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Drin oder nicht drin war nach Frank Lampards Schuss keine Frage.
Drin oder nicht drin war nach Frank Lampards Schuss keine Frage.(Foto: REUTERS)

Der Chip, der alles weiß: Tor-Beweis aus Deutschland

Das nichtgegebene Tor beim Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen England erhitzt mal wieder die Gemüter. Bei der Frage nach technischen Hilfestellungen für die Schiedsrichter scheiden sich jedoch die Geister. Die einen wollen durch moderne technische Mittel menschliche Fehlentscheidungen vom Platz schaffen. Die anderen halten an den FIFA-Regeln fest. Nun hat sich auch FIFA-Chef Joseph Blatter für eine technische Lösung ausgesprochen. Walter Englert, Ingenieur der Cairos technologies AG, hat bereits vor Jahren den Chip entwickelt, der dem Schiedsrichter helfen kann.

n-tv.de: Am Sonntag hat England eindeutig das Tor zum 2:2-Ausgleich geschossen, der Schiedsrichter hat den Treffer aber nicht gegeben. Hätte der von Ihnen entwickelte Chip im Fußball das Tor erkannt?

Walter Englert: Ja, und zwar ganz eindeutig.

Wie funktioniert das?

Bei der WM 1966 profitierten die Engländer vom dem Fehlurteil der Schiedsrichter.
Bei der WM 1966 profitierten die Engländer vom dem Fehlurteil der Schiedsrichter.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gibt verschiedene Systeme. Die optische Variante allerdings, die genau wie der Videobeweis nicht eindeutig ist, wenn zum Beispiel der Tormann auf dem Ball liegt, musste eine andere Variante entgegen gesetzt werden. Diese haben wir mit dem Chip im Ball entwickelt. Dieser funktioniert so, dass direkt auf dem Fußballfeld Magnetfelder erzeugt werden, die durch den Chip im Ball gemessen werden. Die Messdaten wiederum werden an einen Computer übertragen und dieser kann auf fünf Millimeter genau ausrechnen, wo sich der Ball gerade befindet. Lautet das errechnete Ergebnis, Ball ist im Tor, wird es direkt zur Armbanduhr des Schiedsrichters gesendet. Dieser ganze Vorgang dauert eine Zehntel Sekunde. So hat der Schiedsrichter die Sicherheit, ob der Ball im Tor war oder nicht, ohne es gesehen haben zu müssen.

Wo müssen denn die Vorrichtungen für Magnetfelder überall installiert werden, damit das System funktioniert?

Das System wird ausschließlich im Rasen installiert. Das kann relativ leicht bei einem Rasenwechsel erfolgen. Im Tor selbst befindet sich keine Technik, weil das durch Strom erzeugte Magnetfeld bis zur oberen Torlatte reicht. Der Magnetfeldsensor im Ball ist so ähnlich aufgebaut wie ein Kompass. Der Chip misst die Stärke des Magnetfeldes und sendet die Messdaten an einen dazugehörigen Computer. So kann der Ball geortet werden.

Wie stark müssen denn die Magnetfelder sein?

Die Magnetfelder, die wir benötigen sind tausend Mal schwächer als das Magnetfeld der Erde. Weder die Spieler, noch Zuschauer oder der Ball selbst werden durch die Magnetfelder beeinflusst. Der Vorteil unserer Magnetfelder ist, dass sie durch alles durchgehen. Das heißt, wenn der Torwart auf dem Ball liegt, kann der Chip trotzdem noch die Stärke des Magnetfeldes erkennen und so ganz genau feststellen, ob der Ball im oder vor dem Tor liegt.

Wie sind Sie denn auf diese technische Lösung gekommen?

Ich habe schon einige Zeit an verschiedenen Systemen gearbeitet, die allerdings alle ihre Schwächen hatten. Die Idee, den Ball per Magnetfelder zu orten, kam mir tatsächlich unter der Dusche.

Wenn die Technik so ausgereift ist, wieso ist der Ball denn noch nicht im Einsatz?

Um den Ball zum Einsatz zu bringen, müssen die Regeln der Fifa verändert werden. Dafür trifft sich jedes Jahr eine Kommission, die über die Fußball-Regeln entscheiden. In dieser Kommission gibt es unterschiedliche Strömungen. Bisher hatte sich immer der konservative Flügel der Herren durchgesetzt, der den Chip im Ball ablehnt. Ich halte das für eine Fehlentscheidung, denn auch nach der Fehlentscheidung vom Sonntag stellt sich nicht mehr die Frage, ob das System zum Einsatz kommt, sondern wann. Ich persönlich bin der Meinung, dass unser Chip im Ball den Schiedsrichter enorm entlastet werden kann. Es ist menschlich, dass Schiedsrichter Tore nicht sieht und deshalb Fehlentscheidungen trifft. Wir haben in Tests mit dem Chip im Ball diesbezüglich sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Schiedsrichter kann sich durch den Chip im Ball vor Anfeindungen durch Spieler und Zuschauer schützen. 2007 bei der Club-WM in Japan gab es beispielsweise eine Situation, bei der nicht ganz klar war, ob der Ball im Tor war oder nicht. Bei diesem Spiel hat der Schiedsrichter den aufgeregten Spielern nur das Ergebnis auf seiner Uhr gezeigt und schon hatten sich die Spieler wieder beruhigt. So kann unsere Technik sogar Aggressionen senken.

Wie Fehleranfällig ist denn ihr System?

Erst einmal: Es gibt nie eine Technik, die 100prozentig sicher ist. Das System, das wir entwickelt haben, ist extrem robust. Es müssen schon sehr viele unglückliche Ereignisse zusammenkommen, damit das System ausfällt. Das gute daran ist, dass wenn es zu einem Ausfall kommt, das System diesen Ausfall dem Schiedsrichter mitteilt. So hat der Schiedsrichter immer noch die Möglichkeit, selbst entscheiden zu können. Zudem ist es sehr sicher. Nur der Schiedsrichter selbst wird nämlich über das Ergebnis unseres Systems benachrichtigt. Die Ergebnisse des Systems werden also nirgendwo gespeichert, sondern verschlüsselt per Funk an die Armbanduhr des Schiedsrichter übertragen und nur er bekommt die Ergebnisse zu sehen. Sämtliche Übertragungen sind verschlüsselt, so dass von außen keine Manipulation möglich ist.

Wann soll denn der Chip im Ball zum Einsatz kommen?

Wir sind guter Dinge und halten die Entscheidung längst für überfällig. Wir haben der FIFA bereits in vielen Tests bewiesen, dass unser System funktioniert und sogar preisgünstiger ist, als zwei weitere Torrichter pro Spiel zu bezahlen.

Mit Walter Englert sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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