Der TagSchüler mussten Erbrochenes essen - Studie enthüllt Gewalt an Ratzinger-Internat
Drohungen, Erniedrigungen, Ohrfeigen, Kopfnüsse - und der Zwang, das eigene Erbrochene zu essen: Eine Studie hat Gewaltvorfälle im katholischen Studienseminar St. Michael in Traunstein ans Tageslicht gebracht. Dort war einst auch Joseph Ratzinger, der später Papst Benedikt XVI., Schüler. Die Studie bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 1960 und 1990. In diesen Jahren kam es nach Angaben der Projektleiterin und Autorin Judith Dubiski vom federführenden Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik zu verschiedenen Formen von Gewalt gegen minderjährige Schüler. Am häufigsten wurde den Angaben zufolge von psychischer und körperlicher Gewalt berichtet, die nicht in Einklang mit dem christlichen Anspruch der Einrichtung stand. Die Wissenschaftler sehen eine "mangelnde Vorbereitung und Begleitung des Personals" und Überforderung, die oft Ursache der Gewalt gewesen sei. Außerdem gebe es Hinweise auf geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch - und auch auf einige Fälle von sexuellem Missbrauch von Erwachsenen an Minderjährigen sowie sexualisierte Gewalt zwischen gleichaltrigen Seminaristen. Es sei allerdings kein Fall bekanntgeworden, "wo ein Seminarist über einen längeren Zeitraum sexuellen Missbrauch erleben musste", sagte Dubiski.
2020 wurden erstmals Misshandlungsvorwürfe eines ehemaligen Bewohners öffentlich, danach meldeten sich weitere mutmaßliche Betroffene. 18 Monate lang forschten die Wissenschaftler, sichteten Akten und führten Interviews mit Betroffenen. Hinweise auf systematischen und strukturellen Missbrauch, wie er sich in ähnlichen Studien gezeigt habe, sehen die Wissenschaftler im Fall von St. Michael nicht.