Leben

Der Denglische Patient English made in GDR

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In den Intershops in der DDR gab es westliche Waren für westliche, also harte Währung.

(Foto: imago stock&people)

"Broiler", "Rowdys" und Devisen bringende "Intershops" - allein diese Wörter zeigen, dass es auch in der DDR eine Schwäche für die englische Sprache gab. Unser Kolumnist meint, dass sie den Mauerfall begünstigt haben könnte.

"Wie gut sind Ihre Englischkenntnisse?", will Walter Schweppenstette in der ersten Episode der preisgekrönten Agentenserie "Deutschland 83" wissen. Der Mann ist General in der HVA, also der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, die Zentrale des Geheimdienstes der DDR. Seine Frage gilt dem jungen Grenzsoldaten Martin Rauch, der antwortet: "Wie mein Russisch. Englisch war Teil meiner Ausbildung zum Funker."

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Der Produzent Nico Hofmann und die Schöpfer der RTL-Serie "Deutschland 83", Anne und Jörg Winger (v.l.).

(Foto: picture alliance / Chris Melzer/)

Diese Antwort ist erforderlich, damit die Geschichte überhaupt erst beginnen kann: Rauch alias "Kolibri" wird in der Fiktion von 1983 das tun, was Rainer Rupp alias "Topas" in der Wirklichkeit von 1983 im Brüsseler Hauptquartier der Nato tat: Telefonate abhören, Gespräche protokollieren und Geheimpapiere fotografieren - und das meiste davon wie selbstverständlich in englischer Sprache. In welcher sonst? Englisch war schon damals die Verkehrssprache zwischen den USA und ihren Verbündeten. Und selbst wenn die USA in Zukunft wirklich aus dem Bündnis aussteigen, wie es seit der Präsidentschaft Donald Trumps gelegentlich diskutiert worden ist - mit Sicherheit würde Englisch die Lingua Franca der internationalen Zusammenarbeit bleiben.

Seitdem ich die Fernsehserie "Deutschland 83/86/89" gesehen habe, kreist ein Gedanke durch meinen Kopf, über den ich früher nicht nachgedacht habe: Mussten sich die Kader der DDR im letzten Jahrzehnt vor dem Mauerfall vielleicht viel weniger am ökonomischen Erpressungspotenzial des Kapitalismus und am Lockruf vom "freien Westen" abarbeiten als vielmehr an der praktischen und völkerverbindenden Kraft der englischen Sprache?

Bedeutete die Antwort eines 22-Jährigen "so gut wie mein Russisch" nicht in Wahrheit, dass eine Verdrängung begonnen hatte und dass Englisch auch in der DDR im Begriff war, erste Fremdsprache zu werden? Der real existierende Sprachalltag legte davon Zeugnis ab. Nicht, dass sich den Menschen viele Gelegenheiten boten, Englisch mit anderen zu sprechen. Daran konnte auch das Schulfernsehen mit 52 Episoden "English for you" nichts ändern, die seit 1966 im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurden. Keine Frage: DDR-Bürger, die Englisch fließend sprechen konnten, waren auf irgendeine Weise privilegiert.

Sprache des Klassenfeindes

Zugleich gab es ein DDR-typisches Kauderwelsch mit englischen Begriffen, die jeder kannte, während sie niemand im Westen Deutschlands verwendet hätte. Zum Beispiel der berühmte "Broiler" - ein Wortimport aus den USA, das die osteuropäische Gegenzüchtung zum goldbraunen Hähnchen im Westen bezeichnete. Ähnlich berühmt und hundertprozentig "made in GDR" waren "Intershops" und "Multicars".

Auf der anderen Seite verblüffen die Schilderungen des Sprachwissenschaftlers Helmut Langener. In seinem 1986 erschienenen Aufsatz "Angloamerikanismen im Sprachgebrauch der DDR" berichtet er über eine große Menge und Vielfalt englischer Ausdrücke, die er seit 1979 alleine in Zeitungen gefunden hatte. Sie lassen nicht darauf schließen, dass Englisch als Sprache des Klassenfeindes stigmatisiert war und dass sich Menschen, die sie in den Mund nahmen, verdächtig machten. Als wäre man im Westen, war von "Managern" und "Meetings", von "Jobs" und "Workshops", von "Rock" und "Pop", von "Surfbrettern" und "Hobbys", von der "City", von "Storys" und von "Shows", von "After Shave", "Make Up" und "Styling", von "Understatement", "Science Fiction" und immer wieder von "Fans", "Hits" und "Camping" die Rede.

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Best way to stay: Hostel in Berlin-Hohenschönhausen, in der Nähe des ehemaligen Stasigefängnisses.

(Foto: imago images/Jürgen Ritter)

Und obwohl die Firmen und Wirtschaftszweige der DDR nicht in den Himmel wuchsen, gab es doch den anderen, überraschenden "Boom" der englischen Begriffe. Dagegen stand ein anfangs noch sehr mächtiger Machtapparat, der in "Deutschland 83/86/89" aus unterschiedlichen Blickwinkeln dargestellt worden ist. Er führte einen intellektuellen und den zugleich letzten Kampf der DDR. Schließlich war man nicht mit feindlichen Truppen konfrontiert. Kaum mit Spionen in den eigenen Reihen. Und schon gar nicht mit Nuklearsprengköpfen über den Städten. Die Feinde waren Wörter, Slogans und ganze Texte - und diese nicht selten in englischer Sprache. Es war der Kalte Krieg, der auf der Bedeutungsebene geführt wurde. Die Definitionshoheit lag dabei in den letzten Jahren im Westen, der automatisch die Sprache wählen konnte. Berühmt sind etwa die Worte von US-Präsident Ronald Reagan, der 1983 gegen die Sowjetunion und ihre Satelliten als "Evil Empire" wetterte. In Anlehnung an die wahre Geschichte bildet Reagans Rede die Urprovokation des verfilmten Dramas. Zugleich unterstreicht sie die Voraussetzung: die permanente sprachliche Alarmbereitschaft auf der Seite der Bösen.

Syntax Error

Zum Beispiel über einen Nato-Bericht. "Credible Deterrence - wie würden Sie das übersetzen?", fragt Schweppenstette seinen Adlatus Fritz Hartmann, als sie beide endlich vor den entschlüsselten Seiten sitzen. Kolibri hatte den Bericht auf einer "Floppy Disc" geliefert - ein Speichermedium, das noch niemand in der Stasizentrale gesehen hat. "Soll ich mir das Ding in den Arsch stecken?", fragt Schweppenstette verzweifelt in die Runde. "Stecken Sie es in einen 'Personal Computer' - das ist die Zukunft", kontert seine Agentin aus der Ständigen Vertretung in Bonn.

Dass jene Floppy Disc von einem IBM-Rechner aus den USA chiffriert und wieder dechiffriert wurde und dass das System nur auf englischsprachige Befehle reagiert, ist der Vorbote eines Wandels, der sich schon wenige Jahre nach 1989 in unserem Alltag bemerkbar machte. Er hat die Selbstverständlichkeit des digitalen Lebensgefühls mit sich gebracht. Es trägt heute Namen wie "Amazon", "Apple", "Facebook", "Google" oder "Tesla". Fritz im Film, der sich bis 1989 als besonders empfänglich für dieses Lebensgefühl entpuppen sollte und der zu einem Jünger Steve Jobs' mutiert, kann die illegale Lieferung des teuren US-amerikanischen Computers an die HVA nicht unkommentiert lassen und sagt: "Das ist echt cool." "Sagen Sie nicht cool!", befiehlt ihm der Vorgesetzte Schweppenstette. "Ok." "Sagen Sie auch nicht ok!"

Recht vielbedeutend erscheint danach auf dem Bildschirm des Rechners "Syntax Error". An diese Warnung darf man sich erinnert fühlen, wenn Schweppenstette seine eigenen Englischkenntnisse hervorkramt und versucht, selbständig englische Sätze zu bilden. Zum Beispiel "It's middle-night." Für: "Es ist mitten in der Nacht".

Apropos Dunkelheit: Der "Rowdy" war der dunkelste englische Begriff, der in der DDR eine politische Karriere gemacht hat. Mit dem Paragrafen 215 hatte das "Rowdytum" 1968 ganz offiziell Eingang ins Strafgesetzbuch der DDR gefunden. Dort hieß es: "Wer sich an einer Gruppe beteiligt, die aus Missachtung der öffentlichen Ordnung oder der Regeln des sozialistischen Gemeinschaftslebens Gewalttätigkeiten, Drohungen oder grobe Belästigungen gegenüber Personen oder böswillige Beschädigungen von Sachen oder Einrichtungen begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Haftstrafe bestraft."

Wie leicht der Rowdy bis zum Schluss gegen rechtschaffene Menschen benutzt werden konnte, zeigte ein Urteil des Kreisgerichts Potsdam, das am 17. Januar 1989 fiel. Das Gericht hatte einen Mann zu 16 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, weil er an einer Hauswand die Zeile "Wir wollen ausreisen. Man lässt uns nicht" plakatiert hatte.

Wir sollten deshalb nicht vergessen, was die Menschen in Leipzig am 9. Oktober 1989 lautstark riefen, um sich gegen ihre Diffamierung und Vorverurteilung durch offizielle Stellen zu wehren: "Wir sind keine Rowdys!" Es war ein wichtiger Moment der Emanzipation, den ich in der letzten Staffel der Serie "Deutschland 89" vermisst habe, weil es ein beeindruckender und filmreifer Abgesang war. Halb Deutsch, halb Englisch. Das Ende einer Kriegsführung mit sprachlichen Mitteln - und wohl auch von "English made in GDR".

Quelle: ntv.de