Leben

Aus der Schmoll-Ecke Apokalypse? "Viel Spass dabei du Pisser!"

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An der schwächelnden Hygiene-Disziplin unseres Kolumnisten ist eindeutig er schuld: Papst Franziskus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nicht nur seine Wohnung, auch das Innenleben unseres Kolumnisten gleicht mehr und mehr dem eines Tigerkäfigs: karg und langweilig. Zum Glück gibt es freundliche Leser, die Trost spenden.

Genossinnen und Genossen, ich habe einen wegweisenden Entschluss für den Rest meines Lebens gefasst. Obwohl man dieser Tage, Wochen und vielleicht sogar Monate ungestraft gegen das Vermummungsverbot verstoßen und von der Polizei unbehelligt Bankfilialen mit Maske vor dem Gesicht betreten darf, habe ich beschlossen: Ich werde kein Gangster mehr. Ich lasse sämtliche Pläne fallen, Tresore zu leeren, zwecks Kassierung eines üppigen Lösegeldes die Königin von England zu entführen und/oder dicke Goldtaler aus Berliner Museen zu mopsen.

Und nun wollen Sie sicher wissen, warum ich mich schweren Herzens dazu durchgerungen habe, eine ehrliche und untätowierte Haut zu bleiben. Ganz einfach. Ich möchte nicht in den Knast! Denn ich würde durchdrehen. Mir fällt schon jetzt die Decke auf den Kopf. Dabei habe ich keine Gitter vor den Fenstern und mehr Wohnraum als eine gewöhnliche Gefängniszelle. Ich kriege trotzdem zunehmend einen Lagerkoller und laufe, wenn ich nicht gerade Kolumnen oder anderen Unsinn schreibe, wie ein Tiger hin und her in meiner Höhle. Ich trinke literweise Wasser, damit ich viel pinkeln muss, weil der Gang zur Toilette ein wenig Abwechslung in mein tristes Dasein bringt.

Nicht nur meine Bleibe, auch mein Innenleben gleicht mehr und mehr dem eines Tigerkäfigs: karg und langweilig. Wie der Tiger im Zoo weiß ich nicht, wohin mit all der Energie. Mir versteckt niemand mein Essen, damit ich etwas Abwechslung habe. Ich kriege es nicht mal serviert. Immerhin: Ich esse kein rohes Fleisch. Noch nicht. Es dürfte sich nur um Tage handeln, da genieße ich Rindfleisch, wie ich es gekauft habe. Alles egal. Ja, was die Isolation so alles mit und aus einem macht. Ich sehe aus wie der Waldschrat aus einem B-Movie mit geringem Budget. Mein Bart hat inzwischen eine Länge, dass ich darauf warte, dass mich der Sicherheitsmann am Eingang meines Supermarktes mit "Allahu Akbar" begrüßt.

Mit "Faust" gegen "Die Pest"

Als ein Sehrgutmensch ersten Ranges weiß ich selbstverständlich, dass man sich nicht über Muslime lustig machen darf, sonst kriegt man schnell viel zu viele Mails von Mit(un)menschen, die einem die Pest an den Hals wünschen oder - noch schlimmer - gleich das fiese Virus samt Intensivstation mit Drosten-Podcast-Beschallung rund um die Uhr. Ich werde mich also hüten, hier Kritisches über Muslime zu schreiben und im Gegenteil ein Hohelied auf sie singen. Neulich sah ich vor meinem Supermarkt eine ganzkörperverhüllte Muslima und mir wurde klar: Islam ist irgendwie auch Fortschritt. Oder wenigstens Gleichschritt. Während wir über die Maskenpflicht diskutieren, geht die muslimische Frau verhüllt voran, schützt sich und andere vor dem fiesen Virus. Gut so.

Die Hände wasche ich mir weiterhin mehrmals die Stunde. Andere Körperteile vernachlässige ich zunehmend. Schuld an meiner schwächelnden Hygiene-Disziplin - nun werden Sie sehen, auch das Christentum kriegt sein Fett weg - ist Papst Franziskus, nachweislich ein bekennender Katholik. Er hat auf die traditionelle Fußwaschung am Gründonnerstag verzichtet. Kein Wunder, dass die Leute vom Glauben abfallen, wenn sogar Gottes Vertreter auf Erden Füßen die Reinigung verweigert. Ob Jesus so gehandelt hätte? Er hätte gesagt: "Meine lieben Jünger, ich habe Angst vor dem fiesen Virus, seid nicht sauer, ich werde euch nicht die Füße waschen, denn ich möchte gesund zur Kreuzigung schreiten." Finde ich eine gesunde Einstellung. Wobei meine Meinung hier nicht maßgeblich ist, ich bin Atheist.

Ganz schön gemein, solche Späße zu machen. Weiß ich doch. Ich bin mal wieder zu weit gegangen mit meinem Nihilismus. Seelenheil? Angst vor der Hölle? Pfeif drauf. Ich halte mich da eher an Goethes Mephisto. Ich verstehe nicht, warum gerade alle "Die Pest" von Albert Camus lesen. Goethes "Faust" passt doch viel besser in die Zeit des fiesen Virus. Der sympathische Teufel beschrieb sich bekanntermaßen als "ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", als "der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht". Ja, Menschheit, da denke mal drüber nach, was der gute alte Mephisto gemeint haben könnte.

Von Stadtneurotikern und Meisen

Wird nun alles besser? Erleben wir das Aufblühen der Natur und den Anfang vom Ende der Klimakatastrophe? Unter einer Bildunterschrift las ich neulich: "Weil wir uns zurückziehen müssen, trauen sich Tiere aus der ganzen Welt zurück in die Städte." Der Satz war nach meiner Feststellung Blödsinn, hat aber etwas Tröstendes. Ich bin nicht der einzige Journalist, der Blödsinn schreibt. Ich habe es gerne geglaubt, hüllte mich in einen Tarnanzug aus dem Prepper-Shop meines Vertrauens, legte meine Nase-Mund-Schutzmaske an und begab mich mit Fernrohr auf den Balkon in fröhlicher Erwartung des Gewimmels aus Elefanten, Milchkühen, Tigern, Rehen, Füchsen, Schlangen, Kängurus und Nashörnern, Letztere verfolgt von Wilderern, die das Horn im Visier haben, um es an reiche Chinesen zu verkloppen, die es sich auf den Pimmel schmieren, um mehr Standhaftigkeit zu erlangen. Aber es sah in meiner Straße aus wie immer. Nach zwei Tagen Warten zog ich mich ins Innere meiner Wohnung zurück. Lügenpresse!

Immerhin nimmt die Freundlichkeit spürbar zu. Die Menschen gehen aufeinander zu und haben sich lieb. Ein Leser meiner letzten Kolumne, die mit den Blockwarten, schrieb mir, dass ich doch weiter jammern solle und endete mit den aufmunternden Worten. "Viel Spass dabei du Pisser!" Dass Spaß mit ß geschrieben wird und hinter "dabei" ein Komma gehört, habe ich selbstverständlich toleriert. Ein anderer begeisterter Fan meines Geschwurbels mailte mir, es sei "an der Zeit, sich auf den Geisteszustand untersuchen zu lassen". Er meinte mich. Der Empfehlung folge ich gerne, sobald man wieder gefahrlos Arztpraxen betreten kann. Denn was hilft mir ein Attest, eine Meise zu haben, wenn ich nach Verlassen der Psychiatrie am fiesen Virus sterbe? Zählt eine Stadtneurose eigentlich zu den Vorerkrankungen, die neuerdings immer in den Nachrichten genannt werden? "Thomas Schmoll erlag dem Coronavirus. Er litt an einer Vorerkrankung."

Quelle: ntv.de