Leben

Scheidung ist nicht das Ende Anwältin verarztet "gebrochene Flügel"

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Zu wenig Sex - oder zu viel Sex mit dem falschen Partner - ist ein häufiger Trennungsgrund.

(Foto: imago/Ikon Images)

In Deutschland scheitert fast jede zweite Ehe. Dann müssen Anwälte aufräumen, was zwei Menschen emotional und finanziell miteinander zu regeln haben. Ines Daun macht das seit mehr als 20 Jahren und würde ihre Mandanten inzwischen am liebsten vor der Hochzeit sehen.

n-tv.de: Wen vertreten Sie lieber? Frauen oder Männer, lieber den Scheidungswilligen oder den Partner?

Ines Daun: Das ist mir völlig egal, ich vertrete alle gleich gern.

Sie sind seit 23 Jahren Scheidungsanwältin - warum?

Ich sehe meine Mandanten als Vögel mit gebrochenen Flügeln und meine Aufgabe ist es, zu gipsen und zu salben, damit sie am Ende des Verfahrens wieder fliegen können. Ich kann nur Familienrecht. Ich liebe meinen Beruf, ich brenne dafür. Wenn man bei mir Mandant ist, merkt man das hoffentlich. Ich berate die Leute hart, aber ehrlich. Ich sage nicht, ich kann alles durchsetzen. Ich bin authentisch und nehme die Leute an, wie sie sind. Und ich begleite sie engagiert auf diesem Weg. Ich sage immer: Geben Sie mir Ihre Angst und Ihren Hass. Ich kann das aushalten und tragen. Ich habe Mandanten, die mich nach Jahren anrufen, weil sie sich wieder verliebt haben. Das sage ich auch allen, dass sie wieder jemanden finden werden.

Sie erfahren ziemlich viel über Ihre Mandanten.

(lacht) Alles.

Wie fühlt sich das an?

Es muss von Anfang an ein Vertrauensverhältnis da sein. Ich sage immer, es muss fließen. Ich muss in das Besprechungszimmer reinkommen und den Eindruck haben, dass wir gut miteinander auskommen. Das ist ja eine Zusammenarbeit über einen längeren Zeitraum hinweg, erst das Trennungsjahr und dann die Scheidung, das dauert mindestens eineinhalb Jahre. Und der Mandant muss das auch denken und spüren. Das ist wie beim Arzt, der Mandant muss mir tausendprozentig vertrauen. In ganz vielen Gesprächen erzählen die Leute dann alles. Wenn das fehlt, hat es keinen Sinn. Dann lehne ich auch Mandate ab. Auch wenn jemand völlig beratungsresistent ist.

Woran scheitern denn die meisten Ehen?

Die meisten Ehen scheitern an zu wenig Planung. Die Leute machen sich überhaupt keine Gedanken, was sie da eigentlich tun, wenn sie heiraten. Es sagt ja keiner, ich bin jetzt im gesetzlichen Zustand der Zugewinngemeinschaft und weiß dann auch, was das bedeutet. Der zweite Hauptgrund ist zu wenig Kommunikation. Die beiden Partner reden einfach zu wenig miteinander. Und der dritte Grund ist:  Zu wenig Sex oder - wie ich immer sage - zu viel Sex mit dem falschen Partner.

Warum ist Sex so wichtig?

Sex ist eine Form der Kommunikation zwischen Eheleuten, es ist ja auch ein Ausdruck dieser Seelenverwandtschaft. Wenn Sie einen Menschen wirklich und wahrhaftig lieben und der betrügt Sie, dann verletzt Sie das. Das ist eine normale Reaktion. Deshalb ist Treue auch ein Ausdruck dafür, ob eine Ehe intakt ist oder nicht. Das heißt ja auch, wir verstehen uns gut und wir stehen wechselseitig füreinander ein. Aber keine Ehe scheitert von heute auf morgen. Das ist eine Entwicklung. Untreue passiert, weil die Ehe schon lange nicht mehr gut war.

Was sollte man unbedingt in einer Scheidung regeln?

Das kann man so allgemein nicht sagen. Zwangsläufig ist es der Versorgungsausgleich, wenn sonst nichts zu regeln ist, dann war es das. Wenn es aber zwei kleine Kinder gibt und die Frau nur Teilzeit arbeitet, dann müssen der Kindes- und der Ehegattenunterhalt geregelt werden. Wenn es Vermögen gibt, muss das aufgeteilt werden.

Das deutsche Scheidungsrecht hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. Wie hat sich das in Ihrer Arbeit ausgewirkt?

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Der Bundesgerichtshof geht ja inzwischen nach der Scheidung von der Eigenverantwortlichkeit beider Partner aus. Das ist zum Teil für die Frauen fatal. Junge Frauen haben heute meist einen Beruf und arbeiten, dann bekommen sie Kinder, dann arbeiten sie Teilzeit oder auch Vollzeit. Aber die älteren Frauen, die jung geheiratet haben und lange verheiratet waren, die sind jetzt Ende 40.  Deren bisheriger Lebensplan war: Sie sind zu Hause und kümmern sich um die Kinder. Die sollen aber jetzt wieder Vollzeit erwerbstätig sein. Das ist hart. Die Frauen, die gearbeitet haben, sitzen ruhiger bei mir. Die, die nicht gearbeitet haben, sind häufig sehr verunsichert.

Ist das der Grund, warum Sie sich auch in Ihrem Buch "Lieber lange lieben" so sehr für Eheverträge einsetzen?

Ja, absolut. Du bist als Frau doch wahnsinnig, wenn du heiratest, Kinder bekommst und deine Erwerbstätigkeit einschränkst, ohne den Scheidungsfall zu regeln. 20 Prozent der Frauen in Deutschland sind nicht erwerbstätig, 20 Prozent arbeiten Vollzeit und 60 Prozent Teilzeit. Teilzeitarbeit heißt aber auch nur Teilzeitrente und es hat ja nicht jede einen Multimillionär geheiratet. Und die Last nach der Ehe bleibt schwerpunktmäßig bei den Frauen. Bei großen Vermögenswerten muss man sowieso einen Ehevertrag machen. Aber jeder und jede sollte sich darum kümmern.

Sie sagen, dass das für die meisten Männer gar nicht problematisch ist, wenn vor der Heirat Dinge vertraglich geregelt werden. Warum?

Die sehen das sachlicher. Die können die Emotionen besser herunterbrechen. Sie stehen voll im Erwerbsleben oder haben eigene Firmen und verstehen, dass eine Ehe auch eine Wirtschaftsgemeinschaft ist.

Viele Paare nehmen sich eine friedliche Scheidung vor und dann klappt es doch nicht. Warum?

Eine Scheidung ist der größte private Konkurs. Man hat ja mal anders angefangen, man hatte einen gemeinsamen Lebensplan und wollte zusammen alt werden. Und das ist gescheitert. Das ist wie eine Firma, die insolvent ist. Das ist auch nichts Schönes. Wegen dieser ganzen Emotionen, Verletzungen und Demütigungen ist das mit der Einvernehmlichkeit gar nicht so einfach. Das BGB ist super, aber das emotionale Loch bleibt.

Viele sagen, sie hätten den Ex-Partner bei der Scheidung erst so richtig kennengelernt. Glauben Sie das?

Nein. Der Partner oder die Partnerin war schon immer so. Man wollte das bloß nicht sehen. Frauen neigen dazu, zu denken, das gewöhne ich dem Mann schon noch ab. Kein Mensch ändert sich, wir selbst ja auch nicht. Wir entwickeln uns, aber wenn man einen Fremdgeher geheiratet hat, wird der nicht zum treuen Ehemann. Ein Geizkragen war auch schon am Anfang der Beziehung geizig. Im Laufe der Zeit sieht man den Partner vielleicht einfach nur anders.

Wie wichtig ist es, dass beide Partner gut aus der Scheidung herausgehen?

Das ist sehr wichtig für den Seelenfrieden und wenn sie Kinder haben, ist es umso wichtiger. Sie werden ein Leben lang über die Kinder miteinander verbunden sein. Aber wenn man einen Vergleich schließt und sich außergerichtlich einigt, dann hält das auch nur, wenn sich jeder darin wiederfindet. Jeder muss für sich sagen, das ist gerecht, damit kann ich leben.

Bei all den Emotionen wird sicher auch mal geweint oder geschrien. Was tun Sie dann?

Ich schaue, dass ich den Mandanten auf der einen Seite emotional wahrnehme und auch annehme. Gleichzeitig muss ich ihm vermitteln, dass eine Scheidung die Abwicklung eines missglückten Geschäftes ist. Das muss ich als Anwältin zusammenbringen, dafür brauche ich häufig viel Zeit. Ich verstehe das auch, wenn die Mandantin das Gefühl hat, sie hasst ihren Ehemann. Ich sage zum Beispiel auch, das Kind merkt das, wenn sie immer sauer sind, wenn es vom Vater kommt. Da müssen sie an sich arbeiten. Denn das nutzt ja alles nichts, wenn man den Ehegattenunterhalt geltend machen will. Dafür gibt es juristische Regeln und an die müssen wir uns halten. Das verstehen meine Mandanten dann auch.

Sie sehen ja das Elend gescheiterter Ehen jeden Tag. Halten Sie Ehe trotzdem noch für eine gute Idee?

Ja, ich halte die Ehe für großartig. Ich glaube auch an die Liebe und ich bin auch nicht frustriert. Ich habe gerade auf der zweiten Hochzeit meines besten Freundes die Rede gehalten. Das war amüsant. Es ist doch auch etwas Wunderschönes, wenn man einen anderen Menschen trifft, mit dem man sein Leben teilen will, mit dem man genialen Sex hat und glücklich ist. Aber ich sage immer: Herz und Verstand. Bei den Scheidungszahlen muss man einfach mitdenken, was man macht, wenn es schiefgeht. Es ist ja nicht schlimm. Da kann man vorher zum Anwalt gehen und sagen: Ich heirate, das sind meine Verhältnisse, das sind die meines Partners. Wie machen wir es? Jeder kann leben, wie er will, aber wenn man heiratet, soll man sich Gedanken machen.

Mit Ines Daun sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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