Leben

"Warum machst du das?" Als Helfer unterwegs in der Ukraine

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"Kämpfe so lange, bis wir gewonnen haben": Andreas Tölke - Mensch, Helfer, Journalist, (fast) Busunternehmer.

(Foto: Florian Scheible)

Seit Kriegsbeginn helfe ich den Menschen in der Ukraine. Mit den Spenden des Vereins "Be an Angel e.V." bringe ich Flüchtlinge aus dem Land, passiere dabei zig Checkpoints und höre die Bomben in der Ferne fallen. Im Sekundentakt checke ich den Himmel nach Rauchspuren ab.

Als das erste Mal in 1000 Metern Entfernung Bomben reingeknallt sind, habe ich gedacht: "Ach, da wird was gesprengt." Ein Gedanke so im Sinne von "Platz machen für was Neues". Wie man das aus Deutschland eben kennt. Aber nein. Es ist Krieg. Und als Deutscher ist der sowieso weit weg. Er findet in Filmen statt, in der Geschichte, aber nicht heute, nicht hier, nicht jetzt. Er riecht nicht und er lässt den Boden nicht beben.

Selbst wissend, dass ich in der Ukraine im Krieg bin, hatte ich keine Vorstellung davon. Krieg war selbst mitten im Krieg für mich abstrakt. Klar, auf der Strecke durch die Ukraine kommt man durch zig Checkpoints mit bewaffneten Soldaten, es fahren Panzer neben einem und man sieht zerstörte Gebäude. Ich fuhr durch das Land mit dem Wissen, aber ohne das Gefühl. Und ist das nicht eigentlich großartig, dass sich meine Generation Krieg gar nicht vorstellen kann? Sogar dann nicht, wenn nur 1000 Meter weiter die Bomben reinknallen.

"Ich zucke zusammen, wenn es knallt"

Was danach passiert ist, war für mich ebenfalls unvorstellbar: Seit sechs Monaten bin ich jede Woche ein paar Tage in der Ukraine. Wir bringen Menschen in Sicherheit - bis Ende August rund 12.000, mit Bussen aus Spenden finanziert. Seit dem erlebten Bombenangriff suche ich im Sekundentakt den Himmel nach Rauchspuren ab, ich zucke zusammen und sehe mich misstrauisch um, wenn es irgendwo, aus welchen Gründen auch immer, laut knallt. Und seitdem ich das Erlebte mit Freunden besprochen habe, werde ich noch öfter gefragt: "Warum machst du das? Warum setzt du dich der Lebensgefahr aus?"

Ganz einfach: Weil ich es kann. Weil ich nämlich die Alternative habe - weil ich noch (!) die Alternative habe. Mit meiner deutschen Staatsangehörigkeit habe ich einen Sechser im Lotto gelandet. Gerade wurde eine Statistik der Nationalitäten mit der größten Reisefreiheit veröffentlicht, Deutschland auf Platz zwei weltweit. Und dieses Gefühl von - "ich komme überall rein, also komme ich auch überall raus"- trage ich in mir. Mit dem Wissen um den unglaublichen Luxus. Fragen Sie doch mal einen Afghanen, wohin er ungehindert reisen (flüchten) kann …

"Sind wir jetzt in Sicherheit?"

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"Sind wir jetzt in Sicherheit?"

(Foto: A. Toelke)

Nach dem Knall(en) kann ich mehr als je zuvor verstehen, wie es den Menschen geht, die wir täglich mit unseren Bussen da rausholen. Ich sehe die Gesichter, die oftmals verschatteten Augen, ich sehe Mütter, viele Mütter, die ihren Kindern versuchen Sicherheit zu geben - eine Sicherheit, die sie selbst nicht mehr spüren. Die erste Grenze, die wir überfahren, ist nach Moldau. Es ist fast jedes Mal der gleiche Effekt. In den Bussen meist angespannte Stille, eine schwarze Wolke, die über allen schwebt. Ab und zu jemand, der leise telefoniert. Angst zum Greifen. Nach der Grenze dann oftmals die ungläubige Frage: "Sind wir jetzt in Sicherheit?" Und wir, auch für uns selber, können ohne Einschränkung antworten: "Ja." Es passiert, dass Menschen dann in Tränen ausbrechen.

Sechs Monate - das Resümee: Seit vier Wochen habe ich endlich das Gefühl, die Ukraine kann diesen Krieg gewinnen. Die Waffensysteme aus dem Westen sind überlegen, die Soldaten wissen, wofür sie kämpfen (das wissen die russischen Soldaten übrigens wirklich nicht) und die Prognosen für die russische Wirtschaft sind mies. Richtig mies. Aus diesem Gefühl heraus schaue ich auf Deutschland. Da war ich im letzten halben Jahr gerade mal ein paar Tage und fand es, ehrlich gesagt, bizarr: Die Wartezeiten für den Urlaubsflug waren zu lang. Die Züge mit den 9-Euro-Tickets waren zu voll. Echt jetzt?

Eine Pandemie als Luxusproblem

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Tölke kann es oft nicht fassen, was in Deutschland für ein Problem gehalten wird.

(Foto: Profils)

Und dann noch Corona. Ganz offen - interessiert hier keinen. Es werden mit Sicherheit Menschen daran sterben, Spätfolgen haben oder einen fürchterlichen Verlauf. Aber von Impfungen, Abstandhalten oder Masken kann man in der Ukraine nur träumen. Macht es das deutlich?

Ähnlich bizarr mutet mir die Kriegsmüdigkeit im Westen an. In den sozialen Medien tauchen vermehrt Beiträge auf mit dem Tenor: "Jetzt muss aber auch mal gut sein, wir haben hier unsere eigenen Probleme." Mal ganz kurz zu diesen "eigenen Problemen": Putin greift die Ukraine an. Im Nachgang fällt auf, dass wir von russischem Gas abhängig sind. Die Ukraine nicht zu unterstützen, ist keine Option. Aus "Rache" und dank der (viel) zu verspäteten Sanktionen jongliert Russland mit den Liefermengen. Zeigt uns: Wir, Russland, können euch den Gashahn zudrehen. Und die Reaktion darauf ist: "Die Ukraine sollte verhandeln." Mit demselben Putin, der einen Tag nach der Zusage, dass Getreidelieferungen ukrainische Häfen verlassen können, eben jene Häfen bombardieren lässt.

Was braucht es eigentlich noch, damit selbst dem schlichtesten Hirn dämmert: Verhandeln ist nicht? Und wann dämmert es, dass die aktuellen "eigenen Probleme" nur ein müder Vorgeschmack auf das sind, was passiert, wenn Russland die Ukraine erobert? Putin hat jetzt schon die Macht, uns zu erpressen (nun gut, weil wir uns auch erpressbar machen ließen - anderes Thema). Mit der Ukraine hätte Russland eines der rohstoffreichsten Länder Europas unter seiner Kontrolle, das Land, das einen großen Teil der Welt ernährt. Wer jetzt jammert, dass Gas so teuer wird, kann das nach einer Eroberung der Ukraine dann auch noch vor leeren Regalen machen. Aber das ist dann sowieso egal, weil mit den Stapeln an Geld, die man dank der Inflation mit sich rumträgt, eh nichts bezahlen kann.

Mein Auto, meine Reisen, meine Klamotten - vorbei

Also, selbst wenn man (durchaus mit Recht) nicht der größte Fan der Ukraine ist. Im Vergleich zu einem russischen Despoten, der komplett jede menschliche Kontrolle verloren hat, ist die Ukraine ein Paradies. Niemand, den ich getroffen habe, nimmt ein Blatt vor den Mund. Die Diskussionen sind erhitzt, divers. Oligarchie, Bestechung, Staatsversagen werden offen angeprangert. Und wenn die Ukraine gewinnt, wird es ein anderes Land. Das erste Mal erleben Menschen, was Solidarität bedeutet. Vor dem Krieg war das Leben eine Ego-Show (also wie aktuell in Deutschland): mein Auto, meine Reisen, meine Klamotten. Das ist vorbei. Während Deutschland im Wettbewerb ums Nölen und Meckern auf jeden Fall Platz eins erobern würde, wird in der Ukraine das Wir gelebt. Alternativlos zwar, aber als Basis für ein kollektives Bewusstsein.

Ich wünsche Deutschland keinen Krieg, um das hinzukriegen. Aber ich erwarte, dass einfach mal zwei und zwei zusammengezählt wird, dass wahrgenommen wird, dass Krieg eben kein 90-Minuten-Film ist, dass er keinen Urlaub macht. Und auch in Deutschland ankommt: Wir kämpfen so lange mit, bis wir gewonnen haben. Für die Ukraine und uns. Ja. Für uns!

Um unsere Arbeit weitermachen zu können, benötigen wir von "Be an Angel e.V." dringend Spenden.

Der Bericht wurde aufgezeichnet von Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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