Leben
Niraz Saieds Aufnahme von Aeham Ahmad ging um die Welt. Während es Ahmad nach Deutschland geschafft hat, starb Saied in einem syrischen Gefängnis.
Niraz Saieds Aufnahme von Aeham Ahmad ging um die Welt. Während es Ahmad nach Deutschland geschafft hat, starb Saied in einem syrischen Gefängnis.(Foto: Niraz Saied)
Freitag, 03. August 2018

Aus dem Krieg in die Konzertsäle: Aeham, der Pianist aus den Trümmern

Von Franziska Türk

Die Videos von Aeham Ahmad, der in den Trümmern eines syrischen Flüchtlingslagers Klavier spielt, gehen um die Welt. Dann verbrennt der IS sein Instrument und Ahmad muss fliehen. In Deutschland wird seine Musik zur Therapie.

Es ist noch früh am Morgen, als Aeham Ahmad sein Klavier auf die Straße schiebt. Die Bomben haben von den Häusern um ihn herum nur Gerippe übrig gelassen, Metallstreben und Rohre ragen aus den Trümmern, die Straße ist mit Schutt übersät. Jarmuk am Stadtrand von Damaskus ist von der Außenwelt abgeschnitten. Es gibt weder Strom noch Wasser, die 18.000 Menschen, die hier noch ausharren, füllen ihre knurrenden Mägen mit Hornklee, den sie einst als Tierfutter angebaut haben. Immer wieder ertönen in der Ferne Schüsse.

Und dann legt Ahmad seine Finger auf die Tasten und singt. Singt gegen den Hunger, die Verzweiflung, singt um sein Leben. "Ich habe meinen Namen vergessen" singt er auf Arabisch. Und Fotograf Niraz Saied drückt ab. Das Foto des Pianisten, der zwischen den Trümmern des zerbombten syrischen Flüchtlingslagers spielt, geht um die Welt. Videos seiner Auftritte in der apokalyptischen Szenerie verbreiten sich auf Youtube. Plötzlich kennt jeder den jungen Musiklehrer, der sich dem Krieg und Elend trotzig in den Weg stellt und den Menschen in Jarmuk mit seiner Musik Hoffnung schenkt. Es ist der 21. April 2014, und Ahmad glaubt nicht daran, das abgeriegelte Lager, das sein Zuhause ist, jemals verlassen zu können.

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Mehr als vier Jahre später sitzt Aeham Ahmad mit seiner Familie am Ostseestrand bei Lübeck, seine beiden Söhne toben kreischend im Sand. Die Sonne scheint, der Krieg ist Tausende Kilometer weit weg. Gestern hat Ahmad ein Konzert bei Wiesbaden gegeben, morgen sitzt er in der Nähe von Köln am Flügel. Am Morgen klingelte das Telefon. Niraz Saied, der Fotograf, der Ahmad mit seinem Foto bekannt gemacht hat, ist in einem syrischen Gefängnis gestorben. Er wurde nur 27 Jahre alt. "Es ist Krieg in meinem Kopf", sagt Ahmad.

Es sind zwei Welten, die schwer vereinbar sind für den palästinensischen Pianisten, der in einem syrischen Flüchtlingslager aufwuchs, mit seinem Klavierspiel zum Internethit wurde und dem 2015 die Flucht nach Deutschland gelang. Nur Musik hilft ihm, gegen die Dämonen, die grausamen Erinnerungen, die Schuldgefühle. "Das ist meine Therapie", sagt Ahmad, "nur so komme ich mit dem Erlebten zurecht". 550 Konzerte in ganz Europa hat er seit seiner Flucht gespielt, bald steht eine Tour durch Japan an. Obwohl ein Granatsplitter seine Finger verletzte, obwohl ihm dadurch jede Taste, die er auf seinem Klavier anschlägt, Schmerzen bereitet. "Du bist verrückt", sagen die Ärzte, "hör auf zu spielen". "Ich spiele fast jeden Tag ein Konzert", sagt Ahmad.

Mozart für alle

Tausende Menschen warten im Januar 2014 auf die Verteilung von Lebensmitteln durch die UN in Jarmuk.
Tausende Menschen warten im Januar 2014 auf die Verteilung von Lebensmitteln durch die UN in Jarmuk.(Foto: imago)

Ahmads Geschichte beginnt in Jarmuk, einem Vorort von Damaskus. Sein ganzes Leben schon ist der heute 30-Jährige Flüchtling. Sein Großvater gehörte zu jenen Palästinensern, die 1948 aus dem heutigen Israel vertrieben wurden. In einem gigantischen Flüchtlingslager vor den Toren von Damaskus findet die Familie ein Zuhause. Und dieses Zuhause ist voller Musik: Ahmads Vater lernt Geige und bringt sich selbst den Bau von Musikinstrumenten bei - dass er blind ist, kann ihn nicht aufhalten. Und Ahmad spielt Klavier. Der kleine Junge aus dem Flüchtlingslager schafft es schließlich sogar auf eine angesehene Musikschule und an die Universität. Mit seinem Vater gründet er eine Musikschule, unterrichtet mehr als 200 Schüler und baut Instrumente. Sein Motto: Musik für alle, Mozart für alle. 

Als sich der Krieg in Syrien schleichend ausbreitet, bekommt Ahmad das zunächst gar nicht so richtig mit. Vor wenigen Monaten hat er seine Frau Tahani geheiratet, der erste von zwei Söhnen ist gerade auf die Welt gekommen. In die kleine Blase aus Glück passen keine Soldaten, keine IS-Kämpfer und keine Scharfschützen. "Und wir dachten, dass niemand Jarmuk angreift, weil die Palästinenser neutral sind", sagt Ahmad. Es dauert nicht lange, bis er eines Besseren belehrt wird. Bis eine Bombe seine Wohnung zerstört, das Viertel von Assads Armee von der Außenwelt abgeriegelt wird. Bis die Familie auf Matratzen im Musikgeschäft schlafen muss, es keine Lebensmittel mehr gibt, sein Bruder wie hunderte junger Männer ohne Angabe von Gründen im Gefängnis verschwindet. Bis der Alltag sich nicht mehr um Mozart dreht, sondern nur noch um eines: ums Überleben.

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Ahmad frittiert Falafel aus Linsen und verkauft sie auf der Straße, doch irgendwann gibt es auch keine Linsen mehr. "Aber die Noten und die Musik werden nie aufhören", sagt er. Ahmad will seine Musik weitergeben, aber unabhängig bleiben. Schon als Junge gibt er bei einem Schulkonzert statt der Nationalhymne lieber ein heiteres Stück von Mozart zum Besten - eine Provokation. Jetzt beschließt er, mit seiner Musik einfach auf die Straße zu gehen. "Der Pianist, der Assad die Stirn bietet, Spottlieder gegen Fassbomben, Kunst gegen Gewalt – ein Triumph der Schönheit über Zerstörung", schreibt er in seiner Biografie, die mittlerweile in fünf Sprachen übersetzt wurde. Unterstützung erhält er von Freunden aus dem Viertel, auch mit Kindern musiziert Ahmad. Beinahe trotzig singen sie auch mit hoffnungsvollen, frohen Liedern gegen das Elend an. Als jemand die Musiker im Januar 2014 filmen und bei Youtube veröffentlichen möchte, ist Ahmad entsetzt. Doch seine Freunde überzeugen ihn. "Wir kommen hier doch eh nicht raus. Wir werden hier eh verhungern", sagen sie. "Da können sie doch auch unsere Nasen auf Youtube sehen."

40.000 Klicks in 48 Stunden

In Syrien musste sich Aeham Ahmad zeitweise von Klee ernähren, in Deutschland steht er unter anderem mit den Sportfreunden Stiller auf der Bühne.
In Syrien musste sich Aeham Ahmad zeitweise von Klee ernähren, in Deutschland steht er unter anderem mit den Sportfreunden Stiller auf der Bühne.(Foto: imago)

Und die Welt schaut hin: 40.000 Klicks bekommt eines der Videos binnen 48 Stunden, Journalisten aus aller Welt wollen plötzlich die Geschichte des "Pianisten aus den Trümmern" erzählen. "Dabei möchte ich gar nicht berühmt sein", sagt Ahmad. Seine Geschichte sei nur eine unter Tausenden. "Ich erzähle deshalb bei Konzerten in Deutschland immer auch von denen, die niemand kennt", sagt der 30-Jährige. Von denen, die im Mittelmeer ertrinken. Oder die nach Afghanistan zurückmüssen."

Am 17. April 2015 verstummt die Musik in Jarmuk. Es ist ein Freitag, Ahmad erinnert sich genau. Er will mit seinem Klavier im benachbarten Yalda für die Kinder spielen. Dann ist da plötzlich ein Kontrollpunkt des Islamischen Staats, der das Viertel vor wenigen Tagen eingenommen hat. Und der IS, das wissen alle, hasst Musik. Ahmad weint, als ein IS-Kämpfer sein Klavier mit Benzin überschüttet und anzündet. "Aber ich war auch froh, dass ich nicht mit dem Klavier gestorben bin." Hätten die Männer gewusst, dass es sein Klavier ist, hätte er wohl nicht überlebt. Aber sein Vater behauptet, dass Ahmad nur ein Passant ist, der ihm beim Schieben des Klaviers hilft. Und einen alten, blinden Mann erschießen? Da lässt selbst der IS Gnade walten.

Und die Vögel werden singen: Ich, der Pianist aus den Trümmern
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Spätestens jetzt steht fest: Ahmad muss weg. Nach einem missglückten Fluchtversuch, einer Festnahme und Nächten im Gefängnis schafft er es raus aus Jarmuk. Und nach einem Schiffbruch auf dem Mittelmeer, bei dem viele seiner Mitfahrer sterben, gelangt er über die Balkanroute nach Deutschland. Dort lernt er Menschen kennen, die ihm helfen, bekommt einen Flügel geschenkt, steht mit Judith Holofernes und Herbert Grönemeyer auf der Bühne, nimmt eine CD auf. Ein Jahr nach seiner Flucht dürfen seine Frau und die Söhne nachkommen. Sie leben in einer Wohnung in Wiesbaden und vor allem: in Sicherheit. Wenn er jetzt am Klavier sitzt, möchte Ahmad mit seiner Musik Brücken zwischen den Flüchtlingen und den Deutschen bauen und sich für die Gastfreundschaft bedanken.

"Weinen bringt Niraz nicht zurück"

Und doch lässt ihn das Erlebte nicht los. In Syrien sprudelte die Musik nur so aus ihm heraus, jetzt fällt es schwer, zu komponieren. Noch immer plagen Ahmad Schuldgefühle, weil ein kleines Mädchen aus seinem Chor während eines Konzerts auf der Straße von einem Scharfschützen erschossen wurde. Seine Eltern sind noch immer in Syrien, vom Bruder gibt es kein Lebenszeichen. "Ich will mir gar nicht ausmalen, was ihm in sechs Jahren Gefängnis passiert ist." Und eine Rückkehr nach Jarmuk? Ausgeschlossen. Das Viertel wurde dem Erdboden gleichgemacht, sagt Ahmad, erst vom IS, später bei der Rückeroberung von Regierungstruppen. "Mein Zuhause wurde zweimal zerstört", sagt er. 1200 Lauten, 600 Gitarren, 300 Geigen, zwei Dutzend Keyboards und fünf Klaviere, die er vor seiner Flucht zum Schutz vor dem IS eingemauert hat, sind in Flammen aufgegangen. Und jetzt die Nachricht vom Tod des Fotografen.

Aber: "Weinen bringt Niraz nicht zurück. Und auch nicht meinen Bruder", sagt Ahmad. "Es ist wichtig zu lächeln, ich bin froh, jetzt in einem freien Land leben zu können." Seine Söhne, Ahmad und Kinan, mittlerweile drei und sechs Jahre alt, plappern auf Deutsch und fühlen sich in Deutschland zu Hause. "Meine Generation wird der Krieg bis zum Ende unseres Lebens begleiten. Aber ich wünsche mir, dass die Kinder in Frieden aufwachsen können", sagt Ahmad.

Und solange es Musik gibt, gibt es Hoffnung.  Für die Hoffnung hat er damals gespielt, als er in den Trümmern von Jarmuk saß. Und für sie spielt er noch heute.

Quelle: n-tv.de