Leben

Soziales, kreatives Konzept Eine Herberge in Rom teilt nicht nur das Glück

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In Rom haben Chiara und Lorenzo Busi einen Palazzo in ein etwas anderen Hostel verwandelt.

(Foto: Andrea Affaticati)

Ein Geschwisterpaar betreibt in einem Palazzo in Rom ein Hostel, dessen Ziel nicht der Profit ist. Es geht um Umverteilung, Inklusion und Nachhaltigkeit. Schon ein Blick in den Kühlschrank zeigt, wie das Konzept funktioniert.

Keine 15 Minuten zu Fuß vom Bahnhof Termini in Rom entfernt befindet sich die Herberge TheRomeHello. Es ist eine Herberge im herkömmlichen Sinn und doch ganz anders. In der großen, mit Handmalereien ausgestatteten Eintrittshalle steht "All you need is lol". An der Rezeption empfängt eine weitere Neonschrift den Gast mit folgenden Worten (im Original auf Englisch): "Mögen alle jene, die als Gast hier eintreten, als Freunde scheiden." Ein Wunsch, der gar nicht so schwer in Erfüllungen gehen kann. Denn die zwei Menschen, die hinter diesem Hostel stecken, haben sich richtig ins Zeug gelegt. Und das nicht nur bei der Ausstattung und Inneneinrichtung - hell, luftig, bunt und bis ins letzte Detail durchdacht.

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Chiara Busi ist die Kreative im Team.

(Foto: Andrea Affaticati)

Die zwei sind Chiara und Lorenzo Busi. "Unser Vater ist Hotelier, er hat Vier-Sterne-Hotels in Rom, Florenz und Mailand", erzählt Chiara ntv.de. Sie ist 28 Jahre alt und hat Kunst und Literatur studiert. Ihr ein Jahr jüngerer Bruder Lorenzo, der bei dem Treffen wegen einer Corona-Infektion nicht anwesend ist, studierte Ökonomie an der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi. 2018 haben sie zusammen die Herberge eröffnet.

Die Geschwister hatten eigentlich nicht vor, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Doch bei einem gemeinsamen Abendessen erzählte er ihnen von der Ausschreibung für einen Palazzo und fragte sie, ob sie sich vorstellen könnten, etwas daraus zu machen. Warum nicht?, antworteten die beiden, stellten aber gleich zwei Bedingungen. Es sollte auf keinen Fall ein Vier-Sterne-Hotel sein, sondern eins für junge Leute und Globetrotter gleich welchen Alters. Und als Geschäftsmodell wollten sie ein Sozialunternehmen. Will heißen: Das, was verdient wird, kommt entweder Hilfsorganisationen zugute oder wird in ein anderes Sozialunternehmen investiert. Außerdem werden in einem Sozialunternehmen mehr Menschen mit Behinderung angestellt.

Teilen als Leitfaden

Chiara und ihr Bruder Lorenzo waren als Kinder bei den Pfadfindern und danach immer wieder in Hilfsorganisationen tätig. Das hat sie geprägt. "Wir sind der Meinung, dass man sein Glück teilen muss", fährt Chiara fort. "Und da wir das Glück haben, dass uns unser Vater finanziell den Rücken freihält, denn ohne seine Unterstützung gäbe es das TheRomeHello nicht, sollen auch andere davon was haben."

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Viele der Wände wurden von Künstlerinnen und Künstlern verschönert.

(Foto: TheRomeHello)

Dieses Konzept des Teilens zieht sich bildlich wie ein Leitfaden durch das ganze Gebäude. Die Wandmalereien zum Beispiel, auf die man im ganzen Hostel immer wieder stößt, sind von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt, die hier gratis Unterkunft und Verkostung bekamen. Sie erhielten dafür auch ein Honorar von 1000 bis 1500 Euro, das sie wiederum an eine Hilfsorganisation ihrer Wahl spendeten, so lautete die Abmachung mit Chiara und Lorenzo.

Die Herberge hat vier Stockwerke. Im Erdgeschoss - und somit behindertengerecht - sowie im ersten und zweiten Stock befinden sich die Schlafsäle mit vier, sechs oder zehn Betten. Jeder Schlafsaal hat ein oder mehrere Badezimmer. Der Schlafsaal mit zehn Betten verfügt über gleich vier Badezimmer. In den letzten zwei Stockwerken befinden sich Doppelzimmer, wie die eines Hotels.

"Pending Dinner" auf Spendenbasis

"Teilen gehört zu unserer Philosophie, genauso wie Inklusion", erzählt Chiara. Und da Inklusion durch gemeinsame Tätigkeiten gefördert wird, gibt es jeden Tag etwas, woran man teilnehmen kann. Für die Organisation ist Chiara zuständig - "denn ich bin die Kreative im Bund". Ihr Bruder übernimmt hingegen mehr Manageraufgaben und kennt sich mit Zahlen aus.

Im Aufenthaltsraum hängt ein bunter Wochenplan, der zeigt, was am späten Nachmittag und vor allem am Abend ansteht. Einmal ist es die "Cooking Class", ein anderes Mal die "Karaoke Night" und am Tag darauf eine "Movie Night". Es gibt auch Tischtennis- und Kicker-Turniere. Die finden im großen, mit bunten Tischen, Stühlen und Sofas ausgestatteten Innenhof statt.

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Auch beim Thema Lebensmittel haben die Geschwister ein soziales Konzept entwickelt.

(Foto: TheRomeHello)

Zu den Highlights der Gesellschaftlichkeit zählt das "Community Pending Dinner", das zweimal in der Woche, am Mittwoch und Samstag, organisiert wird. "Abgeleitet hab ich die Idee von der neapolitanischen Tradition des 'Caffè sospeso'", erklärt Chiara. "In Neapel hinterlassen die Kunden im Café oft einen bezahlten Espresso, der für diejenigen ist, die sich keinen leisten können." Das "Community Pending Dinner" ist gratis und am Ende des Abends hinterlässt jeder, je nach Größe des Geldbeutels, eine Spende. Mit diesem Geld wird dann für das nächste Abendessen eingekauft.

Vom großen, hellen Gemeinschaftssaal, in dem man lesen, arbeiten und auch etwas ausdrucken kann, kommt man in die Küche. Dort gibt es sechs, für alle frei nutzbare Kochplatten und drei Kühlschränke. In zweien davon können die Gäste ihre Lebensmittel aufbewahren. Sie schreiben ihren Namen und das Datum ihrer Abreise darauf. Jeden Tag wird der Inhalt kontrolliert. Wenn dann noch etwas von einem Gast, der schon ausgescheckt hat, im Kühlschrank liegt und verwertbar ist, kommt es in den dritten, auf dem "Free food" steht.

"Das hat mehrere Vorteile", erklärt Chiara. "Zum einen werfen wir kein Essen weg. Zum anderen kann sich jemand, der spät ankommt, noch schnell eine Pasta machen. Er muss also nicht noch einmal ausgehen und spart Geld. Was von denjenigen, die mit einem beschränkten Budget reisen, besonders geschätzt wird."

Seifen für den guten Zweck

Der dritte Pfeiler, auf dem das TheRomeHello fußt, heißt Nachhaltigkeit. "Wir benutzen nicht nur ökologische Waschmittel", sagt Chiara und zeigt auf einen Riesenbehälter unter dem Treppenhaus. Darin sind unzählige kleine Seifen, die die Gäste hinterlassen haben. "Wir sammeln sie und geben sie an eine Hilfsorganisation weiter, die sie verarbeitet."

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Was die Preise des Hostels betrifft, kommt es auf die Saison an. Sie gehen von 20 Euro aufwärts, können in der Hochsaison aber auch 60 bis 80 Euro für ein Bett erreichen. Was nicht ohne ist. Aber das ist Rom. Wobei vielleicht nicht jeder weiß, dass der August für die Hauptstadt nicht Hochsaison ist. "Da fahren ja die meisten ans Meer", so Chiara.

Sie und ihr Bruder sind mit dem TheRomeHello mehr als zufrieden und denken darüber nach, auch in Florenz und Mailand solch eine Herberge zu eröffnen. "Und freilich wäre es schön, wenn auch andere Hotelketten oder Hostels mit unserem Geschäftsmodell eröffnen würden", fügt Chiara zum Abschluss hinzu.

Weitere Informationen zum TheRomeHello gibt es hier.

Quelle: ntv.de

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