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Freitag, 27. Juli 2007

Ohne Punkt und Komma: Wenn Reden zwanghaft ist

Der Anfall kommt wie aus heiterem Himmel. Plötzlich bricht es aus dem scheinbar Gesunden heraus: endlose Monologe ohne Sinn oder wüste Beschimpfungen und dreiste Beleidigungen. Auch Angehörige müssen das Weite suchen, wenn sie dem entgehen wollen. Für besänftigende Worte ist der Betroffene in diesen Stunden nicht zu erreichen, sagt Oberärztin Stephanie Krüger von der Universitätsklinik Charit in Berlin. Meist sind diese Menschen manisch-depressiv, sie leiden unter einer bipolaren Störung wie die Krankheit seit einigen Jahren offiziell heißt. Wüste, verbale Ausfälle von Medizinern Logorrhoe genannt, sind ein typisches Symptom dieser Krankheit.

Reden ohne Punkt und Komma

Menschen, die unter Logorrhoe leiden, können stundenlang ohne Pause reden, sagt die Ärztin. Es kommt zum Beispiel in ihrer Spezialsprechstunde für Frauen mit affektiven Störungen vor, "dass eine manische Patientin 'ohne Punkt und Komma' über belanglose Dinge redet, die gerade ihre Aufmerksamkeit erregt haben und durch die sie enorm abgelenkt wird". Die Ärztin bricht dann das Gespräch ab, weil in dieser Phase eine normale Konversation mit der Patientin nicht möglich ist.

Krankhafte Geschwätzigkeit ist Symptom einer schweren psychischen oder organischen Störung. Menschen, die gereizt und ohne gedankliche Zusammenhänge plötzlich unentwegt reden, können unter einer bipolaren Störung, einer beginnenden Demenz oder Drogenabhängigkeit leiden. Andere psychische Erkrankungen verursachen eher selten Logorrhoe. Denkbar ist auch eine neurologische Erkrankung wie ein Schlaganfall, der das Gehirn im so genannten orbitofrontalen Bereich schädigt.

Bei Menschen zwischen 20 und 50 Jahren steht hinter Logorrhoe am häufigsten eine manisch-depressive Krankheit. "Das gesamte Seelenleben ist in einer manischen Phase hochgeschaltet", sagt Oberärztin Krüger. Sämtliche Körperfunktionen sind überaktiv, die Stimmung ist euphorisch, das Verhalten ist enthemmt und das Denken läuft schneller ab. "Die Umwelt wird viel sensibler wahrgenommen."

Gute Laune kann schnell umschlagen

Die übersteigerte gute Laune, die erhöhte Leistungsfähigkeit, der oft ziellose Tatendrang während einer manischen Phase kann schnell in Gereiztheit umschlagen, wenn der Betroffene Widerspruch erfährt, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS). Distanzlosigkeit und Rededrang im Umgang mit anderen Menschen sind die Folge. Die Medizin unterscheidet verschiedene Schweregrade der Logorrhoe, genau so wie es verschiedene Schweregrade der Manie gibt.

In schweren Fällen ist zwischen den geäußerten Gedanken überhaupt kein Zusammenhang zu erkennen. "Ideenflucht" nennen es die Experten. In leichteren Fällen wird zwar auch viel und schnell geredet, der Redeschwall ist aber einigermaßen verständlich. Nach Abklingen der Manie bleiben Scham- und Schuldgefühle zurück.

Fünf Prozent sind manisch-depressiv

Etwa fünf Prozent der Bundesbürger sind nach Angaben der DGBS manisch-depressiv. Die Krankheit gehört zu den häufigsten und zugleich gravierend unterschätzten psychischen Leiden, sagen die Experten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt bipolare Störungen zu den zehn Krankheitsbildern weltweit, die zu andauernden Behinderungen führen. Aber nur zehn bis 15 Prozent der Betroffenen werden medizinisch behandelt. Bei dem großen Rest wird die Krankheit nicht erkannt, fehldiagnostiziert oder zu spät diagnostiziert.

Die Mehrzahl der Kranken leidet unter großen Stimmungsschwankungen, sich lang hinziehenden Depressionen und langen Episoden der Manie. Dazwischen können nach Angaben der DGBS im Schnitt zwei bis drei Jahre völlig ohne Beschwerden und mit stabiler Stimmungslage liegen. Eine Krankheits-Episode, egal ob manisch oder depressiv, dauert bei unbehandelten Patienten im Durchschnitt vier bis zwölf Monate. Depressionen halten meistens länger an als Manien.

Auslöser: genetische Fakoren

Auslöser sind nach Ansicht der Medizin vor allem genetische Faktoren, die Forschung steht allerdings noch am Anfang. Behandelt werden die Betroffenen in der Regel lebenslang mit Medikamenten zur Stimmungsstabilisierung und mit Psychotherapie. Die Diagnose ist nicht durch Laboruntersuchungen, sondern durch die intensive Befragung des Patienten und der Angehörigen möglich. Im schlechtesten Fall kann es bis zu 15 Jahre bis zur endgültigen Diagnose dauern, was daran liegt, dass häufig Fehldiagnosen gestellt werden, sagt Oberärztin Krüger.

Gefährlich ist das hohe Suizidrisiko. Etwa jeder vierte bipolar Erkrankte unternimmt einen Selbstmordversuch. Rund 15 Prozent der Erkrankten sterben daran.

Quelle: n-tv.de

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