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Verbrecherjagd im Sprachlabor: Stimme gibt Hinweis auf Identität

Es muss nicht immer ein Fingerabdruck oder eine Blutspur sein, die einen Verbrecher überführen. Es kann auch seine Stimme sein. Die Trierer Phonetik-Professorin Angelika Braun hat da ein besonders feines Ohr - und viele Jahre Erfahrung beim Stimme-Messen.

Angelika Braun kommt Verbrechernim Sprachlabor auf die Spur. Die Professorin für Phonetik analysiert Stimmprobenvon Bankräubern, Entführern, Terroristen oder anderen Kriminellen, um Hinweise aufdie Identität des Sprechers zu bekommen oder andere Informationen herauszuhören."Jedes Detail ist wichtig. Auch jedes Geräusch im Hintergrund", sagt Braun,die an der Universität Trier mit Schwerpunkt forensische Phonetik lehrt. Als Expertinwird die 55-Jährige bei Kriminalfällen von Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichtenim In- und Ausland angefragt. "Manchmal muss alles ganz schnell gehen."

Phonetik-Professorin Angelika Braun an ihrem Arbeitsplatz im Sprachlabor der Universität in Trier.
Phonetik-Professorin Angelika Braun an ihrem Arbeitsplatz im Sprachlabor der Universität in Trier.(Foto: dpa)

Etwa bei einer Geiselnahme:"Da kann das Leben eines Menschen von kleinen Ermittlungserfolgen abhängen",sagt die gebürtige Bottroperin, die von 1986 bis 2000 beim Landeskriminalamt inDüsseldorf und beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden im Bereich Sprecherkennung gearbeitethat. Bei der Entführung von Jan Philipp Reemtsma 1996 waren Mitschnitte der Entführer-Anrufeihre Arbeitsgrundlage. Und bei der Geiselnahme in Gladbeck 1988 galt es, anhandvon Stimmproben Infos über die Entführer zu sammeln. "Wir Phonetiker habenein sehr feines Ohr", sagt Braun, die 2003 den Lehrstuhl an der Uni übernommenhat.

Alter, Geschlecht, Herkunftund Nationalität erkennbar

"Wissenschaftlerwerden für die Polizeiarbeit immer wichtiger", sagt der Sprecher der PolizeiMönchengladbach, Willy Theveßen. Für DNA-Abgleiche, aber auch für Stimmen, Töneund Schall. Etwa im Fall des ermordeten zehnjährigen Mirco aus dem nordrhein-westfälischenGrefrath: Da habe Braun für die Polizei ein Schallgutachten erstellt, nachdem dreiZeugen von einem markerschütternden Schrei zur Tatzeit berichtet hatten. "Siesollte herausfinden, von wo der Schrei gekommen sein könnte", sagte Theveßen.Letztlich führte das Gutachten zu keiner neuen Spur, aber wichtig war die Expertisedennoch. "Braun ist für uns in solchen Fragen die erste Adresse", sagter.

Die Stimme kann Alter,Geschlecht, Herkunft und Nationalität verraten. "Auch wenn der Sprecher flüstertoder seine Stimme verstellt", sagt die Professorin, die die Laute und Töneeingehend am Computer im Sprachlabor untersucht. Das Lebensalter könne zwar nichtaufs Jahr genau, aber in der Regel auf fünf bis zehn Jahre geschätzt werden. Wojemand herkomme, sei auch meist ablesbar. "Dabei ist die Schulzeit prägend."Spreche jemand mit ausländischem Akzent, werde dessen Nationalität anhand von systemischenFehlern oder bestimmten Lauten entschlüsselt.

Computer kann nichtalles

Braun macht aber auchStimmvergleiche. Hier kommt eine spezielle Software am Computer zum Einsatz."Sie kann Sprache sichtbar und messbar machen", sagt Braun. So könne etwadokumentiert werden, ob jemand eine besonders hohe oder tiefe Stimme habe. Auch,wenn die Aufnahme von schlechter Qualität sei. Alles kann der Rechner aber nicht:"Es gibt keinen Computer, der mir sagen kann, woher jemand stammt oder wiealt er ist", sagt die Wissenschaftlerin. Daher setze sie auf eine Kombinationaus Mensch und Computer.

Bei Stimmvergleichen prüftBraun etwa, ob die Stimme aus einem islamistischen Bekennervideo mit der aus einemTelefonmitschnitt übereinstimmt. Oder wie vor kurzem für ein Gericht in Großbritannien:Ob die Stimme eines Hasspredigers aus einem Video die eines bestimmten Mannes ist.

Auch weniger spektakuläreFälle beschäftigten die Trierer Phonetiker. Wie die Havarie eines mit Heizöl beladenenSchiffes auf der Elbe von einigen Jahren. Der Kapitän habe eine Vorgeschichte mitAlkohol gehabt - und Braun habe anhand von Aufzeichnungen aus dem Funkverkehr festgestellt,dass er zum Zeitpunkt des Unfalls betrunken war. "Das war eine klare Sache",sagt sie. Er habe bei Lauten "bestimmte Zielpunkte nicht erreicht" undlangsamer gesprochen.

Im Jahr 2000 hatte esBraun an die Hochschule gezogen, weil sie sich zunehmend für wissenschaftliche Frageninteressierte. "Zum Beispiel: Wie verändert sich Sprache mit dem Alter? Wasverändert sich an der Stimme beim Flüstern oder Schreien?" Rund 60 Studierendelernen bei ihr alles von der Laut-Artikulation über die Schallwellen-Übertragungbis zur Wahrnehmung mit dem Ohr. Aber auch, wie sie Verbrecher über deren Stimmeentlarven können.

Quelle: n-tv.de