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Freitag, 26. März 2010

Unbekannte Menschenform: "X-Girl" aus der Höhle

Jana Zeh

Ein nur sieben Millimeter großes Stück Knochen aus der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge sorgt für Aufsehen. Die ersten genetischen Analysen verweisen auf eine bisher völlig unbekannte Art von Menschen.

Der Eingang der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge in Sibirien.
Der Eingang der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge in Sibirien.(Foto: dpa)

Aus einer Routineuntersuchung ist ein Sensationsfund geworden. Johannes Krause, Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig analysierte ein winziges Stückchen Knochen, das bei Grabungen im Sommer 2008 in der Deinsova-Höhle im Altai-Gebirge gefunden worden war. Das Fundstück hatten die russischen Wissenschaftler Michail Schunkow und Anatoli Derewjanko in 30.000 bis 48.000 Jahren alten Gesteinsablagerungen entdeckt. Es wurde als letztes Glied des menschlichen kleinen Fingers eines 5 bis 7 Jahre alten Mädchens identifiziert und war wegen der sibirischen Kälte besonders gut erhalten.

"Wie gewohnt wurde an dem zugeschickten sieben Millimeter großen Fossil im Labor in Leipzig zunächst die sogenannte mitochondriale DNA untersucht", erklärt Krause. Die Mitochondrien - auch als "Kraftwerke der Zellen" bezeichnet - werden ausschließlich von der Mutter an die Nachkommen weitergegeben. Sie finden sich 8000-fach in einer Zelle und sind für die Umwandlung von Nahrung in Energie zuständig. Der Forscher wollte herausbekommen, ob der Fingerknochen zu einem Neandertaler oder zum Homo sapiens gehörte. Beide lebten in diesem Zeitraum in diesem Gebiet. Das Ergebnis jedoch überraschte. Die 16.000 Basenpaare die aus der mitochondriale DNA-Analyse bisher generiert worden waren, zeigten zwar Ähnlichkeiten mit der mitochondrialen DNA des modernen Menschen, wiesen aber fast 400 Unterschiede im Vergleich dazu auf. Zwischen Mensch und Neandertaler gibt es dagegen nur 200 Unterschiede.

Aus diesem Ergebnis konnte das Forscherteam grundlegende Schlüsse ziehen:

1. Der Fingerknochen stammt von einer Ur-Menschenform, die bisher nie entdeckt wurde. Sie trägt eine bisher unbekannte genetische Linie in sich. Unklar bleibt jedoch, ob das Kind tatsächlich zu einer neuen Menschenart gehörte oder ein Mischwesen zwischen neuer Menschenart und Neandertaler oder neuen Menschenart und Homo Sapiens ist. Aus diesem Grund spricht Krause ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt ausschließlich von einer neuen Menschenform, wenn es um die Bezeichnung für das unbekannte Mädchen – "X-Girl" geht.

So könnte ein Neandertaler ausgesehen haben.
So könnte ein Neandertaler ausgesehen haben.

2. Die Entwicklungslinien von Mensch, Neandertaler und der neu entdeckten Menschenform trennen sich vor rund einer Million Jahren. Zu dieser Zeit muss es einen gemeinsamen Vorfahren für alle drei Menschenformen gegeben haben. Die Trennung von Mensch und Neandertaler dagegen geschah vor rund 400.000 Jahren. Das bedeutet, dass der moderne Mensch näher mit dem Neandertaler verwandt ist, als mit dieser jetzt neu entdeckten Menschenform.

3. Die bisherigen Annahmen über die drei Auswanderungswellen von Urahnen aus Afrika – vor zwei Millionen Jahren der Homo erectus, vor 500.000 Jahren der Neandertaler und vor 50.000 Jahren der Homo sapiens - müssen nun überarbeitet und korrigiert werden. Die neue Ur-Menschenform ist vor ungefähr einer Million Jahren aus Afrika ausgewandert.

Der Großteil der Arbeit steht noch bevor

Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.(Foto: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie)

Krause stand seiner Entdeckung zunächst etwas ungläubig gegenüber und entschied auf Nummer sicher zu gehen. So wurde jedes bisher generiertes Basenpaar durchschnittlich 150 Mal bestimmt, mit gleichem Ergebnis. Doch die eigentliche Arbeit steht dem 30-köpfigen Forscherteam in Leipzig noch bevor. "Die Generierung der Kern-DNA aus dem winzigen Knochenstückchen soll bis zum Ende des Jahres weitgehend abgeschlossen sein", erläutert Krause. Bis dahin werden die modernen DNA-Decoder im Labor in Leipzig kaum noch stillstehen. Erst wenn 3,2 Milliarden Basenpaare bestimmt wurden, kann man von der vollständigen Entschlüsselung von "X-Girl" sprechen. Erst dann kann auch mit Sicherheit gesagt werden, ob es sich bei dem Mädchen tatsächlich um eine neue Menschenart handelt oder um eine Mischform.

Spekuliert werden kann zum heutigen Zeitpunkt nur darüber, ob alle drei Menschenarten tatsächlich vor 40.000 Jahren aufeinandergetroffen sind, da lediglich der Zeitraum nicht jedoch der tatsächliche Zeitpunkt des Lebens der verschiedenen Ur-Menschen bestimmt werden kann. Diverse Funde in der Denisova-Höhle aber beweisen, dass sowohl Neandertaler, als auch Homo Sapiens und eben auch die neue Menschenform in der Höhle gelebt haben müssen. Kein Wunder, denn die rund 30 Quadratmeter große Aushöhlung im Altai-Gebirge schien ideal als Behausung für unsere Urahnen zu sein. Die Grabungen sollen im Sommer 2010 in der Denisova-Höhle erneut aufgenommen werden. Krause hofft darauf, dass noch mehr brauchbare Fundstücke, möglichst auch DNA der neuen Menschenart geborgen werden können.

Wo ist der Denisova-Mensch geblieben?

Weltweit hat sich der die Art des Homo sapiens durchgesetzt. "Wir gehen davon aus, dass auch die neu entdeckte Menschenform ausgestorben ist. Es gibt keine Anzeichen dafür, den Yeti mal ausgeschlossen - dass es auf der Welt eine Menschenform gibt, die mit dieser verwandt ist", sagt Krause mit einem Lächeln. Der Neandertaler ist verschwunden, der Homo floresiensis ist verschwunden und eventuell noch andere Menschenformen, die zu dieser Zeit in Asien existiert haben. Die Gründe dafür bleiben allerdings im Ungewissen und können mit nur einem Fundstück nicht beantwortet werden.

Quelle: n-tv.de

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