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Tod und Verwüstung: In der Stadt Tacloban liegen leere Särge, die vermutlich aus einem Bestattungsunternehmen herausgespült wurden, auf der Straße.
Tod und Verwüstung: In der Stadt Tacloban liegen leere Särge, die vermutlich aus einem Bestattungsunternehmen herausgespült wurden, auf der Straße.(Foto: REUTERS)

Interview mit Klimaforscher Gerstengarbe: "Taifune sind an sich nichts Ungewöhnliches"

Hurrikans, Taifune und andere tropische Wirbelstürme treten immer wieder auf, an sich sind sie keine Folge des Klimawandels, sagt der Potsdamer Klimaforscher Gerstengarbe. Doch ihre Intensität nimmt zu - wie auch insgesamt die Zahl der Extremereignisse.

n-tv.de: Gibt es eine Zunahme von tropischen Wirbelstürmen?

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe ist geschäftsmäßiger Stellvertreter des Direktors des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe ist geschäftsmäßiger Stellvertreter des Direktors des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.(Foto: PIK)

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe: Die Quantität hat nicht zugenommen. Was zugenommen hat, ist allerdings die Intensität. Es gibt deutlich mehr stärkere Taifune, Zyklone oder Hurrikans - das ist ja dasselbe, in Australien heißen diese Stürme Willy Willy. Das sind alles tropische Wirbelstürme, die bestimmte Voraussetzung brauchen, um entstehen zu können.

Welche Voraussetzungen sind das?

Tropische Wirbelstürme entstehen über dem offenen Meer. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass die Wassertemperaturen bei mindestens 26,5 bis 27 Grad liegen, und zwar bis in eine Tiefe von 60 Metern. In einem so stark aufgewärmten Meer steckt sehr, sehr viel Energie. Die ist es, die diesen Prozess in Gang setzt. Sobald der Wirbelsturm auf Land trifft, hört die Energiezufuhr auf und der Sturm schwächt sich ab. Wir beobachten dieses Phänomen jedes Jahr mehrfach, an sich ist das nichts Ungewöhnliches.

Warum gibt es am Äquator keine tropischen Wirbelstürme?

Das hat etwas mit der sogenannten Corioliskraft zu tun, die der Wirbelsturm für seine Entstehung braucht. Die Corioliskraft ist eine Scheinkraft, die auf der rotierenden Erde dafür sorgt, dass Luftteilchen, die sich von Nord nach Süd oder umgekehrt bewegen, abgelenkt werden. Am Äquator gibt es diese Corioliskraft nicht. Sie wirkt erst ab etwa fünf Grad nördlich oder südlich des Äquators.

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Warum war der Taifun "Haiyan" so stark?

Derzeit liegen die Meerestemperaturen in der Region bei 30 Grad. Das ist deutlich mehr als die 27 oder 28 Grad, die in dort normalerweise gemessen werden.

Wenn die globale Erwärmung für einen Anstieg der Meerestemperaturen sorgt, wäre dann nicht doch zu erwarten, dass Hurrikans und Taifune häufiger auftreten?

Das könnte man vermuten, ist bisher aber nicht nachgewiesen. Dazu müsste man eine statistische Untersuchung durchführen, und dafür sind die Zeiträume zu kurz, seit dem es eine exakte Registrierung der tropischen Wirbelstürme gibt. Tropische Wirbelstürme treten ja nicht das ganze Jahr über auf, sondern nur in der jeweiligen Saison: auf der nördlichen Halbkugel zwischen Juni und November, vor allem im September, auf der südlichen Halbkugel zwischen Dezember und Mai. In einer Region beobachtet man pro Saison etwa fünf bis zehn Wirbelstürme. Um eine statistische Häufung nachweisen zu können, bräuchte man lange Zeiträume, und die liegen uns einfach noch nicht vor. Was man aber sieht, ist, dass die Stürme an Intensität zugenommen haben.

Das heißt?

Stürme von der Stärke drei, vier oder fünf sind häufiger geworden. Der Taifun "Haiyan", der jetzt auf den Philippinen so schwere Verwüstungen angerichtet hat, war einer der Stärke fünf - das ist die oberste Kategorie, die es bei tropischen Wirbelstürmen gibt. "Haiyan" hatte Windstärken von mehr als 300 km/h. Mir ist nicht bekannt, dass solche Windgeschwindigkeiten schon mal irgendwo gemessen wurden. Damit war "Haiyan" wahrscheinlich der stärkste Taifun, der je beobachtet wurde.

Was wirkt zerstörerischer bei einem Taifun, der Niederschlag oder der Sturm?

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Normalerweise schädigt so ein Sturm nicht durch seine Windgeschwindigkeit, sondern durch seine Starkniederschläge. Bei "Haiyan" hatten wir beides, sehr hohe Windgeschwindigkeiten und sehr hohe Niederschläge. Das führte zu diesen katastrophalen Zerstörungen.

"Haiyan" selbst würden Sie vermutlich nicht auf den Klimawandel zurückführen?

Nein, an einem einzelnen Ereignis können Sie den Klimawandel nicht nachweisen. Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess, da muss man sich schon die Entwicklung über längere Zeiträume ansehen. Aber wir wissen, dass die Zahl der Extremereignisse - und dazu gehört auch "Haiyan" - in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen hat. Innerhalb dieser Zeit haben sich die Extreme weltweit von 400 auf 800 verdoppelt. Das ist schon ein ziemlich starkes Indiz dafür, dass dies Auswirkungen des Klimawandels sind.

Verfolgen Sie eigentlich noch die jährlichen Klimakonferenzen wie die in Warschau, die heute begonnen hat?

Ja, natürlich, wir verfolgen das schon. Aber der Optimismus, dass sich da etwas tut, ist stark gedämpft.

Glauben Sie, dass "Haiyan" Auswirkungen haben kann auf die Verhandlungen?

Das klingt zynisch, aber dann hätte er wenigstens etwas Gutes gehabt. Aber wir hatten schon so viele Katastrophen, denken Sie nur an die Überschwemmungen in Pakistan vor drei Jahren. Damals waren viele Millionen Menschen betroffen, tausende kamen ums Leben. Das ist so schnell in Vergessenheit geraten. Die Wirkung solcher Nachrichten ist offenbar relativ gering.

Mit Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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