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Verschnaufpause in der Erderwärmung? Kurzfristige Schwankungen haben für Klimaforscher wenig Aussagekraft. Der langfristige Trend ist klar: Es wird wärmer.
Verschnaufpause in der Erderwärmung? Kurzfristige Schwankungen haben für Klimaforscher wenig Aussagekraft. Der langfristige Trend ist klar: Es wird wärmer.(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Datenlücke war schuld: Warum die Erderwärmung 15 Jahre ausblieb

Von Andrea Schorsch

Angesichts der ergebnislosen Klimakonferenzen wie zuletzt in Warschau wäre eine Pause bei der Erderwärmung durchaus hilfreich. Tatsächlich zeigen Messreihen, dass der Klimawandel in den letzten 15 Jahren zu stagnieren schien. Ein Irrtum.

Klimaforscher standen vor einem Rätsel: Die Erderwärmung war ins Stocken geraten. Seit 1998 stellten die Wissenschaftler Jahr für Jahr fest, dass der Trend der globalen Erwärmung nicht andauerte. Die Messreihen, die die Temperatur der Luft in Bodennähe dokumentierten, fielen anders aus, als es die Entwicklung in der Vergangenheit und die Prognosen erwarten ließen. Sprach der Weltklimarat IPCC von einem Temperaturanstieg von 0,12 Grad pro Jahrzehnt seit Mitte des 20. Jahrhunderts, ließen die Durchschnittswerte der britischen MetOffice-Protokolle in den letzten 15 Jahren nur eine Erwärmung von 0,05 Grad erkennen. Sollte der gefährliche Treibhauseffekt letztlich doch eine Fehleinschätzung gewesen sein?

Die globalen Oberflächentemperaturen nach den Daten des MetOffice: Tendenz steigend, trotz zeitweiliger Einbrüche.
Die globalen Oberflächentemperaturen nach den Daten des MetOffice: Tendenz steigend, trotz zeitweiliger Einbrüche.

Klimaskeptiker griffen diese These gerne auf. Sie hatten einen "Beweis" dafür gefunden, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. Dafür war es nicht einmal nötig, Zahlen zu fälschen. Da die Erderwärmung sowieso nicht linear verläuft, sondern kurzfristigen Schwankungen unterworfen ist, galt es nur, den passenden Zeitraum aus den Grafiken herauszupicken. Die vergangenen 15 Jahre eigneten sich für eine solche Beweisführung hervorragend.

Der jüngste Weltklimabericht vom September 2013 setzte sich mit dem Temperaturphänomen offensiv auseinander. Dabei steht für die seriöse Klimaforschung außer Frage, dass wir uns bereits mittendrin befinden im lange vorhergesagten, größtenteils menschengemachten Klimawandel. Dass die globale Erwärmung zu stagnieren schien, war für die Wissenschaftler kein Anlass zur Entwarnung. Sie gingen davon aus, dass die Pause eine Illusion ist und die Erwärmung bald umso deutlicher voranschreiten würde.

Als mögliche Ursache für diese Pause kam, so fanden die Forscher heraus, einiges infrage: So sind die Weltmeere die größten Wärmespeicher. Sie können 90 Prozent der Energie speichern, die sonst die Lufttemperatur erhöhen würde. Ferner gelangt im Pazifik in Abständen von einigen Jahren immer wieder kaltes Wasser an die Oberfläche. Der Effekt heißt "La niña" und er kühlt nachweislich die Atmosphäre. In den letzten 15 Jahren trat "La niña" gleich dreimal auf. "Das Mädchen" hatte großen Einfluss. Zudem könnte auch die seit 2000 deutlich trockener gewordene Stratosphäre zur Erderwärmungspause beigetragen haben.

Es ist alles ganz anders - und wie erwartet

Neben all diesen Erklärungsversuchen, die eine grundsätzliche Erderwärmung nicht in Abrede stellen, gibt nun eine im November im Quaterly Journal of the Royal Meteorological Society veröffentlichte Studie den Klimaforschern recht: Die Temperaturen der letzten 15 Jahre sind demnach tatsächlich nicht geeignet, um sich in Sachen Klimaschutz entspannt zurückzulehnen. Kevin Cowtan und Robert Way von den Universitäten in York und Ottawa kamen zu dem Schluss: Die Erwärmungspause hat nie stattgefunden. Ganz im Gegenteil. Seit 1998 ist die Temperatur in Bodennähe im weltweiten Durchschnitt um 0,12 Grad gestiegen. Das entspricht genau dem vom IPCC genannten Langzeittrend und ist alles andere als beruhigend.

Wie die Forscher zu diesem Ergebnis kamen? Nun, nicht in allen Regionen auf der Erde gibt es Wetterstationen. Die Temperaturmessungen in Bodennähe sind daher lückenbehaftet. Besonders aus den Polargebieten und einzelnen Teilen Afrikas fehlen Daten. Das ist, wie Klimaexperte Stefan Rahmstorf in seinem Blog in der KlimaLounge erläutert, nicht weiter schlimm, solange sich die nicht erfassten Regionen ähnlich stark erwärmen wie der Rest der Welt. Dann ändern die Datenlöcher nichts an der globalen Temperaturkurve. Fehler, so Rahmstorf, entstehen dann, wenn sich diese Gebiete anders entwickeln. Der neuen Studie zufolge ist genau dies in der Arktis der Fall.

Datenlücken mit neuen Inhalten gefüllt

In der Nordpolregion schritt die Erwärmung in einem weitaus rascheren Tempo voran als angenommen. Bei den Messwerten aus der Arktis hatte man sich all die Jahre über offenbar grob verschätzt – wenn die Datenlücken überhaupt gefüllt worden waren. Cowtan und Way wandten für ihre Studie eine neue Rechenmethode an. Sie ersetzten die Schätzwerte durch Satellitenmessungen. Die beziehen sich zwar nicht auf den Boden, sondern auf höhere Schichten. Doch die beiden Wissenschaftler fanden eine Methode, um aus den Satellitendaten auf die Temperaturen am Boden zu schließen. Bezieht man die so ermittelten Werte in die Gesamtberechnung ein, ergibt sich auch für die letzten Jahre eine fortschreitende Erderwärmung. Das Ergebnis ist einerseits überraschend, andererseits entspricht es genau dem, womit Forscher auf der Basis von Klimamodellen ohnehin gerechnet haben.

Die neue Studie sorgt für Diskussionen. Manch ein Wissenschaftler ist froh, dass die Erwärmungspause nun als Illusion entlarvt wurde, andere sind von der neuen Formel und ihrer Anwendbarkeit nicht überzeugt. Wie auch immer die jetzt gewonnenen Daten letztlich zu bewerten sind, eines zeigen sie in jedem Fall: Die bisherigen Berechnungsmethoden waren nicht der Weisheit letzter Schluss. Und die Argumente der Klimaskeptiker stehen auf auffallend tönernen Füßen.

Man kann die Sache drehen und wenden wie man will, der Klimawandel ist offenkundig: Meeresspiegel steigen, das Arktiseis schmilzt rapide, extreme Wetterereignisse werden häufiger. Der Klimawandel pausiert nicht. Der Klimaschutz ist es, der eine Pause macht.

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Quelle: n-tv.de

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