Leben

In Vino Verena Das Vulva-Shaming des Udo Bönstrup

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Das weibliche Geschlecht wird noch immer tabuisiert und verspottet.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Sind Misogynie, Hatespeech und digitale Gewalt gegen Frauen Satire, die wir stillschweigend hinnehmen sollten? Unsere Kolumnistin sagt Nein, sieht dahinter aber auch ein Geschäftsmodell: Reichweite generieren mit Frauenfeindlichkeit.

"Warum hast du denn keine Fotos drin, Mensch? Das ist immer so bei euch Feministinnen - bei diesen ultra Turbofeministinnen! Weil ihr immer so hässliche ungefickte Speckstücke seid - mit fettiger Kurzhaarfrisur (…). Scheiß im Schneidersitz, trink deinen Kümmeltee und am besten tanzt du noch fürs Klima! In diesem Sinne: Halt dein Maul!"

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Diese knuffige Sprachnachricht ging an die Feministin Franziska Peil aus Bonn, kreativer Kopf hinter dem Instagram-Account catcallsof.bonn. Der Begriff Catcalling steht nicht für Komplimente, sondern für verbale sexuelle Belästigung auf der Straße, die Initiatorin macht vielen Frauen damit Mut, sich zu wehren.

Die Sprachnachricht an die "Ungefickte" stammt von: Gestatten, Udo Bönstrup, 26 Jahre. Der Udo heißt in Wirklichkeit nicht Udo, sondern Hendrik Nitsch. Bei Bönstrup handelt es sich um eine mordsmäßig lustige Satire-Figur, die gern Frauen, die gegen Sexismus, Misogynie und digitale Gewalt im Netz kämpfen, diskreditiert.

Auf seiner Internetseite bezeichnet sich der witzige Udo als: "Dr. h.c der Kreisuni Hinterfotzingen, Online-Gynäkologe und Spezialist für Feedpilz und Influencerausfluss". Liebe Leserinnen und Leser, ich bin wieder einmal in der Zwickmühle. Einerseits triggert es mich, wenn ich frauenverachtende Sprüche lese oder höre, auf der anderen Seite bekomme ich aber auch immer wieder Nachrichten, dass Leute wie ich den Udos dieser Republik ja erst die Aufmerksamkeit geben, indem ich über sie berichte. Man könnte diesen und all die anderen Udos natürlich ignorieren - klar!

Sexismus verkleidet als Satire

Aber wissen Sie, ich habe heute wahnsinnig fettige Haare! Zudem hatte ich seit ungefähr drei Wochen keinen ausgiebigen Sex mehr, ich bin wirklich sowas von "ungefickt und untervögelt", um im ach so satirischen Udo-Slang zu bleiben, dass ich es heute leider nicht stillschweigend schlucken kann (haha, kleiner Wortwitz!), wenn mir Sexismus begegnet, der sich als Satire verkleidet. Denn Satire darf ja vermeintlich alles. Also darf auch ein Udo Frauen aufs Übelste beleidigen und seine Anhängerschaft auf sie hetzen. Dass Nitsch's alter ego Udo Bönstrup tatsächlich glaubt, seine Frauenfeindlichkeit als Satire verbuchen zu können, ist der Witz schlechthin.

Aber von vorn! Warten Sie, ich genehmige mir kurz einen Schluck meines leckeren Kümmeltees. Der sehr fetzige Udo verbrachte vor einiger Zeit einige Wochen im Container von "Promi Big Brother", wo er es geistreich fand, eine Frau "luftzufingern". Denn, wenn Frauen im Sommer im Bikini durch die Gegend tanzen und sich freizügig auf einer Decke rekeln, kann man das ruhig mal machen. Die mögen das, die ollen Weiber! Man wusste in der Show nie: Wer spricht hier? Hendrik oder Udo. Aber eigentlich: Wer spricht hier nicht? Denn Udo aka Hendrik hatte bei "PBB" nicht allzu viel zu sagen. Meist stand oder lag er schweigend in der Gegend, das Gesicht unter einem Basecap versteckt. Später distanzierten sich auch die Moderatoren der Sendung von seinen sexistischen Fehltritten. Udo (Satire hin oder her) ist live weder Satiriker noch Komiker.

Hat Udo Angst vor Frauen?

Wie Sie bestimmt wissen, begleite ich für ntv.de oft illustre Trash-TV-Formate. Ich erkundige mich also über Udochen, denn ich möchte ihn ja primär gut finden und nicht vorverurteilen. Manche behaupten, Udo habe Angst vor Frauen. Aber stimmt das wirklich? Ist Udo nicht einfach nur ein pfiffiger Typ, der gemerkt hat, dass Frauen zu beleidigen bei seinen Homies so gut ankommt, dass man damit prima Reichweite generieren kann?

In unserer Gesellschaft gibt es so viel Sexismus. Und oft ist es leider so, dass Frauen, die darauf aufmerksam machen, als "famegeile, gestörte, hässliche Huren" denunziert werden. Es sind "ungebumste" Frauen wie ich, bei Instagram mit "erschreckend kleiner Reichweite", die laut Udo nur auf den Zug aufspringen, um ein paar Follower abzugreifen und Aufmerksamkeit mit geilem Udo-Content generieren wollen. Der Scherzkeks nennt sie: "Berufsempörte".

Oh, Gott, wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, ich bin "geistig so insolvent", dass ich Sie an dieser Stelle tatsächlich auf den Begriff Vulva-Shaming aufmerksam machen möchte. Frauen, deren Schamlippen sich versehentlich unter ihrer Kleidung abzeichnen, werden beleidigt: "Man sieht dein Cameltoe, ist ja widerlich! Schämst du dich nicht?"

Die Influencerin Franziska Lohberger postete ein mutiges Foto gegen Vulva-Shaming und kommentierte es mit: "Wisst ihr, was ich widerlich finde? Dass Frauen und Mädchen das Gefühl vermittelt bekommen, sich für ihren Körper schämen zu müssen!" Die gehässige Retourkutsche des irrlichternden Scherzbolds: Ein Foto von sich und einer sich unter seiner Hose abzeichnenden Gurke - versehen mit dem Kommentar: "Keine Scham für die Großschwänzler. Wisst ihr, was ICH widerlich finde? Eure belanglosen, künstlichen Probleme, mit denen ihr in irgendeiner Form versucht, Aufmerksamkeit zu erlangen!"

Das "lose Mundwerk" einer "faschistische Nutte"

Belanglos? Künstliche Probleme? Frauen, die anderen Frauen Mut machen, sind nur aufmerksamkeitsgeil? Seit Jahren schreibe ich auch über feministische Themen und kämpfe gegen Hass im Netz. Ich wurde als "faschistische Nutte" beschimpft, weil ich es wagte, Friedrich Merz für seine Sichtweise auf Frauen zu kritisieren. Toxische Männlichkeit ist auch, fremden Frauen im Internet zu drohen, ihnen ihr, "loses Mundwerk zu stopfen". Keine Frage, natürlich wirken derlei hasserfüllte Nachrichten, die im Grunde nichts anderes sind, als eine Form der digitalen Gewalt, einschüchternd.

Ich bin so müde und - wie gesagt - leider seit drei Wochen "ungefickt". Dennoch schreibe ich einfach weiter, dass ich mir wünsche, dass Frauen sich eines Tages nicht mehr für ihr Geschlecht schämen und denken, sie seien zwischen den Beinen "hässlich".

Das weibliche Geschlecht wird nach wie vor in unserer Gesellschaft tabuisiert, diffamiert und belächelt. Es gibt Frauen, die aufgrund ihrer Sozialisierung erstmals in hohem Alter wagten, einen Spiegel zwischen ihre Beine zu halten. Denn über das untenrum spricht man nicht. Inzwischen gibt es, vor allem auch für traumatisierte Frauen, Selbsterfahrungskurse, zu sehen u.a. auf YouTube. Unser Udochen kommentiert den - wie er es nennt - Vulva-Spalten-Guckkurs wie folgt: "Hier kommen fünf bekloppte Frauen, um sich gegenseitig die Fugen anzuschauen. Jetzt hockt die auf dem Stuhl und hält ihre Murmel der Ollen ins Gesicht? (…) haha, die bekannten Fotzlappen (…) Die Alte scheißt auch im Schneidersitz."

Vielleicht weiß Udo das alles nicht

Zugegeben: Das Ganze mutet etwas esoterisch und befremdlich an. Aber ich kenne keinen einzigen Mann, der - besoffen von seinem Ego – sich je so anmaßend geäußert hat. Es gibt Menschen, die als Kinder beschnitten werden. Vor allem Frauen leiden unter der Verstümmelung ihres Geschlechts Höllenqualen. Vielleicht weiß Udo das alles nicht. Vielleicht muss man Udo das sagen. Leider fühlt Udo sich meistens angegriffen, wenn man ihn auf seine Sicht auf Frauen anspricht. Denn Frauen, die wagen, der "lebenden Legende Udo" Paroli zu bieten, sind potthässlich, "ungebumste Speckstücke" (…) und für dessen Follower irgendwelche Ollen mit "Minderwertigkeitskomplexen" (…) ohne "Rückgrat".

Lieber Udo, ich weiß zwar nicht, wo du deine - wie du sie nennst - "Fleischespeitsche" so reinsteckst, aber sei versichert, diejenigen, die dich feiern, sind ebenso "rückgratlose Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen" wie du. Melde dich gern bei mir, wenn du über Vulva-Shaming und digitale Gewalt gegen Frauen reden möchtest.

Und such' dir bitte positive männliche Vorbilder! Es gibt viele fantastische Männer, von denen du viel lernen könntest! Bis dahin, du toller Hecht, ich küsse deine Augen!

Nachtrag:

Liebe Leser und Leserinnen, ich sehe mich aufgrund einiger Reaktionen auf meine Kolumne dazu veranlasst, einen Punkt näher zu betrachten, den ich leider etwas vernachlässigt habe. Dieser Nachtrag soll kein einziges Wort meines Textes revidieren. Dennoch unterschlagen wir in diesen hitzigen Debatten und Kommentaren oft den Kontext. Kontext stört uns oft, wenn es darum geht, unseren Standpunkt zu untermauern. Denn Kontext teilt die Welt nicht in Schwarz und Weiß ein, Kontext beleuchtet alle Facetten eines Problems und rückt die Dinge, das Gesagte und Gemeinte ins richtige Licht.

Die Satire-Figur Udo Bönstrup, die meiner Ansicht nach von der Realperson Hendrik Nitsch nicht eindeutig getrennt scheint, vertritt in höchstem Maße misogyne Ansichten, deren Folge unter anderem Hass im Netz ist – auf beiden Seiten. Darüber hinaus wird Bönstrup seiner Verantwortung und Wirkung in der Öffentlichkeit, die er sich als Kunst-Figur mit Followern selbst auferlegt hat, meiner Meinung nach nicht gerecht. Stichwort: Vorbildfunktion.

Dennoch darf dieser Umstand nicht als Freifahrtschein dafür verstanden werden, nun auch Udo und seine Lieben aus allen Rohren ungezügelt zu beleidigen. Hass und verbale Gewalt erzeugen immer ein entsprechendes Gegengewicht. Selbstverständlich sollen und müssen wir uns empören. Die Frau hat, auch geschichtlich betrachtet, genug einstecken müssen. Wir dürfen uns keinem Von-oben-herab-Gestus unterwerfen. Wir müssen uns jedem noch so kleinen Angriff, der unsere Weiblichkeit in den Dreck zieht und sie zum spöttischen Abschuss freigibt, energisch entgegentreten. Aber auch hier gilt, wenn wir den Konflikt lösen und nicht nur noch weiter befeuern wollen, das richtige Maß!

Das bedeutet, dass man auf keinen Fall unbeteiligte Personen in diese Debatten mit hineinzieht. Auf Udo Bönstrup zu reagieren, indem man seine Mutter und Familie erwähnt oder beleidigt, kann nicht als angemessene Reaktion betrachtet werden. Emotionen spielen immer eine Rolle. Wie reagieren wir auf Kränkungen und Beschimpfungen? Diese Frage gilt uns allen.

Mir wurde z. B. aufgrund dieser Kolumne geschrieben, dass es besser für mich wäre, "nie geboren worden zu sein" und das ich der "Abschaum der Gesellschaft" wäre. Das tut erstmal weh, ja. Aber ich muss Udo deswegen nicht schreiben, dass seine Mutter "vergewaltigt" werden und man ihm den "Schwanz abschneiden" soll. Dass Udo hier dann als Hendrik reagiert und unter der Gürtellinie zurückschießt, ist genau die Absicht solcher Angriffe und der Sache nicht im Geringsten dienlich.

Udo will sich als Satiriker verstanden wissen. Okay. Finde ich seine Satire gelungen? Nein! Bin ich der Meinung, dass man ihn deswegen und wegen seinen Sprüche ohne Rücksicht auf unser soziales Miteinander angehen darf? Ebenfalls nein.

Letzten Endes wollen wir als Gemeinschaft einen Weg finden, zusammenzuleben. Ich habe letztens einen Film gesehen, indem jemand sagte: "Was wir tun und sagen, macht uns zu dem, wer wir sind. Wir können jeden Tag etwas Gutes oder etwas Schlechtes in die Welt hinaustragen. Die Entscheidung liegt bei uns".

Ich verstehe die Wut, die Udo Bönstrups Kommentare in einem auslösen, aber ich versuche auch, ihn zu verstehen. Udo ich reiche dir vorsichtig die Hand.

Quelle: ntv.de