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Wirkungsvolles Handauflegen: Viele Menschen vertrauen sich Heilern an.
Wirkungsvolles Handauflegen: Viele Menschen vertrauen sich Heilern an.

"Entmenschlichte Medizin": Viele Schweizer gehen zu Heilern

Heilen durch Handauflegen: Immer mehr Schweizer vertrauen sich Heilern an. Sogar Krankenhäuser empfehlen die alternative Behandlung. Dass Berührung wohltuend ist, ist bekannt - aber kann es die Schulmedizin ersetzen?

Einige der großen Pharmakonzerne sitzen in der Schweiz und vertreiben von dort aus ihre Medikamente in der ganzen Welt. Doch viele Schweizer haben genug von Pillen und Schulmedizin. Sie vertrauen sich mit ihren Leiden lieber traditionellen Heilern an. Einst als Hexenmeister verunglimpft, können einige der alternativen Heilkundigen den Zulauf kaum mehr bewältigen. Sogar manche Krankenhäuser empfehlen ihren Patienten, sich von Medizinfrauen und - männern behandeln zu lassen.

"Eine Klinikschwester kann ihre eigene Adressliste weitergeben", sagt der ehemalige Leiter des Jura-Krankenhauses, Jean-Paul Moll. Diese Praxis "gereicht der wissenschaftlichen Medizin nicht zum Nachteil". Vor allem in der französischen und italienischen Schweiz suchen immer mehr Menschen traditionelle Heiler auf. In den deutschsprachigen Regionen des Landes hingegen legen die Patienten mehr Wert auf diplomierte Behandler.

Bauernsohn behandelt Hunderte Patienten

"Mit der linken Hand fühle ich, was er hat, und mit der rechten behandle ich", sagt Denis Vipret, ein Heiler aus Fribourg und einer der Stars der Szene. Der Bauernsohn empfängt seine Patienten auf seinem Hof, tourt aber auch durchs Land. Bei jedem Besuch in Genf empfängt er 300 Kranke, die er in Gruppen zu 20 behandelt.

In Karohemd, Jeans und Holzpantoffeln steht der kräftige Vipret hinter seinem Patienten und legt ihm die Hände auf die Schultern, der rechte Arm übt leichten Druck aus - um "Energie freizusetzen". 30 bis 60 Sekunden dauert eine Behandlung. Diese Zeit muss reichen für die Diagnose und das Abkassieren von 50 Franken (41 Euro).

Einige von Viprets Patienten kommen von weit her, doch die meisten sind Schweizer. Sie alle sind begeistert vom Können des Heilers und seinen warmen Händen. "Er ist beeindruckend. Er sagt einem, was man hat", sagt der 30-jährige Bertrand Bucher. Die 70 Jahre alte Claire will ihren Nachnamen nicht preisgeben. Sie war Apothekerin und ist sich sicher, dass Vipret "keine Ahnung von Anatomie" hat. Dennoch konsultiert sie den Heiler regelmäßig, überzeugt davon, dass er ihre Leiden lindert.

Enormer Zulauf

Der Zulauf der Heiler in der französischsprachigen Schweiz ist derart groß, dass das Buch der Ethnologin Magali Jenny zum Thema 50.000 Mal verkauft wurde - ein Bestseller in einer Region, in der eine verkaufte Auflage von 5000 Exemplaren bereits als Erfolg gilt. Ihr zweites Buch über die Heilkundigen der Schweiz, Ende 2012 erschienen, verkaufte sich bereits 10.000 Mal.

"Viele Leute fühlen sich im Stich gelassen von dieser entmenschlichten Medizin und wenden sich deshalb an Heiler", sagt Jenny. Die Begeisterung für die Heilkunst ist so groß, dass 70 der erwähnten Heiler die Autorin baten, sie aus ihrem zweiten Buch zu streichen - weil sie den Ansturm nicht mehr bewältigen können. Inzwischen wurde das Können der Heiler offiziell anerkannt. In den Kantonen Fribourg und Jura wurde es in die Liste der "lebendigen Traditionen der Schweiz" aufgenommen. In Neuchâtel gibt es auch eine Ausbildung für Heiler.

Etwa 500 Heiler in der Schweiz

In der französischsprachigen Schweiz geben Krankenhäuser die Namen von Heilern an die Patienten weiter. Die Sprecherin der Krankenhäuser von Fribourg, Jeanette Portmann, sagt, vor allem in der Notaufnahme fragten viele Patienten oder ihre Angehörigen nach Heilern. Besonders häufig sei dies der Fall bei Verbrennungen oder Blutungen.

Die Ethnologin Jenny schätzt die Zahl der Heiler in der Schweiz auf mehr als 500. Dass sich auch gefährliche Scharlatane unter ihnen tummeln können, zeigte ein Gerichtsurteil Ende März. Darin wurde ein selbsternannter Schweizer Heiler zu zwölf Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt, weil er 16 Menschen absichtlich mit HIV infizierte.

Quelle: n-tv.de

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