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Weit entfernt von AKW Fukushima 1 Immer mehr Pflanzen stark verstrahlt

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Chiyoko Kaizuka erntet Spinat. Wahrscheinlich wird der Vertrieb verboten.

(Foto: AP)

Während die Arbeiten am zerstörten AKW Fukushima erste Erfolge zeigen und zumindest eine Stabilisierung der hochbrisanten Situation gelungen ist, bereiten nun die Folgen der ausgetretenen Strahlung Probleme. In immer mehr Lebensmitteln wird Radioaktivität nachgewiesen. Ein Umstand, der ein "Anlass zur Besorgnis" sei, so die Internationale Atomenergiebehörde. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Rettungskräfte bergen eine alte Frau und ihren Enkel lebend aus Trümmern. Und das neun Tage nach Erdbeben und Tsunami.

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA sorgt sich um radioaktiv verseuchte Lebensmittel aus der Region um das Atomkraftwerk Fukushima 1. Nach den der UN-Behörde vorliegenden Messungen japanischer Behörden liegen vor allem die Werte von radioaktivem Jod 131 in Milch und Blattgemüse teils weit über der für den Verzehr geeigneten Norm. Die Situation im halb zerstörten Atomkraftwerk selbst hat sich nach Einschätzung der UN-Behörde aber leicht zum Positiven verändert.

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Das zerstörte AKW Fukushima 1.

(Foto: dpa)

Rund um das Atomkraftwerk Fukushima gäben die Werte in einigen Lebensmitteln momentan Anlass zu Besorgnis, sagte der IAEA-Experte Graham Andrew. Japan prüfe nach Informationen der IAEA weiterhin ein Verkaufsverbot von bestimmten Lebensmitteln aus der Region.

Der IAEA lagen Daten über mit Jod 131 belastete Milch vor, die mit 900 bis 1500 Becquerel pro Kilogramm weit über den japanischen Grenzwerten für den Verzehr lagen (100 bis 300 Becquerel pro Kilogramm). Bei Frühlingszwiebeln lagen die Jod-131-Werte zwischen 110 und 6100 Becquerel pro Kilo, bei Spinat zwischen 8400 und 15 000 Becquerel pro Kilogramm. Während japanische Behörden den Grenzwert bei Blattgemüse bei 2000 Becquerel pro Kilo ansetzen, rät die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem generellen - weitaus geringeren - Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilo.

In Einzelfällen lag die Belastung noch weitaus höher: Aus der Stadt Hitachi, mehr als 100 Kilometer südlich des Kernkraftwerks Fukushima, meldeten die Behörden den Rekordwert von 54.000 Bequerel bei einem Kilogramm Feld-Spinat. Die Regierung habe die lokalen Behörden aufgefordert, den Vertrieb von Produkten, bei denen die Strahlung die Normwerte übersteigt, zu stoppen.

Folgen unklar

Welche Folgen der Verzehr solcher hoch belasteten Lebensmitteln für den Menschen hat, wollten die IAEA-Experten nicht klar beantworten. "Ich glaube nicht, dass man solchen Spinat essen möchte", sagte Andrew. Nach Angaben des deutschen IAEA-Experten für Strahlenschutz, Gerhard Proehl, könne man die Werte in etwa auf alle Blattgemüse und auch Gras übertragen. Frisst beispielsweise eine Kuh radioaktiv verseuchtes Gras, übertragen sich die Werte auf ihr Fleisch. Radioaktives Jod zersetzt sich mit einer Halbwertszeit von etwa acht Tagen aber relativ schnell.

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Der Einsatz der Wasserwerfer zahlt sich zumindest im Moment aus.

(Foto: dpa)

Der Kampf auf Leben und Tod gegen die Kernschmelze am japanischen Atomkraftwerk Fukushima zahlte sich unterdessen aus. Technikern gelang es, die Reaktorblöcke 5 und 6 der havarierten Atomanlage zu kühlen und damit zu stabilisieren. Zudem sank die Temperatur in allen Abklingbecken. Sorge bereitete aber weiter die Kühlung des Blocks 3, wo die Brennstäbe aus hochgiftigen Plutonium-Uran-Mischoxiden (MOX) sind. Auch am Block 2 gelang es, Stromkabel zu legen. "Das war eine sehr gefährliche und schwierige Aufgabe", sagte der beteiligte Feuerwehrmann Toyohiko Tomioka. "Überall lagen Trümmer herum. Den Mitgliedern des Teams war die Gefahr der Verstrahlung sehr bewusst."

Zwei Panzer der japanischen Streitkräfte sollen in Kürze helfen, Trümmer auf dem Gelände des beschädigten Atomkraftwerks Fukushima aus dem Weg zu räumen. Die Panzer seien gut gegen radioaktive Strahlung geschützt, so die Armee. Mit montierten Bulldozerschaufeln soll den Helfern der Zugang zu den Reaktorblocks erleichtert werden.

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Die Rettung des 16-Jährigen und seiner Großmutter erscheint den Japanern in diesen Tagen als Wunder.

(Foto: REUTERS)

Auch bei den Rettungsarbeiten gab es am 9. Tag nach der Katastrophe gute Nachrichten. Einsatzkräfte bargen am Sonntag eine 80-jährige Frau und ihren 16 Jahre alten Enkel aus einem zerstörten Haus. Großmutter Sumi Abe und Enkel Jin Abe wirkten geschwächt, hätten jedoch auf Fragen der Polizei reagiert. Der Jugendliche soll an Unterkühlung leiden. Als die Erde bebte, seien Enkel und Großmutter in der Küche gewesen, berichtete der 16-Jährige Helfern im Krankenhaus. Seine Großmutter wurde unter schweren Möbelstücken eingeklemmt. Die beiden hätten sich dann von Joghurt und anderen Dingen, die in einem Kühlschrank lagen, ernährt. In den ersten Tagen hatte der Junge noch mit seiner Mutter telefonisch Kontakt. Erst am Sonntag gelang es ihm, sich aus den Trümmern des Hauses zu befreien und auf dem Dach nach Hilfe zu rufen. Ein Suchtrupp der Einsatzkräfte habe ihn entdeckt.

Immer mehr Tote

Die Zahl der Toten und Vermissten stieg jedoch weiter: Mindestens rund 8400 Menschen seien bei dem Erdbeben der Stärke 9 und dem nachfolgenden Tsunami gestorben, teilte die Polizei mit. 12.272 gelten offiziell als vermisst. Die Katastrophe vom 11. März ist damit das größte Unglück in der Geschichte Japans seit dem Zweiten Weltkrieg.

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Jeden Tag wird das Ausmaß der Schäden durch Erdbeben und Tsunami deutlicher sichtbar, wie hier in Minamisanriku.

(Foto: AP)

Bergungsspezialisten des Technischen Hilfswerks (THW) kehrten unterdessen aus Japan zurück. Die 41 Frauen und Männer landeten auf dem Flughafen Frankfurt. Mit an Bord waren 20 weitere Menschen aus sechs Ländern, darunter fünf Deutsche. Sie wurden in Frankfurt wegen der traumatischen Erfahrungen von Seelsorgern betreut.

Quelle: ntv.de, jmü/dpa