Leben

Das Salz des Internets Die schöne neue Welt der Videokonferenzen

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Videochats sind in Zeiten von Corona unumgänglich - doch nicht jeder ist ein Fan.

(Foto: picture alliance/dpa)

Unsere Autorin hat nach Jahren ihre Webcam wiedergefunden und ist trotzdem kein großer Fan von ihr. Obwohl sie nun notwendig ist, hat diese "neue" Art der digitalen Kommunikation nämlich nicht nur Vorteile.

Noch ganz im Geiste des Osterfests habe ich in der vergangenen Zeit etwas gesucht und es auch wiedergefunden. Das hatte aber rein gar nichts mit dem Osterhasen und seinen unter mysteriösen Umständen versteckten Schoko-Eiern zu tun. Leider, möchte ich hier noch hinzufügen, denn über Schokolade hätte ich mich irgendwie mehr gefreut. Nein, jetzt mal im Ernst: Was ich wiederentdeckt habe, ist meine Webcam. Die kleine Kamera an meinem Laptop, die man sogar sehr leicht übersehen kann, weil sie so winzig und dezent ist, wenn nicht gerade ihr kleines grünes Licht leuchtet.

Lange hatte das Ding an meinem Laptop eine Schattenexistenz geführt. Als vorbildliches Mitglied der Generation Internet hatte ich das gute Stück über Jahre hinweg schon nicht mal mehr zu Gesicht bekommen. Ich kann sogar noch genau sagen, wann ich das letzte Mal in die kleine schwarze Linse über meinem Bildschirm geguckt habe. Im Jahr 2014 hatte ich nämlich eine Dokumentation über Edward Snowden und seine Odyssee nach Russland gesehen. Danach dachte ich mir: Ne, nicht mit mir, Freunde! Feierabend. Und klebte sofort meine Webcam mit hübschem, undurchsichtigem Klebeband ab. Damals noch, weil ich nicht wollte, dass dubiose Hacker, wie sie vager kaum heißen konnten, im Schutze der Anonymität meine Kamera übernahmen und mich heimlich beobachteten. Na gut, vielleicht habe ich damals ein bisschen übertrieben, denn viel Spannendes passiert wirklich nicht vor meinem digitalen Endgerät, aber vermisst habe ich die Webcam trotzdem nicht, wenn ich ehrlich bin. Ganz im Gegenteil: Ich fühlte mich sogar, als hätte ich es ihm gezeigt, diesem Überwachungsstaat.

Inzwischen haben die Zeiten sich massiv geändert und, um andere vor dem Coronavirus zu schützen, bleiben wir, sofern das auch machbar ist, schön mit unseren vier Buchstaben zu Hause und warten ab, bis die Entwarnung von ganz oben kommt. In der Zwischenzeit suchen wir auch alle danach, wo genau am PC oder in welcher verkramten Schublade nochmal genau die blöde Kamera war, denn die wird jetzt dringend gebraucht. Im Homeoffice geht nämlich erschreckend wenig, ohne nicht mindestens eine Videokonferenz mit Kollegen und Vorgesetzten am Tag. Digitalisierung, Baby! Da wird die Linse schön abgestaubt und poliert, was das Zeug hält. Schließlich versuchen wir ja alle noch das letzte bisschen Kontrolle über das Bild, was wir nach außen vermitteln, zu behalten.

Der Blick hinter die Fassade

Auch bei mir war es jetzt so weit: Mir und meiner Webcam ging’s ans Klebeband. Nach Jahren der einvernehmlichen Funkstille, mussten meine Kamera und ich jetzt so schnell wie möglich wieder zusammenfinden, denn eine wichtige Videokonferenz stand an. Pflaster soll man ja bekanntermaßen schnell abziehen, dann tut es auch nur kurz weh, aber leider musste ich in einer nervenaufreibend langen Prozedur das jahrealte Klebeband abfummeln, um die Kamera nicht noch undurchsichtiger zu machen als sie eh schon ist. Wenigstens hatte ich dabei genug Zeit, mir über das Thema Datenschutz Gedanken zu machen und darüber, dass - wie der alte Brecht sagen würde - das Fressen immer vor der Moral kommt. Harte Zeiten erfordern also außergewöhnliche Maßnahmen, oder so.

Egal ob Zoom, Discord, Google Hang Out oder gar der Rentner unter den Videochat-Programmen: Skype. Sie alle vereint eins: Anscheinend reicht eine Telefonkonferenz nicht aus. Lieber schalten wir uns alle aus unseren unordentlichen Wohnzimmern zusammen, um den jeweils anderen zu zeigen, dass wir noch klarkommen mit unserem Leben zwischen Hausaufgaben, Masken schneidern und Mittagessen kochen.

Die ganz Professionellen unter den Videokonferenzlern kennen natürlich die Tricks und Kniffe der digitalen Welt. Sie lassen, wie aus Zauberhand, die traurige Realität und das Chaos ihres Wohnzimmers mit einem digital generierten Hintergrund verschwinden. Mit einem Mausklick sitzen sie dann vor einer riesigen Bücherwand oder gar an einem tropischen Strand samt Palme und azurblauem Meer. Der gewiefte Videokonferenz-Teilnehmer weiß natürlich gleich, dass damit nur die Kinder verborgen werden sollen, die gerade im Hintergrund die Tapete mit Wachsmalstiften verschönern wollen. Und der einzige Hinweis darauf, dass die Katze grade mit brennendem Schwanz durch das Arbeitszimmer rennt, weil der Ehepartner mal wieder vergessen hat nach dem Frühstück die Teelichter auszublasen, ist ein aufgeregtes Schnauben in das an den Computer angeschlossene Mikrofon und ein nervöser Blick zur Seite. Aber Hauptsache die Fassade steht und die Kollegen bekommen keinen Wind davon, dass alle zu Hause erschreckenderweise Privatmenschen sind. Mit ganz normalen Privatmenschenproblemen.

Eine Frage der Nachsicht

Damit allen das Gefühl vermittelt wird, dass in dieser großen, einzigartigen Ausnahmesituation auch nur ein klitzekleines bisschen Normalität steckt, wird der Arbeitsalltag aufrechterhalten. Klar ist hier der Wunsch des Menschen nach Verbindungen, egal welcher Art, stark zu spüren. Nach einem Monat Selbstisolation freut man sich sogar über das ausdrucksloseste Kollegen-Gesicht. Das ist völlig okay. Dafür muss man sich nicht schämen.

Auch völlig okay ist, nicht so tun zu müssen, als hätte man alles unter Kontrolle. Das mag vielleicht im Arbeitsumfeld der Fall sein, aber eine unkontrollierbare Lage wie diese, in der wir alle gemeinsam stecken, ist einfach das: ein Ausnahmezustand. Da zeigt man sich auch in der Videokonferenz mal als Mensch und nicht nur als Kollege. Somit finde ich es auch völlig okay, dass ich während meiner Schalte neulich alles dreimal sagen musste, weil der kleine Sohn meiner Kollegin sie ständig an den Haaren aus dem Bild gezogen hat und zeitgleich in einem anderen Fenster ungefähr drei Minuten lang eine schnüffelnde, nasse Hundeschnauze in Großaufnahme zu sehen war. Das ist jetzt eben unser Leben, und wenn wir nicht ständig versuchen würden Unkontrollierbares zu kontrollieren, hätten wir auch mehr Zeit zum Mittagessen kochen.

Aktionismus ist toll, gerade, wenn er einem das Gefühl gibt, etwas zu tun zu haben, was auch noch einen Nutzen hat. Aber noch besser finde ich, wenn man nachsichtig mit sich selbst und anderen sein kann. Dann hat man nämlich nicht nur weniger Stress, sondern kann auch noch länger schlafen, weil man sich vor der nächsten Videoschalte nicht noch extra schminken muss, damit man für die Kollegen frisch aussieht wie der Morgentau. Das schafft meine Webcam eh nicht, da ist die Qualität einfach zu schlecht. Selbstoptimierung ist nichts für eine geringe Bildauflösung. Ich bin ja froh, dass sie überhaupt noch geht. Hoffe aber trotzdem, dass ich sie bald wieder verabschieden kann. Ich werde nämlich den Verdacht nicht los, dass für einen Großteil aller Videokonferenzen auch eine E-Mail gereicht hätte.

Quelle: ntv.de