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Dienstag, 17. März 2009

Verheerende Folgen: Tiefsee-Fischerei vernichtet Lebensraum

Die Folgen der Tiefsee-Fischerei reichen einer Studie zufolge womöglich viel weiter in die Tiefe als die Netze der Trawler. Vor der Westküste Irlands geht die Zahl der Fische noch in 2,5 Kilometer Tiefe zurück, obwohl die Netze nur etwa 1,6 Kilometer tief herabreichen. Das berichten Wissenschaftler von gleich fünf britischen Instituten, darunter der renommierte British Antarctic Survey. Die Analyse stützt sich auf eine der wenigen langfristigen Untersuchungen der Fangzahlen in der Tiefe überhaupt. Teilweise gingen diese Probefänge der Forscher im Vergleich zur Zeit vor dem Beginn der kommerziellen Tiefsee-Fischerei um 41 Prozent zurück, etwa im Fall des Grenadiers (Coryphaenoides rupestris).

"Größere Effekte haben als bislang angenommen"

Während dieser in die Netze gehen soll, gelangen auch andere, wirtschaftlich nicht interessante Arten in die Maschen. Dazu zählt ein Dornrücken-Aal (Polyacanthonotus rissoanus). Er nahm der Analyse zufolge um 77 Prozent ab – dabei wird er vom Menschen gar nicht genutzt. Die Resultate zeigten, dass das Ausweisen von Tiefsee-Schutzgebieten alleine nicht reiche: Es gelte, die Effekte in den umliegenden Gebieten ebenfalls einzubeziehen, erklären die Forscher. "Die kommerzielle Fischerei könnte größere Effekte haben als bislang angenommen – und auch Fische betreffen, von denen wir bislang annahmen, dass sie außerhalb der Reichweite der Fischerboote leben. Wir sind von diesen Resultaten sehr überrascht und glauben, dass dies wichtige Hinweise darauf gibt, wie wir mit den Ozeanen umgehen sollten", erklärte Hauptautor David Bailey von der Universität Glasgow.

Verletzlicher Lebensraum

Die Tiefsee ist unbestritten ein besonders verletzlicher Lebensraum. Kälte, Druck, Nahrungsmangel und Dunkelheit lassen viele Jahre vergehen, bis die oft langsam wachsenden Tiere geschlechtsreif werden. Daher können Fischer schon binnen weniger Jahre so viel wegfangen, dass kaum noch genügend Lebewesen zur Vermehrung übrig bleiben. Eine derartige Fischerei wird seit mehreren Jahren von vielen Meeresforschern und Umweltschützern als einer der kurzsichtigsten und verheerendsten Eingriffe in die Natur gegeißelt. Zudem erholt sich der von schweren Netzen umgepflügte Boden nur sehr langsam. Eine Vielzahl von Untersuchungen und Videoaufnahmen aus der Tiefe bestätigen diese Befürchtungen. Nach einigen wenigen ertragreichen Jahren ist es mit dem wirtschaftlichen Fang vorbei. Die Gruppe um Bailey untersuchte die Resultate zahlreicher Fangzüge im Gebiet der Porcupine-Bucht (Porcupine-Seabight).

Dieses Gebiet liegt im Nordost-Atlantik westlich von Irland. In dem Gebiet fällt der Festland- Sockel, in dem das Meer vergleichsweise flach ist (rund 500 Meter), steil in die Tiefe ab (2000 bis 4000 und mehr Meter). Die untersuchte Region umfasst auf engem Raum zahlreiche Lebensräume des flachen und tiefen Meeres. Von 1977 bis 1989 ließen die Forscher ihr etwa acht Meter breites Netz 97 Mal herab, zwischen 1997 und 2002 liefen die Winden 64 Mal. In beiden Fällen kamen Forschungsschiffe des Natural Environment Research Council zum Einsatz. Der erste Zeitraum liegt vor dem Beginn der Tiefsee-Fischerei, der zweite danach.

32.954 Tiere untersucht

Untersucht, bestimmt und gezählt wurde alles, was in Tiefen zwischen 800 und bis zu 4800 Metern ins Netz ging – insgesamt 32.954 Tiere von 110 Arten. Diese Untersuchung ist nach Angaben der Autoren die erste, die die Langzeitfolgen der Tiefsee-Fischerei über einen weiten Bereich erkundet. Die Studie ist in den "Proceedings B" der britischen Royal Society erschienen. Zu den beobachteten Trends: In der Zeit vor der Fischerei auf die Arten in der Dunkelheit wurden in einer Tiefe von etwa 1000 Metern rund 110 Fische pro Quadratkilometer gezählt. In der zweiten Periode waren es noch knapp 80. Der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt in allen Tiefen bis 2500 Metern einen Rückgang des Fanges. Die Netze der Fischer reichen allerdings maximal rund 1600 Meter herab.

Nachweislich verringert

Die am tiefsten lebende Art mit einer nachgewiesenen Abnahme ist der Fisch Halosauropsis macrochir – ein langgestrecktes, schlankes Tier mit großen Flossensäumen entlang des Hinterkörpers. Die Tiere kommen in Tiefen von 3500 Metern vor – also weit außerhalb des befischbaren Bereiches. Dennoch verringert sich ihre Zahl dort nachweislich. Auch der zu den Grubenaalen zählende Synaphobranchus kaupii (800-2500 Meter), der Blaue Seehecht (Antimora rostrata, 800-3000 Meter) und Coryphaenoides mediterraneus (1200-2700 Meter) wurden in ihren Tiefenbereichen nachweislich dezimiert, heißt es in den "Proceedings B". Das Vorkommen von Arten, die zwischen 800 und 1500 Metern gefangen wurden – also im Bereich der kommerziellen Netze – nahm um 69,7 Prozent ab.

Weiter unten – tiefer als 1500 Meter – betrug der Rückgang der Auswertung zufolge 19,9 Prozent. Bailey und seine Kollegen vermuten, dass die Fischerei die Ursache ist. Dies gelte sowohl für die gezielt befischten Tiere als auch für den nicht genutzten Beifang. Zudem stürben viele Tiere, auch wenn sie durch die Maschen entkommen – viele werden dadurch schwer gequetscht oder verlieren ihre vor Infektionen schützenden Haut- und Schleimschichten. Jede Art komme in einem bestimmten Tiefenbereich vor, viele Jungtiere leben aber in flacheren Gewässern als die erwachsenen Exemplare, erklärte Co-Autor John Gordon von der Scottish Association for Marine Science. "Der Fischfang kommerzieller Trawler bis 1600 Meter herab beeinflusst wahrscheinlich auch die Artenzusammensetzung in tieferen Schichten.”

Lichtlose Tiefe

Auch könnte der Meeresboden durch das Umpflügen verändert werden, was Beutetiere vernichtet und den Lebensraum der Fische zerstört, heißt es in dem Journal. In der lichtlosen Tiefe dauert es viele Jahre, bis der von schweren Netzen zerpflügte Untergrund wieder besiedelt wird – ein Eingriff dauert lange Zeit fort. Das Urteil der Wissenschaft über diese Schleppnetzfischerei in der Tiefsee ist eindeutig: Der beste Weg, die Situation zu entschärfen, wäre ein Stopp dieser Fangmethode. Dieser Ansicht ist jedenfalls der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen – und das ist die führende Organisation zur Erkundung der Ökosysteme im Nordatlantik. Auch Greenpeace, Oceana, und die Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF) und viele weitere Umweltschützer verlangen ein Ende der verheerenden Schleppnetzfischerei in der Tiefe – ihrer Ansicht nach einer der schlimmsten Eingriffe in die Natur. Dieser verursache bei kurzfristigem finanziellen Nutzen für einige wenige Fischer einen unverhältnismäßig großen Schaden für den Rest der Menschheit.

Fischereibiologe: Resultate sind "nachvollziehbar"

Heino Fock, Fischereibiologe am Institut für Seefischerei der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg, nennt die Resultate und Hypothesen in der Studie seiner Kollegen "nachvollziehbar". Die Zahl der Arten und damit die Biodiversität habe erfreulicherweise nicht abgenommen. Neue Konsequenzen aus der Arbeit sieht Fock nicht, schon jetzt sei erwiesen, dass Schutzgebiete helfen könnten. Besonders schützenswert seien dabei untermeerische Berge. Fock weist auf den großen Aufwand hin, der für die oft nicht nachhaltige Fischerei in der Tiefe getrieben werden muss. Dieser macht hohe Investitionen nötig: Trawler müssen die Netze an fünf Kilometern langen Drahtseilen herablassen, damit diese überhaupt auf 1600 Meter Tiefe kommen.

Dafür sind spezialisierte Boote mit starken Motoren und Winden nötig. Wenn nicht mehr genügend Fisch vorhanden ist, lohnt es naturgemäß nicht mehr, die Netze auszuwerfen – "Es ist nicht mehr wirtschaftlich. Das macht dieser Fischerei dann ein Ende." Der Aufwand lohne aber zunächst, weil viele Arten aus der Tiefe – etwa der Grenadier – bei zahlungskräftigen Feinschmeckern begehrt ist. Zu den Delikatessen zählen auch Grönland-Garnelen oder große Krabben wie King Crabs oder Snow Crabs. Touristen in südlichen Ländern sind womöglich dem bizarr anmutenden Schwarzen Degenfisch (Aphanopus carbo) begegnet, der etwa auf Madeira angeboten wird. Auch er wird aus großer Tiefe heraufgeholt.

Haie stark gefährdet

Laut Fock sind besonders die in der Tiefsee lebenden Haie gefährdet, die durch die gezielte Langleinen-Fischerei sehr stark dezimiert werden. "Die Flossen der Tiere werden besonders in Asien nachgefragt." Haie haben – wie Rochen – nur sehr wenige Nachkommen, was bei hohen Fangzahlen einen schnellen Niedergang der Tiere zur Folge hat. Der Fischerei-Biologe warnt aber davor, alle Arten und Gebiete der Tiefsee über einen Kamm zu scheren: Fische, die im freien Wasser schwimmen, produzierten viele Eier und damit auch einiges an Nachwuchs. Auch könnten – etwa um Grönland herum – viele tiefe Meeresbereiche gar nicht befischt werden, weil der Untergrund dafür viel zu uneben sei. Diese sehr großen Regionen der Tiefsee blieben daher weitgehend ungestört.

Thilo Resenhoeft, dpa

Quelle: n-tv.de

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