Sie waren abgelenkt. Schmerz ist im Gehirn einfach nur eine Information von vielen. Das Schmerzsignal war bei dem anderen blauen Fleck geblockt. Natürlich ist ein blauer Fleck eine Gewebsschädigung. Und klar, die Schmerzsignale gehen das Rückenmark hoch, ins Mittelhirn rein. Aber dann wurden die Signale radikal geblockt, weil andere Signale für Sie wichtiger waren. Sie wollten schnell zum Bus oder mussten in die Rangelei Ihrer beiden Kinder eingreifen. Da hatten Sie andere Sorgen, als sich um Ihr Knie zu kümmern.

Heißt das, dass Schmerzen letztlich eingebildet sind?

Schmerz ist niemals eingebildet.
Schmerz ist niemals eingebildet.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nein, niemals. Schmerz hat immer auch einen biologischen Anteil. Wenn man starke Kopfschmerzen hat mit starken Veränderungen, sollte man immer ein MRT im Kopf machen, um einen Hirntumor auszuschließen. Aber die zweite Ebene für das Schmerzempfinden ist die psychologische: Wie ist meine Stimmung? Worauf konzentriere ich mich? Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Wie kann ich mit Schmerzen umgehen? Wie kann ich ihn Schmerz beeinflussen? Vor allem: Wie kann ich lernen, mich ihm zu stellen? Man kann ja auch mit Schmerz ein schönes Leben führen. Das tun ja Millionen Deutsche. Die psychologische Komponente hat mit jedem Akutschmerz etwas zu tun. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene für das Schmerzempfinden: Wie reagiert meine Umwelt? Wissen Sie, wenn Sie Eltern haben, die tausend Mal am Tag nachfragen: "Hör mal, tut's dir weh? Oh mein Gott, das ist ja furchtbar!" Und dann auch noch die Oma ankommt, die sagt: "Bei mir ist das auch so." Verstehen Sie, woran soll das Kind dann denken? – Aus diesen drei Ebenen jedenfalls, der biologischen, der psychologischen und der Umwelt, setzt sich am Schluss eine reale, wahre Schmerzempfindung zusammen. Wenn Sie Angst vor Schmerzen haben, scannen Sie Ihren Körper ängstlich nach Schmerz ab. In dem Augenblick findet eine Schmerzverstärkung im Gehirn statt. Es kommt zu einem real stärkeren Schmerzempfinden. Das ist für die Kinder und auch für die Eltern ganz wichtig: Der Schmerz ist niemals eingebildet. Der ist real da.

Aber gegen die Angst vor Schmerzen geben Sie den Kindern ja ein gutes Werkzeug an die Hand.

Erschienen 2009 im Carl Auer Verlag, 16,95 Euro.
Erschienen 2009 im Carl Auer Verlag, 16,95 Euro.(Foto: Carl Auer Verlag)

Genau. Unsere Technik zielt speziell darauf ab, dass man das psychologische Schmerzempfinden und die affektive Bewertung von Schmerz gerade bei belastenden Lebensereignissen verringert. Und darauf, dass die Kinder merken: "Hey, ich kann was. ICH bin der Chef in meinem Körper."

Michael Dobe ist Psychologe am Vodafone Stiftungsinstitut und Lehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin in Datteln. Mit Dr. Tanja Hechler und dem Team um Prof. Dr. Boris Zernikow hat er die Schmerzprovokationstechnik entwickelt. Das Vodafone Stiftungsinstitut wurde 2002 von Prof. Dr. Zernikow gegründet. Schwerpunkt der Arbeit ist die ambulante und stationäre Versorgung von Kindern mit chronischen Schmerzen oder lebensverkürzenden Erkrankungen.

Mit Michael Dobe sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de

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