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Über dem Isental in Bayern stehen die Zeichen auf Sturm. Die Naturkatastrophe, die uns am meisten gefährdet, ist aber eine andere.
Über dem Isental in Bayern stehen die Zeichen auf Sturm. Die Naturkatastrophe, die uns am meisten gefährdet, ist aber eine andere.(Foto: imago stock&people)

Deutschland im Klimawandel: Wie bedrohlich Naturgefahren wirklich sind

Ob Hochwasser, Dürre oder Sturm: Wetterkatastrophen scheinen immer häufiger zu werden, auch in Deutschland. Wird durch den Klimawandel künftig alles noch schlimmer? Von welcher Naturgefahr geht hierzulande die größte Bedrohung aus? Und wie können wir uns schützen? n-tv.de spricht mit Ortwin Renn. Er ist Risikoforscher und Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart.

n-tv.de: Dürre, Überschwemmungen, Stürme – solche Wetterkatastrophen haben wir in den vergangenen Jahren mehrfach erlebt. Vor welchem dieser Extremwetterereignisse haben die Deutschen am meisten Angst?

Prof. Dr. Ortwin Renn tritt voraussichtlich am 1.2. 2016 die Nachfolge von Prof. Klaus Töpfer als Direktor des Potsdamer IASS (International Institute for Advanced Sustainability Studies) an.
Prof. Dr. Ortwin Renn tritt voraussichtlich am 1.2. 2016 die Nachfolge von Prof. Klaus Töpfer als Direktor des Potsdamer IASS (International Institute for Advanced Sustainability Studies) an.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ortwin Renn: Da sind Sturm und Hochwasser fast gleichauf. Hitzeperioden werden in den Umfragen kaum genannt.

Sind Sturm und Hochwasser auch die Naturkatastrophen, die uns tatsächlich am stärksten bedrohen?

Nein. Das ist die Hitze. Die Hitzewelle im Jahr 2003 hat in Deutschland knapp 10.000 vorzeitige Todesfälle ausgelöst. In ganz Europa waren es 70.000. Hitze ist bei Weitem die Nummer 1 bei Todesfällen, die in den letzten 50 Jahren in Europa und in den letzten 100 Jahren in Deutschland durch Naturkatastrophen ausgelöst wurden.

Wie kommt es, dass wir Sturm und Überschwemmungen trotzdem mehr fürchten als Hitze?

Eine der Hauptursachen ist, dass Stürme und Überschwemmungen dramatische Bilder liefern. Im Fernsehen sind verzweifelte Menschen zu sehen. Diese Bilder dominieren tage- oder gar wochenlang die Nachrichten. Das prägt sich natürlich tief ins Gedächtnis ein und wirkt nach. Nach dem verheerenden Elbhochwasser im Jahr 2002 stufte die deutsche Bevölkerung in repräsentativen Umfragen Naturkatastrophen als die höchste Bedrohung für das Land ein. Nachdem dieses Ereignis nicht mehr präsent war, wurden auch Naturrisiken zunehmend als weniger bedrohlich bewertet – bis zum nächsten Hochwasser 2007, dann stieg die Sorge um Naturgefahren wieder stark an. Danach ist sie kontinuierlich, wenn auch in unregelmäßigen Schwankungen, zurückgegangen.

Sind allein die Bilder an der Fehleinschätzung schuld?

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Nein, Hitze ist ein schleichendes Risiko und das sieht man nicht. Stürme tauchen plötzlich auf und sofort steht die Frage im Raum: Hat es Opfer gegeben oder nicht? Die Hitzetoten dagegen kommen nicht auf einen Schlag. Sie werden auch statistisch erst viel später erfasst; in der Hitzeperiode selbst gibt es höchstens Schätzungen, aber keine verlässlichen Zahlen. Wenn die schließlich vorliegen, ist die Hitzewelle längst vorbei und es regnet wieder. Dann interessiert sich niemand mehr dafür. Es ist also auch eine Frage der Aufmerksamkeit.

Wie bedrohlich sind Naturkatastrophen in Deutschland insgesamt?

Naturgefahren, die unser Leben hier in Deutschland bedrohen, gibt es außerhalb der Hitzewelle relativ wenige. In Deutschland kommen durch Naturgefahren im Schnitt weniger als zehn Menschen pro Jahr ums Leben. Blitzschlag ist da ausgenommen (im Durchschnitt der letzten zehn Jahre starben rund 5 Personen pro Jahr an Folgen des Blitzschlages). Die meisten Menschen in Deutschland und auch Europa kommen durch Stürme und Orkane ums Leben, meist durch herunterfallende Äste oder Gegenstände. 

Und welche Naturkatastrophe verursacht die größten Schäden?

Über einen längeren Zeitraum betrachtet, stehen in Deutschland Hagel und Stürme im Vordergrund. Bei Hagel werden vor allem Autos und Gegenstände zerschlagen, der Einzelschaden ist nicht dramatisch, aber in der Masse summiert sich das. Viele Menschen haben keine Garage und einfach keine Möglichkeit, das bewegliche Hab und Gut irgendwo zu verstauen. Punktuell betrachtet aber ist es Hochwasser, das die meisten finanziellen Schäden bringt. Das Elbhochwasser von 2002 hat Schäden in Höhe von 11 Milliarden Euro angerichtet. Das war das teuerste Naturereignis in Deutschland seit vielen Jahrzehnten.

Wird sich die Bedrohung durch Naturgefahren mit dem Klimawandel ändern?

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Durch den Klimawandel müssen wir uns auf häufigere und intensivere Naturkatastrophen einstellen. Wir können das nicht so genau berechnen, weil die Vorgänge mit vielen Zufallsschwankungen belegt sind. Aber insgesamt ist der Trend deutlich, dass Hitzeperioden, Stürme und Überschwemmungen häufiger und intensiver werden – weltweit ohnehin, aber auch in Deutschland.

Wie schützen wir uns am besten?

Gegen Hitze kann man sich leicht wappnen, viele tun dies aber offenkundig nicht. Haupttodesursache ist die Dehydrierung und deren Folgen. Die Menschen, vor allem ältere, nehmen nicht genug Wasser zu sich. In der Folge erleiden sie einen Hitzschlag, Kreislaufkollaps oder ähnliches. Man muss gar nicht so viel tun, um sich zu schützen: starke Hitze meiden, sich nach Möglichkeit trotzdem im Schatten bewegen, und vor allem darauf achten, dass man genug Wasser trinkt.

Und müssen wir uns gegen Stürme und Überschwemmungen besser wappnen?

Bei Sturm gibt es häufiger Todesfälle, die vermeidbar gewesen wären; die Menschen waren einfach unvorsichtig. Sturm wird immer wieder unterschätzt. Auch wenn es noch so romantisch ist, dem Rauschen der Bäume im Wald zu lauschen – bei Sturm ist das nicht angebracht. Und auch bei Überschwemmungen kommt es häufig zu einer Unterschätzung der Gefahren, vor allem von denjenigen, die keine Erfahrung mit Hochwasser haben. Da entwickelt sich teilweise ein Tourismus hin zu den Katastrophenorten, mit den Folgen, dass die Notfallmaßnahmen behindert werden und sich die Leute auch selbst in Gefahr begeben. Bei dem großen Passau-Hochwasser etwa hat die Polizei über 15.000 Schaulustige gezählt. 

Wie lautet Ihr Fazit?

Es gibt diejenigen, die die Gefahr übertreiben und zum Beispiel behaupten: Durch den Klimawandel kommt es in Zukunft in Deutschland jedes Jahr zu einem Riesensturm und eine Überflutung. So schlimm und vor allem so regelmäßig ist es aber nicht. Was wir durch den Klimawandel besonders in Deutschland zu fürchten haben, sind lange Hitzeperioden. Darauf muss sich ein jeder besser einstellen. Bei Hochwasser und Stürmen gehen wir davon aus, dass Jahr für Jahr Intensität und Häufigkeit zunehmen. Da ist dann, was den Schutz der Menschen anbelangt, auch die öffentliche Planung gefragt, nicht nur die einzelnen Bürger. Wir sollten uns deshalb sowohl auf der Behördenebene als auch auf der individuellen Seite besser auf solche Ereignisse vorbereiten. Aber es gibt keinen Grund, jetzt zu sagen: Deutschland geht im Wasser unter.

Mit Prof. Dr. Ortwin Renn sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de

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