Leben

In Vino Verena "Die Jugend ist von Grund auf verdorben"

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Von Aristoteles bis Sokrates: Seit jeher wird über die Jugend gemotzt.

(Foto: imago images / Future Image)

Schon immer schimpften die Alten über die Jungen. Keine Generation sei so maßlos wie die aktuelle. Wolfgang Schäuble findet: Jugendliche bräuchten Widerstand - vor allem in der Klimapolitik. Unsere Kolumnistin im Zwiegespräch mit ihrem 16-jährigen Ich.

In den sozialen Medien gibt es eine beliebte Kategorie, die lautet: "Was würde dein 16-jähriges Ich heute machen?" Oder das 18-Jährige. Ich frage mich das in letzter Zeit tatsächlich öfter und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich darauf eine Antwort. Ob ich mich wohl auch intensiv für die Umwelt einsetzen und auf den Straßen für eine klimafreundliche Welt demonstrieren würde? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie die Jugend tickt, vermutlich wie die Erwachsenen auch, vollkommen verschieden und durcheinander.

Neulich, das muss ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser an diesem schönen Wochenende der Bundestagswahl unbedingt erzählen, hatte ich meine zweite Impfung. Ich kam gerade aus der Arztpraxis heraus, schaute in den Himmel, an dem sich ein paar Kondensstreifen entlang schlängelten, über die so manche behaupten, sie seien zurückzuführen auf von Bill Gates verschickten Impf-Sprühnebel, da beobachtete ich Folgendes: Auf der gegenüberliegenden Straße, an die ein kleiner Park grenzt, machten etwa zehn bis 15 Jugendliche gerade eine Art Frühstückspause. Sie tranken aus Dosen, jedoch nicht aus der gewöhnlichen, eigens dafür vorgesehenen Dosen-Öffnung, sondern aus einem Loch an der Seite. Ich hab's nicht ganz gerafft, aber durch das sogenannte Dosenstechen kann man wohl schneller trinken - vor allem Dosenbier.

Sie lachten und tranken und aßen Sandwiches, die sie aus ihren Plaste-Verpackungen rissen. Anschließend pfefferten sie alles, wirklich alles, in den Park hinein. In hohem Bogen flogen die leeren Dosen, Verpackungen und sogar die Masken zwischen die Bäume und Sträucher. Ich fand diese Szene vor dem Hintergrund, dass direkt hinter ihnen an Laternen Plakate für die Grünen hingen, im ersten Moment surreal - nach längerem Nachdenken aber irgendwie auch unserem Zeitgeist entsprechend.

Die Jugend von heute (…) hat schlechte Manieren

Ich ertappte mich dabei, wie ich herablassend mit dem Kopf schüttelte, genau so, wie mein Opa das immer gemacht hatte, wenn er über "die Jugend von heute" schnauzte - frei nach Sokrates, der vor mehr als zweitausend Jahren gesagt haben soll: "Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."

Noch steiler am Start war Aristoteles, der meinte, wenn er "die junge Generation anschaue", verzweifle er "an der Zukunft der Zivilisation". Etwa 1000 v. Chr. soll auf einer babylonischen Tontafel zu lesen gewesen sein: "Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse (...) und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher."

Bis heute hat sich nichts daran geändert, dass "die Jugend von heute" die Alten bewegt. Aktuelles Beispiel: In einem Interview dieser Tage sagte CDU-Fossil Wolfgang Schäuble, Jugendliche bräuchten Widerstand, vor allem in der Klimapolitik: "Die Jungen brauchen auch Widerspruch. Wenn wir den Jungen immer sagen, ihr habt recht, das ist überhaupt nicht so! Junge brauchen auch ein Stück weit Widerstand."

Mein 16-jähriges Ich hätte sich vermutlich nie vorstellen können, mal etwas über die Jugend von heute zu schreiben, und ich erinnere mich noch genau, wie ich mich über meinen Opa jedes Mal ärgerte, wenn er wieder sein Klagelied auf die freche Jugend sang und dachte: 'Opa, du hast von der Jugend überhaupt keine Ahnung!' Und jetzt ertappe ich mich selbst dabei, wie ich auch schon mal über die egoistische, saufende, konsumsüchtige Jugend flöte, und kann mich dafür - offen gestanden - überhaupt nicht leiden. Hilfe, ich bin schlimmer als Opa!

Was Menschen brauchen

Neulich meinte die Tochter einer Freundin, sie brauche "dringend" mal wieder neue Klamotten. Der Reißverschluss ihrer Trainingsjacke sei kaputt, ein neues Handy sei auch längst überfällig, schließlich sei ihr iPhone 7 "von gestern". Anschließend stritt ich mich fast mit ihrer Mutter, als es um das Taschengeld der Tochter ging und darüber, was Menschen "brauchen". Da merkte ich, dass ich inzwischen vermutlich selbst "von gestern" bin.

Mein Rechner ist elf Jahre alt, aber er läuft prima. Meine Glotze hat nicht dieses 4K-Dingsbums und ich habe neulich meinen kaputten Toaster selber repariert. Up- bzw. Recycling ist inzwischen ein ganz eigener Lebensstil und aktuell schwer en vogue - zumindest sagt YouTube das. Aber im Grunde war dieser Lebensstil bei uns zu Hause, damals, in diesem Land, das es heute nicht mehr gibt, gang und gäbe. Natürlich lag das auch daran, weil wir nicht sonderlich viel Kohle und Waren hatten und deswegen - um es mit Omas Worten zu sagen - gezwungen waren, "aus Scheiße Gold zu machen". Wir nähten Klamotten um, besserten sie aus und auf und sogar Zeitungen wanderten erst durchs ganze Dorf, ehe am nächsten Tag der Fisch darin eingewickelt wurde. In der Schule lernte ich: Essen wirft man nicht weg, in anderen Ländern herrscht Hunger.

Fakt ist, mein 16-jähriges Ich fühlte sich damals sehr oft allein, missverstanden und verloren. Und wenn es heute wieder über mich kommt, dass ich "über die Jugend" mit dem Kopf schüttele, versuche ich mir folgende Erinnerung vor mein inneres Auge zu führen - eine Erfahrung, die viele Jugendliche damals wie heute eint. Meine erste Ausbildung. Es war eine einzige Katastrophe. "Wir legen dir nahe, den Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen", hatte die Ausbilderin zu mir gesagt. "Du bist nichts und du kannst nichts und du wirst in der Gosse landen."

16-jähriges Ich in ungebügelter Bluse

Die Ausbildung war über 800 Kilometer von meinem Zuhause entfernt, ich war - wie gesagt - 16 Jahre alt und musste meist zwölf Stunden am Tag arbeiten. Natürlich die reinste Ausbeutung. Anfangs dachte ich, das muss so sein. Also hielt ich es aus, wenn die Chefin mich herunterputzte, weil ich keine akkurat gebügelte Bluse trug oder mein Haar vom Stress zersaust war.

Ich rebellierte früh und fand nach der ersten Ohnmacht manchmal Widerworte, wenn die Chefin wieder versuchte, mich kleinzumachen, weil ich beispielsweise aus dem Osten kam, vom Stress die Akne blühte oder meine Strumpfhose Laufmaschen hatte. Übrigens: Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass dieses Ossi-Wessi-Ding auch heute noch ein Thema ist, ich hätte es nicht geglaubt. Können wir 31 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht mal damit aufhören: "neue Bundesländer" zu sagen? Man sagt ja nach 31 Jahren auch nicht: "meine neue Freundin".

Aber zurück zu meinem 16-jährigen Ich: Mein 16-jähriges Ich verdiente so wenig Geld, dass ich mir nicht einmal ein Ticket leisten konnte, um nach Hause zu fahren. Die ersten Stunden meines 18. Geburtstages verbrachte ich in einem Bahnhofskino in Frankfurt am Main, weil ich den Anschlusszug in die Heimat verpasst hatte. Ich fror schrecklich. Es war fast Winter und mitten in der Nacht. Die Läden hatten schon geschlossen. Also bin ich in das erstbeste Kino, in dem gerade irgendein Schmuddel-Film lief. Ich fand das absurd und gleichzeitig irgendwie witzig.

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Denn während die Leute auf der Leinwand so taten, als würden sie sich lieben, dachte ich über mein Leben nach und darüber, wer ich war und wer ich sein wollte. Und wer ich sein wollte, war niemand, der von einem Menschen in Machtposition rundgemacht wurde! Kurz darauf kündigte ich und die Frau, die nun nicht mehr meine Chefin war, schrie mir hinterher, dass ich es als "dummes Ostmädchen" niemals zu etwas bringen würde. Und so drehte ich mich um, blickte bis jetzt lange nicht zurück - und wurde die Frau, die ich nun bin.

Eine Frau, die zu gern wissen würde, was ihr 16- oder 18-jähriges Ich heute alles gemacht oder nicht gemacht hätte. Protestiert? Die Welt verbessert, mich für das Klima engagiert? Meine Melancholie stand stets dem Gefühl im Wege, mich zu fühlen, als könnte ich Bäume ausreißen. Aber vielleicht würde mein 16-jähriges Ich heute helfen, welche zu pflanzen. Ich würde es mir wünschen. Doch mein erwachsendes Ich würde gern zurückreisen in die Zeit von Aristoteles und Sokrates, um mit ihnen einen zu heben und ihnen zu sagen: "Diggis, Vertrauen! Die Jugend wird das Kind schon schaukeln."

Quelle: ntv.de

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