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Kondome schützen zwar vor einer HIV-Infektion, nicht aber vor allen anderen Geschlechtskrankheiten.
Kondome schützen zwar vor einer HIV-Infektion, nicht aber vor allen anderen Geschlechtskrankheiten.(Foto: picture alliance / dpa)

Syphilis, Tripper, Chlamydien: Tausende haben Sex-Infektionen

Von Ina Brzoska

Was nach einer guten Nachricht klingt, verrät nicht die ganze Wahrheit: Die Zahl der HIV-Infektionen sinkt zwar, doch gleichzeitig breiten sich Geschlechtskrankheiten rasant aus. Mediziner sprechen bei Infektionen mit Chlamydien oder Genitalherpes bereits von neuen Volkskrankheiten. Auch Tripper und Syphilis kommen zurück.

Jessica M. dachte zunächst an eine harmlose Blasenentzündung als sie ein Brennen beim Wasserlassen und ein leichtes Ziehen im Unterleib spürte. Ein Gynäkologe verschrieb der jungen Frau zwar ein Antibiotikum, aber nicht gegen eine Unterkühlung des Unterleibs. Die Diagnose nach Abstrich lautete: Chlamydien. Eine sexuell übertragene Krankheit, bei der Bakterien Geschlechtsorgane befallen und zu schweren Entzündungen führen können.

Chlamydien-Infektionen haben sich in den letzten Jahren rasant ausgebreitet, von einer "heimlichen Epidemie", einer Art neuen Volkskrankheit ist die Rede. Eine Studie mit weiblichen Berliner Teenagern zeigte jüngst eine Infektionsrate von zehn Prozent, weltweit sollen rund 90 Millionen Menschen betroffen sein. Die Erreger tummeln sich in Körperflüssigkeiten - zum Beispiel in Spermien, im Urin, im Speichel aber auch in den Augen. In Schwellenländern führt es aufgrund von Antibiotika-Mangel auch oft zur Erblindung.

Unentdeckte Chlamydien führen zur Unfruchtbarkeit

Der Erreger der Syphilis unter dem Mikroskop. Bis heute ist er nicht im Labor kultivierbar.
Der Erreger der Syphilis unter dem Mikroskop. Bis heute ist er nicht im Labor kultivierbar.(Foto: picture alliance / dpa)

Jessica M. hatte Glück, dass sie überhaupt Schmerzen verspürte. Bleibt die Infektion unerkannt, können Bakterien auf Eierstöcke oder Nebenhoden übergreifen und das Gewebe derart zerstören, dass Betroffene unfruchtbar werden. Nach der vierten Infektion, mahnen Ärzte, werden Frauen steril. Trotzdem ist ein Test auf Chlamydien bei Ärzten noch keine Routineuntersuchung.

"Wir brauchen ein Chlamydien-Screening von jungen Frauen und Teenagern", fordert Norbert Brockmeyer, Arzt an der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum und Vorsitzender der DISTG, der Gesellschaft zur Förderung sexueller Gesundheit. Meist schlummern Chlamydien unbemerkt im Körper, 80 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer haben keine oder nur geringfügige Beschwerden. Zudem ist die Krankheit trotz ihrer starken Ausbreitung eher unbekannt. Die wenigsten unterziehen sich einem Test und übertragen das Bakterium an ihre Sexualpartner weiter.

22 Prozent mehr Syphilis-Infektionen

Nicht nur Chlamydien, sondern auch die anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) sind auf dem Vormarsch. Experten beobachten die starke Ausbreitung von Syphilis, Genitalherpes oder Tripper. Genaue Zahlen, wie viele Menschen an STI leiden, gebe es aber nur bedingt - die meisten Infektionen sind nicht meldepflichtig. Schätzungen zufolge gab es rund 80.000 Neuinfektionen mit Chlamydien und 10.000 Neuinfektionen mit Tripper im vergangenen Jahr.

Für Aufruhr sorgt derzeit der starke Anstieg der Syphilis. Im Gegensatz zu den anderen Geschlechtskrankheiten werden diese seit Jahrzehnten am RKI systematisch erfasst. Zwischen 1995 und 2000 wurden jährlich etwa 1150 Fälle registriert. Seit 2000 stieg die Zahl kontinuierlich an, Experten rätseln - im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das ein Anstieg von 22 Prozent.

Präventionskampagnen konzentrierten sich zu sehr auf HIV

Sexual-Mediziner Brockmeyer aus Bochum warnt vor einer neuen Syphilis breitet sich aus . Wurden Geschlechtskrankheiten früher eher unter den Risikogruppen von Prostituierten und Homosexuellen in den Ballungsräumen diagnostiziert, breiten sich Chlamydien-, Herpes- und humane Papillonviren (HP-Viren) derzeit in der Bevölkerung aus, nicht nur in Städten, auch auf dem Land. Jahrelang ist gezielt der Schutz vor Aids propagiert worden, weshalb die Zahl der HIV-Infektionen gesunken ist. Doch wer sich mit Kondomen schützt, beugt damit nicht unbedingt auch anderen STIs vor.

Truvada, die angebliche Pille gegen Aids.
Truvada, die angebliche Pille gegen Aids.(Foto: picture alliance / dpa)

"Unsere Präventionsbotschaften wurden in der Vergangenheit teilweise missverstanden", sagt Brockmeyer. Chlamydien sei inzwischen eine Volkskrankheit - und trotzdem kaum bekannt. Außerdem herrsche in breiten Teilen der Bevölkerung die Ansicht, Kondome schützten auch vor Tripper, Genitalherpes oder HP-Viren. "Diese Krankheiten werden beim Austausch von Körperflüssigkeiten viel schneller übertragen", sagt Brockmeyer.

Auch die gestiegene Vorliebe für Oralverkehr trage zur Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten bei. "Das Sexualverhalten hat sich in der Hinsicht stark verändert", sagt er. Deshalb steigen auch Infektionen in Mund und Rachenraum, auch die Zahl der Tumore steigt in diesen Bereichen.

Brockmeyer und Kollegen fordern seit Langem, dass mehr Geschlechtskrankheiten unter Angabe eines Pseudonyms meldepflichtig werden müssen. "Wir brauchen auch mehr Aufklärung und Forschung im medizinischen Bereich", sagt er. Ärzte hätten es inzwischen mit hoch resistenten Keimen zu tun, oft wirke die Antibiotika-Behandlung nur bedingt. Viele Medikamente müssen inzwischen viel höher dosiert werden, um eine Wirkung zu erreichen.

Aidskranke feiern Sexpartys ohne Kondome

Vor allem in Großstädten multiplizieren sich Probleme. Immer mehr Aidskranke sind HIV-müde, auf Bare-Back-Partys genießen sie Sex ohne Kondom. Der Berliner Hautarzt Alex Rothhaar bekämpft täglich die Konsequenzen der neuen Sorglosigkeit. Rund 7000 Patienten behandelt er mit Kollegen im Quartal, er führt eine Art "Szenepraxis", die viele Betroffene aufsuchen. "Es ist die ungehemmte Verhaltensweise vieler Homosexueller, die mir Sorge bereitet", sagt Rothhaar.

Aidskranke wollten sich oft nicht mehr gängeln lassen. Mit Truvada keine "Pille gegen Aids" schwinde auch das nötige Maß an Vorsicht. "Die Leute sind in den letzten Jahren wieder viel freizügiger geworden", sagt Rothhaar.

Mit fatalen Folgen: Auf sogenannten Bareback-Partys kommt es häufig zu Reinfektionen mit Aids. Viren verbinden sich neu, bilden Untergruppen und werden noch aggressiver. Die ohnehin schon stark angegriffenen Schleimhäute sind viel anfälliger für weitere Infektionen wie Tripper oder Genitalherpes. Resistenzen gegen Antibiotika häufen sich.

"Bei der Bekämpfung des Trippers muss ich teilweise die zehnfache Dosis an Ciprofloxazin oder anderen Medikamenten verabreichen, früher reichte eine Pille", sagt Rothhaar. Manche Patienten müssen erst diverse Tabletten ausprobieren, bis eine Therapie überhaupt anschlägt. Trotzdem ließen sich Betroffene oft nicht abschrecken. Tagsüber ließen sie sich mit Antibiotika behandeln, abends wartet bereits die nächste einschlägige Party mit neuen Sexpartnern.

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Quelle: n-tv.de

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