Fünf Jahre "Wir schaffen das"eWolfram Weimer: "Moralisch groß und politisch tragisch"

Angela Merkels "Wir schaffen das"-Politik war moralisch groß und politisch tragisch zugleich. Merkel hat Deutschland anderthalb Jahrzehnte souverän geführt und das Ansehen des Landes gestärkt. Sie ist als erste Kanzlerin der Geschichte vielen Frauen in der ganzen Welt ein Vorbild geworden. Ihre ausgleichende Konzilianz, ihr leiser Pragmatismus und ihre uneitle, unbestechliche Art gelten in einer Welt des dröhnenden Neo-Despotismus als wohltuend, ihre schiere Tonlage freundlicher Dezenz wird rund um den Erdball geschätzt. Sie hat Deutschland damit ein sympathisches Gesicht verliehen. Die Öffnung der Grenzen für Kriegsflüchtlinge und das einladende Motto "Wir schaffen das" gelten vielen als die moralische Krönung ihrer Kanzlerschaft.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Umsetzung der Öffnung von 2015 ihre vielleicht größte Fehlleistung gewesen ist. Denn die war weder europäisch abgestimmt noch innenpolitisch ausreichend legitimiert. Vor allem aber dauert die unkontrollierte Masseneinwanderung viel zu lange. Und so führte eine große moralische Geste zu einem zerstrittenen Europa, einem verunsicherten Deutschland, einer zusehends polarisierten Gesellschaft und zum Aufstieg des Rechtspopulismus.
Wolfram Weimer ist Verleger und Publizist und Chef der Weimer Media Group, in der unter anderem "The European" erscheint. Weimer ist zudem Kolumnist der "Person der Woche" bei ntv.de.