Der Tag

Der Tag Eyelar: Mahsa Amini hätte genauso gut ich sein können

02.11.2022, 13:23 Uhr

Eyelar, eine junge niederländische Künstlerin mit iranischen Wurzeln, die in London lebt, erklärt sich gern durch ihre erfolgreiche Musik. Momentan aber auch mit Statements wie diesem: "Wir haben keine Wahl, an welchem Ort wir geboren werden – und allein der Gedanke daran, wie viel Zufall da im Spiel ist, bringt meinen Kopf zum Platzen. Trotzdem muss ich in den letzten Wochen, seit dem Tod von Mahsa Amini und den vielen anderen Demonstrierenden im Iran ständig darüber nachdenken.

Mein Vater sagte 1993 zu meiner Mutter: "Wir müssen raus aus dem Iran, es gibt hier keine Zukunft für unsere Kinder". Meine Eltern taten alles dafür, möglichst schnell die Sprache zu lernen, zu studieren und eine Arbeit zu finden. Es fühlte sich fast wie Heimat an, aber natürlich klang mein Name anders. Ich habe es geliebt, jedes Jahr in den Sommerferien in den Iran zurückzukehren.

Die Revolution fand im Jahr 1979 statt, meine Eltern gehören dementsprechend zur letzten Generation, die diesen großen Umbruch miterlebt hat. Basierend auf ihren Erzählungen stellte ich mir ein Land vor, aus dem ganz viel Kunst und Musik und Poesie kam, ein Land mit viel Kultur und gutem Essen. Und wenn ich dann als kleines Mädchen in den Iran zurückkehrte, konnte ich die Überreste davon noch spüren – doch die Revolution war ein Versuch, diese Kultur auszulöschen und sie durch Unterdrückung zu ersetzen. Ich war zwar noch klein, aber mir war klar, dass es kein Recht auf freie Meinungsäußerung gab – und dass das besonders für Frauen galt. 2013 bin ich zum letzten Mal in den Iran gereist. Als ich begonnen hatte, Musik zu machen, konnte ich unmöglich dorthin zurückkehren."

"Mein Bruder fragte mich vor ein paar Tagen, wie ich mich fühle. Ich sagte ihm, dass es nicht darum geht, wie ich mich fühle. Trotzdem ist es so, dass ich mich vor allem schuldig fühle. Denn Mahsa Amini hätte genauso gut ich sein können."

Quelle: ntv.de