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Egal, ob beim Schwimmen, Fußball oder Reiten: Kinder wollen sich bewegen.
Egal, ob beim Schwimmen, Fußball oder Reiten: Kinder wollen sich bewegen.(Foto: picture alliance / dpa)

Aufwachsen mit Sport: Vereine können weniger bewirken als gedacht

Von Jana Zeh

Eltern sind sich sicher: Sport im Verein ist gut für mein Kind. Welche Auswirkungen die aktive Mitgliedschaft in einem Sportverein auf Heranwachsende tatsächlich hat, untersuchen Forscher in einer einzigartigen Langzeitstudie.

Viele Eltern, die ihre Kinder in Sportvereinen anmelden, sind der festen Überzeugung, dass regelmäßiger Sport in der Gruppe die Entwicklung ihrer Kinder auf vielen Ebenen unterstützen kann. Wie sich eine Mitgliedschaft im Sportverein tatsächlich auf die kindliche Entwicklung auswirkt, haben Forscher in einer Untersuchung über den Zeitraum von zehn Jahren untersucht. In der in Deutschland einmaligen Langzeitstudie von Professor Erin Gerlach von der Universität Potsdam und Professor Wolf-Dietrich Brettschneider, ehemals an der Universität Paderborn, kamen jedoch zwiespältige Ergebnisse zum Vorschein.

Langzeitstudie: Aufwachsen mit Sport

Für ihre Untersuchung beobachteten die Forscher 1637 Jungen und Mädchen von der dritten Klasse bis zum Abitur beziehungsweise bis zur Berufsausbildung. Unter den Kindern waren einige während des gesamten Untersuchungszeitraumes im Sportverein aktiv, andere traten erst in einen Verein ein und später wieder aus, wieder andere waren niemals Mitglied in einem Sportverein. Die Heranwachsenden wurden mit Fragebögen in fünf Wellen ausführlich zu ihren Lebensumständen und zu ihrer Person befragt Die in Vereinen Organisierten trieben im Durchschnitt vier bis sechs Stunden wöchentlich Sport. Die Ergebnisse der Untersuchung "Aufwachsen mit Sport – Befunde einer 10-jährigen Längsschnittstudie zwischen Kindheit und Adoleszenz" ist als Buch veröffentlicht worden.

Der einen oder anderen Annahme, die landläufig über die Wirkung einer Mitgliedschaft im Sportverein auf die Entwicklung von Kindern kursieren, mussten die Wissenschaftler nach ihrer Untersuchung widersprechen. So konnten beispielsweise bei den Themen Persönlichkeitsentwicklung, Gesundheit und Gewaltprävention keine nennenswerten Effekte bei den insgesamt 1637 Befragten erkannt werden. Selbst bei der Entstehung von Übergewicht konnten nur mäßig positive Effekte durch eine langjährige Mitgliedschaft im Sportverein nachgewiesen werden.

Zwiespältig sind die Befunde zum sogenannten Risikoverhalten, zu dem der Drogenkonsum gehört. So rauchen Mädchen und Jungen, die im Verein Sport treiben, weniger als ihre Altersgenossen, die sportlich nicht aktiv sind. Beim Alkoholkonsum allerdings zeigt sich ein ganz anderes Bild. Jugendliche, die lange Zeit im Sportverein sind, trinken häufiger als ihre nicht organisierten Altersgenossen und auch die Einsteiger in einen Sportverein erhöhen ihren Alkoholkonsum. "Ob nach dem Training in der Kneipe oder noch während der Vereinsarbeit Alkohol konsumiert wird, konnten wir im Rahmen unserer Untersuchung zwar nicht klären. Fakt ist aber, dass im Verein Alkohol eine allgemein anerkannte Droge ist und sogar Jugendliche unter 16 Jahren offenbar von Älteren damit versorgt werden", sagte Gerlach in einem Gespräch mit n-tv.de. Dieser Befund sollte Eltern dennoch nicht davon abhalten, Kinder in einem Sportverein anzumelden. Vielmehr muss es laut Gerlach darum gehen, dass in den Vereinen der Umgang mit Alkohol reflektiert und hinterfragt wird.

Verein als Stütze in Umbruchzeiten

Auch wenn die Mitgliedschaft in einem Sportverein nach den Ergebnissen der Langzeitstudie nicht alle Erwartungen erfüllen kann, kann sie sich für die Heranwachsenden durchaus positiv auswirken. Vor allem in Krisenphasen, wie im Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe, ist der Sportverein eine wichtige soziale Ressource mit Auffangcharakter. Bricht durch einen Schulwechsel einerseits die sogenannte Peer group weg und werden andererseits zur gleichen Zeit schulische Leistungen und das Selbstbewusstsein in Frage gestellt, dann, so konnten die Wissenschaftler nachweisen, wirkte eine langjährige Mitgliedschaft im Verein erfolgreich als Puffer.

"Eltern, die glauben, in solchen Übergängen die Mehrbelastung ihrer Sprösslinge durch die Kündigung der Mitgliedschaft im Sportverein dämpfen zu können, sind auf dem Holzweg", betont Gerlach. "In dieser für die Heranwachsenden schwierigen Zeit ist der Verein die einzige soziale Konstante, die außerhalb des Elternhauses bleibt", so Gerlach weiter. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass eine solche sozial stützende Wirkung von der Gruppe weder Eltern noch Lehrer hervorbringen konnten.

Ebenso sollten Eltern die Festlegung auf eine Sportart im Nachwuchsleistungssport nicht einfordern, denn sowohl eine frühzeitige Spezialisierung als auch die frühe Begegnung mit dem Wettkampfsystem ist für die sportliche Entwicklung von Kindern wenig förderlich. "Kinder sollten sich erst einmal ohne Druck ausprobieren dürfen, bevor sie sich für eine Sportart entscheiden", weiß Gerlach. Druck und zu hohe Anforderungen dämpfen schnell die Lust an der Bewegung und führen schließlich zum Austritt/Dropout aus dem Verein. "Eltern sollten deshalb eher den Ansprüchen ihrer Kindern folgen, denn im Vordergrund bei jeder Sportart sollte immer der Spaß stehen, sonst hält man auch später ein leistungssportliches Engagement nicht auf Dauer durch", so der Experte.

Quelle: n-tv.de

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