Auto
Autos mit schmalen, weit auseinanderliegenden Scheinwerfern und kleiner Windschutzscheibe gelten als "männlich", "erwachsen" und "dominant".
Autos mit schmalen, weit auseinanderliegenden Scheinwerfern und kleiner Windschutzscheibe gelten als "männlich", "erwachsen" und "dominant".
Freitag, 17. Februar 2012

Autos haben ein Gesicht: Der böse Blick macht an

von Holger Preiss

Die Scheinwerfer sind Augen, Kühlergrill und Logo bilden die Nase und die Lufteinlässe unter dem Stoßfänger sind der Mund: Autos haben ein Gesicht. Und das löst Emotionen aus. Emotionen, die das Kaufverhalten, die Fahrweise und die Identifikation mit dem Wagen beeinflussen können.

Die Fähigkeit der Menschen, Gesichter zu erkennen und sie zu deuten, ist nicht nur nützlich, sie sorgt auch dafür, dass wir im alltäglichen Beziehungsgefüge funktionieren. Wie wäre es wohl, wenn wir bei Freund oder Freundin, den Kindern, Kollegen und Nachbarn Gefühlszustände nicht am Gesicht ablesen könnten? Selbst bei unseren tierischen Gefährten achten wir auf den Gesichtsausdruck. Bleckt ein Hund die Zähne, werden wir den Teufel tun und die Hand nach ihm ausstrecken. Um also Gefahren zu vermeiden oder andernfalls auch große Zuneigung zu erkennen, nutzen wir jede Gelegenheit, Gesichter zu erkennen. Auch dort, wo eigentlich keine sind.

Der Mini sieht zwar nicht aus wie "Lightning McQueen", aber seine Front wirkt kindlich.
Der Mini sieht zwar nicht aus wie "Lightning McQueen", aber seine Front wirkt kindlich.(Foto: picture alliance / dpa)

Komplizierter wird es an den Stellen, an denen der Mensch eingreift und Dinge selbst gestaltet. Zum Beispiel beim Automobil. Dass die ein Gesicht besitzen, wird jedes Kind auf Anhieb bestätigen. Doch nicht nur die. Eine Studie, für die auch die Anthropologin Sonja Windhager von der Universität Wien verantwortlich zeichnet, bestätigt, dass 80 Prozent der Testpersonen in mindestens der Hälfte der gezeigten Frontpartien von Autos ein Gesicht erkennen. Nun kann man vermuten, dass die Probanden durch ihr soziales Umfeld geprägt sind, ihre Wahrnehmung durch Filme mit sprechenden Autos wie "Lightning McQueen" oder Disneys "Cars" beeinflusst wird, dass die massive Werbung für Autos, die täglich auf uns einprasselt, das Blickfeld einschränkt.

Um das zu widerlegen, sind die Forscher nach Äthiopien in ein ländliches Gebiet gegangen, das weitgehend frei ist von Autos, Werbung und Disney-Filmen. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Es gibt kaum Unterschiede in der Wahrnehmung. Mehr noch, in beiden Kulturen werden die "Gesichter" der Autos mit menschlichen Attributen in Übereinstimmung gebracht. Autos mit schmalen, weit auseinanderliegenden Scheinwerfern und kleiner Windschutzscheibe gelten als "männlich", "erwachsen" und "dominant". Fahrzeuge mit runden Scheinwerfern und hoher, senkrecht stehender Windschutzscheibe werden überwiegend als "kindlich" und "weiblich" bewertet.

Auto-Gesicht schafft Emotionen

Doch wenn solche Attribute gesetzt werden, müssten dann beim Anblick eines Auto-Gesichts nicht auch Emotionen ausgelöst werden? Kann es sein, dass wir bewusst oder unbewusst Wut, Freude, Ekel oder gar Liebe für ein Auto empfinden wenn wir es sehen? "Obwohl wir dies noch nicht direkt untersucht haben, würde ich davon ausgehen", meint Windhager. "Nachdem wir unseren Versuchsteilnehmern explizit vor der Untersuchung gesagt haben, dass es kein Richtig oder Falsch gibt und sie nach ihren ersten Eindrücken entscheiden sollen, war sicherlich eine gehörige Portion Bauchgefühl dabei."

Insofern ist nicht auszuschließen, dass Emotionen auch ein gewichtiger Grund für den Kauf eines Autos sind. Wenn Faktoren wie Preis, Motorisierung, Verwendung, Marke etc. geklärt sind, könnte die Kaufentscheidung  durch den Eindruck, den die Front beim Betrachter hinterlässt, "günstig oder negativ beeinflusst werden", so Windhager.

Auch Frauen lieben den "bösen Blick"

Scharf gezeichnete Fronten wirken maskulin und dominant. Auch auf der Straße ein Zeichen von Stärke.
Scharf gezeichnete Fronten wirken maskulin und dominant. Auch auf der Straße ein Zeichen von Stärke.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Wenn wir dem Auto neben einem Gesicht auch Emotionen zuschreiben, liegt der Verdacht nah, dass wir uns als Autokäufer auch mit dem "Gesicht" unseres Wagens identifizieren. Sei es, dass wir das Gefährt dann als etwas benutzen, was wir selber gerne wären, oder das es tatsächlich ein blechgewordener Teil unseres Selbst ist.

Windhager und ihre Kollegen planen eine neue Testreihe, um das herauszufinden. Doch auch die ersten Ergebnisse, die Windhager präsentiert, geben einen Einblick: "Wir fragten unsere Probanden bei jeder Autofront auch, wie sehr sie ihnen gefällt. Es zeigte sich, dass sowohl Männer als auch Frauen in Österreich jene Fronten mehr mochten, die Eigenschaften aufwiesen, die mit einem erwachsenen, maskulinen, dominanten Eindruck einhergingen."

Wenn das so ist, liegt der Schluss nahe, dass wir mit unserem Auto auch Macht und Stärke auf der Straße demonstrieren wollen. So sorgen die "bösen Blicke" auch dafür, dass Passanten und andere Verkehrsteilnehmer durch die Interpretation des Gesichts eines Autos zu entsprechenden Reaktionen angehalten werden. Drängler werden mit einer scharf geschnittenen Front den Vorausfahrenden schneller von der linken Spur schicken als das knuffige Gesicht eines Kleinwagens. Bis jetzt steht diese Annahme nur als These im Raum, aber auch hier wollen Windhager und ihre Kollegen mit weiteren Studien Sicherheit schaffen.

So könnte es sein, dass wir in Zukunft vermehrt männlich-dominante Auto-Gesichter auch im Kleinwagensegment wiederfinden. Denn allem Anschein nach findet der kraftvolle  Ausdruck über die Geschlechter hinweg größeren Anklang als das knuffig-kindliche Antlitz. Wer sich also nicht den bissigen Oberklassewagen leisten kann, könnte durch ein kleines und preiswerteres Modell mit gleichen Attributen zum Kauf veranlasst werden.

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Quelle: n-tv.de

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