Auto

Weltmeister Michael Niemas Vom Rennauto zum Slotcar-Racing

Michael_Niemas_4.JPG

Michael Niemas hat sich einen Namen in der Slotcar-Szene der Welt gemacht.

(Foto: Fabian Hoberg)

In Hessen stellt ein Modellbauer die besten und schnellsten Slotcars der Welt her. Dabei hat alles im richtigen Rennsport begonnen. Und so ganz ist Michael Niemas heute noch nicht davon weg, wie der Besuch bei dem Perfektionisten und Motorsport-Fan beweist.

Millimeterkleine Schrauben, mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen: Wenn Michael Niemas unter weißem Licht und einer Lupe Autos bearbeitet, ist er in seinem Element. Der 37-Jährige aus Biebesheim am Rhein konzipiert, baut und restauriert Modellautos und Slotcars. Nicht als Hobby, sondern als Profi fummelt er mit Schraubendreher und Pinzette an Autos. "Das ist sicherlich die Endstufe der Nerdigkeit, macht aber totalen Spaß", grinst er. Niemas' Fahrzeuge müssen keinen Vergleich mit den Originalen scheuen, so detailverliebt stellt er sie her. Lenkrad, Aufkleber, Radbolzen, Spiegel, jedes noch so kleine Detail baut er nach - und das für Kunden weltweit.

Michael_Niemas_80.JPG

Winzig sind die Teile, mit denen Niemas bei seinen Slotcars zu tun hat.

(Foto: Fabian Hoberg)

Ein langer, doch stringenter Weg. Als Siebenjähriger baut Niemas seine ersten Modelle. Bei einem Händler für Modellbausätze entdeckt er 1999 Slotcars, allgemein als Carrerabahn-Autos bekannt, kauft sich eine Bahn und - langweilt sich schon nach zwei Wochen. "Die Bahn war klein, die Autos lahm, da habe ich schnell den Spaß verloren", erzählt er. Allerdings nicht ganz - ein kleiner Funken glühte noch.

Der Ehrgeiz ist geweckt

Ein paar Dörfer weiter steht zu der Zeit eine große Slotcar-Rennbahn. Mit 17 Jahren startet Niemas bei seinem ersten Rennen, er wird Vorletzter. Doch sein Sportsgeist ist geweckt, Niemas trainiert intensiv und gewinnt ein halbes Jahr später sein erstes Rennen. 2000 erhält er eine Wildcard zur WM in Belgien. "Auch wenn ich dort früh ausgeschieden bin, war das ein tolles Erlebnis und ein echter Motivationsschub", sagt der Hesse. Die Hand behält er am Drücker, fährt weiter seine Bahnen und wird 2003 und 2004 deutscher Meister, ein Jahr später startet er erstmals bei der WM 2005 - und wird Vizeweltmeister bei den Junioren.

Michael_Niemas_54.JPG

Die Pokalwand von Michael Niemas ist riesig. Aber der Mann hat noch lange nicht genug.

(Foto: Fabian Hoberg)

Sein Ehrgeiz ist geweckt, aber noch nicht befriedigt. Niemas qualifiziert sich auch in den nächsten Jahren für die WM und wird 2008 erstmals Weltmeister. "Allerdings zeitgleich aufs Hundertstel mit einem anderen Teilnehmer", sagt er. Ein Jahr später schafft er es und wird alleiniger Weltmeister im Einzelfahren. "So ein Rennen ist anstrengend und verlangt volle Konzentration über 96 Minuten", sagt er. Auch 2010 wird er wieder Weltmeister im Team und Einzel, danach wird die Rennserie mangels Sponsoren eingestellt. Michael Niemas fährt in anderen Serien weiter Rennen, pro Jahr rund 20 quer in Europa. "Die Rennen reizen mich, der Wettbewerb ist sehr anspruchsvoll. Dabei kostet Slot-Racing nur ein Bruchteil vom richtigen Motorsport", sagt er.

Einst an der Seite von Vettel

Niemas liebt den Wettbewerb. Mit zwölf Jahren fährt er sein erstes Radrennen, kommt ein Jahr später in den Hessen-Kader, mit 15 in die Jugend-Nationalmannschaft und wechselt auf ein Sportinternat. Doch als mit 18 Jahren der Führerschein im Portemonnaie steckt, bekommt er Lust auf höhere Geschwindigkeiten. Statt Rennrad-Profi zu werden, wechselt er in den Motorsport, macht seine Rennlizenz und fährt im Langstreckenpokal mit. Und das so erfolgreich, dass er Sponsoren findet und in der Formel BMW startet, unter anderem gegen Sebastian Vettel. "Es war auf der einen Seite eine tolle Erfahrung, auf der anderen eine Riesenenttäuschung. Denn unser Team hatte nur einen Bruchteil des Budgets, auf das die Profis zurückgreifen konnten", erklärt er.

Michael_Niemas_100.JPG

Auf die Qualität kommt es an.

(Foto: Fabian Hoberg)

Nach wenigen Monaten hört er frustriert auf und beginnt eine Ausbildung als Karosseriemodellbauer bei Opel. Durch Zufall erfährt er von der Opel-Sportabteilung mit Kart-Team und engagiert sich. 2010 gründet er mit zwei Freunden das Team Niemas Racecars und gewinnt im ersten Jahr direkt eine internationale Rennserie, fährt ein Jahr später wieder bei einer WM mit. "Mir gefielen Wettbewerb und Geschwindigkeit, vor allem im Motorsport. Aber der kostet nun mal sehr viel Geld, daher haben wir nach einem Jahr wieder aufgehört", sagt er.

Über Opel zum Modellbau

Bei Opel arbeitet er fünf Jahre lang, unter anderem im Advanced-Bereich für die Zukunftsfahrzeuge der Marke aus Rüsselsheim. Parallel baut er nebenberuflich seit 2009 für Kunden Modellfahrzeuge. Doch er will weitere Marken kennenlernen und zieht nach Stuttgart. Bei einer Firma, die Modelle für Porsche, Mercedes und andere Hersteller baut, stillt er drei Jahre seinen kreativen Wissensdurst. Als die im Modellbau bekannte britische Firma Amalgam ihn fragt, ob er als Berater für sie arbeiten kann, wechselt er den Job.

Michael_Niemas_3.JPG

"Modellbau hat viel mit Leidenschaft, Disziplin und Detailversessenheit zu tun."

(Foto: Fabian Hoberg)

Als freier Berater kümmert er sich in den nächsten Jahren um eine neue Produktionsstätte in China und in der Nähe von Budapest. Niemas stellt Mitarbeiter ein, schult sie und achtet peinlich genau auf die Qualität der Fahrzeuge. "Modellbau hat viel mit Leidenschaft, Disziplin und Detailversessenheit zu tun. Nur wer absolut akkurat arbeitet, schafft wirklich gute Fahrzeuge", erklärt Niemas. Nachdem die Mitarbeiter in den Betrieben die gewünschte Qualität liefern, orientiert sich Niemas um. Er will wieder mehr handwerklich arbeiten, wieder mehr mit Schraubendreher und Minischrauben Karosserien miteinander verbinden.

Für den perfekten Lauf

2017 macht er sich in Vollzeit mit seinem eigenen Modellbau-Unternehmen selbstständig, spezialisiert sich zunehmend auf Slotcars. Sein Anspruch: Die Fahrzeuge sollen möglichst original aussehen, detailverliebt sein und dazu noch schnell. Dafür betreibt der Modellbauer einen hohen Aufwand. Das Chassis lässt er per CNC fräsen, viele Teile bestehen aus Carbon, Fahrwerkskomponenten lassen sich einstellen. "Alles passt zu 100 Prozent für den perfekten Lauf. Bei der Entwicklung hat mir meine Motorsporterfahrung geholfen, wie man ein siegfähiges Auto richtig abstimmt. Meine Autos fahren perfekt", ist er sich sicher.

Michael_Niemas_65.JPG

Seine Modelle verkauft Niemas in der ganzen Welt.

(Foto: Fabian Hoberg)

Das spricht sich rum. Über 130 von den handgefertigten Chassis hat er verkauft, bis nach Japan und in die USA, zum Stückpreis von 150 Euro. Bis zu 50 km/h fahren die Scale-Slotcars auf den speziellen Holzbahnen, benötigen rund sechs Sekunden pro Runde. Ein Fahrer hat schon einen WM-Titel gewonnen. Dazu baut Niemas bis zu 20 komplette Fahrzeuge pro Jahr, bis zu 120 Stunden pro Auto, die Wartezeit liegt derzeit bei zwei Jahren. Kunden, vorwiegend aus den USA, zahlen dafür mindestens 2000 Euro. "Viele Besitzer erfreuen sich an der detailgenauen Optik und am Fahrverhalten, setzen die Autos zu Hause ein", sagt er.

350 Arbeitsstunden für ein Slotcar

Wenn er im Flow ist, wie er sagt, arbeitet er bis zu 15 Stunden in der Werkstatt, die sehr fokussierte Arbeit verlangt eine hohe Konzentration. "Ich liebe es, dass bei jedem Auto alles individuell ist. Kein Fahrzeug gleicht dem anderen, bis auf das Chassis", sagt er. Für sein aufwändigstes Auto, einen Ferrari 350 von 1967, investiert er über 350 Stunden. Bei dem Slotcar lassen sich sogar Türen und der Tankdeckel öffnen. "Das Ergebnis muss stimmen, das Auto muss einfach schön aussehen und gut fahren. Je realistischer, desto überzeugender ist das Auto", sagt er.

Michael_Niemas_94.JPG

Generell gefallen Niemas die Autos aus den 1950er-Jahren am besten.

(Foto: Fabian Hoberg)

Generell gefallen ihm die Autos der 1950er-Jahre, wie ein Ferrari 250 GTO. Für ihn ein fahrbares Kunstwerk. Er bevorzugt den Maßstab 1:24, weil man sehr viele Details verpacken kann und das Modell noch klein genug ist, um es auf einen Schreibtisch oder in eine Vitrine zu stellen. Seine Mühe wird schon vor 10 Jahren belohnt. Eine seiner Kreationen gewinnt 2009 und 2010 beim World Concours für Slotcars 1:24 den Best of Show.

Vom Motorsport kann Niemas immer noch nicht lassen. Seit einem Jahr startet er wieder, diesmal in seinem eigenen E-Sport-Team virtuell. Den Simulator baut er sich selbst, trainiert gerne mit einem virtuellen Radical SR8 abends und am Wochenende. "Für mich bedeutet das einen tollen Ausgleich zur filigranen Arbeit an den Modellen", sagt er. Natürlich nicht ganz ohne Ehrgeiz: Nächstes Jahr will er beim virtuellen 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit fahren.

Quelle: ntv.de