Leben

Verliebt in eine Spiegelung Franziska Stünkel sucht - und findet

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Schon mehr als Street- Art-Fotografie.

(Foto: privat)

Sie ist eine Suchende, wirkt dabei aber nicht getrieben, eher in sich ruhend. Vielleicht ist Franziska Stünkel schon angekommen, obwohl sie immer auf dem Sprung zu sein scheint. Seit sieben Monaten ist sie auf Tour, lebt aus dem Koffer. Sie ist Künstlerin und Regisseurin. Ihren zweiten Kinofilm "Nahschuss" hat sie gerade mit Lars Eidinger abgedreht. Ihre Fotoserie "Coexist" wird aktuell in Galerien und Museen ausgestellt und das dazugehörige wirklich wunderbare Buch ist erschienen. Seit zehn Jahren reist die mädchenhaft zarte Frau wiederholt alleine mit ihrer Kamera nach Asien, Afrika, Amerika oder durch Europa. Dabei entstehen Fotografien, die poetisch, vielschichtig und geheimnisvoll sind. Sie fotografiert in Glasscheiben hinein, fängt mit Spiegelungen das Innen und Außen ein, so erscheint beides übereinander.

Nichts wird hinterher digital bearbeitet. Keine Retusche - Bildausschnitt, Farbe, alles bleibt, als ob das Foto analog entstanden ist. Es ist dieser eine Moment der Gleichzeitigkeit, der Franziska Stünkel interessiert. Der Augenblick, der verweilt - mal abstrakt, mal surreal, ob scharf oder verschwommen, laut oder leise - er ist eingefroren für dieses Kunstwerk, das an der Wand bezaubert. Zusätzlich spiegelt sich der Betrachter in dem glänzenden Foto und tritt so in den Dialog. Der ist ihr wichtig. ntv.de hat die 46-Jährige getroffen und mit ihr über Selbstinszenierung, Selfies, Reisen, Angst und Heimat gesprochen.

ntv.de: Mit deinen Fotos öffnest du Lebensräume, schaust nach drinnen und bildest durch die Spiegelung gleichzeitig das Davor ab. Fühlst du dich manchmal wie ein Voyeur?

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Die Künstlerin auf Reisen.

(Foto: privat)

Nein, ich gucke nicht durch ein Schlüsselloch, dringe nicht in eine Intimsphäre. Ich fotografiere im öffentlichen Raum - eigentlich ist das klassische Streetart-Fotografie. Das ist ein Beobachten, ich versuche durchlässig zu sein, deshalb bin ich auch nie auf dem Bild zu sehen. "Coexist" soll nicht davon handeln, wie ich durch die Welt gehe, sondern von der Welt.

Es ist aber mit deinen Augen gesehen.

Ja, es bleibt subjektiv.

In Social-Media-Zeiten ist die Selbstinszenierung immer wichtiger. Was hat sich in den zehn Jahren, in denen du für Coexist quer durch die Welt gereist bist, verändert?

Es wird mehr fotografiert und Bilder werden in einem unglaublich hohen Tempo, zum Teil im Bruchteil einer Sekunde, konsumiert. Ich finde es gut, dass Menschen sich selbst abbilden, Bildentscheidungen treffen, so setzten sie sich mit Bild und Abbild auseinander.

Du bist in deinen Fotografien nicht zu sehen. Stichwort Selfie: In Berlin hat ein Selfie-Museum aufgemacht für den perfekt inszenierten Hintergrund. Was hältst du von diesem Selfie-Wahn?

Offensichtlich ist es der fortwährende Wunsch des Menschen, sich selbst abzubilden. Das kann Narzissmus sein oder aber auch nur der Wunsch, nicht bedeutungslos zu sein. Mit Selfies inszeniert man sich selbst mit Perfektion und geplanter Attitüde. Da werden zehn Filter drübergepackt und sich nach den gleichen Mustern gestylt. Das ist unglaublich langweilig, denn das Foto ist überhaupt nicht authentisch. Alles ähnelt sich, man verändert Nasen, Kinnpartie oder Augen nach einem Schönheitsideal. Das hat was von einer Schaufensterpuppe und erzählt nichts über die Person. Für mich hat diese Selfie-Kultur keine Relevanz.

Für dich ist Authentizität wichtig?

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So ist es - es muss nicht alles retuschiert werden.

(Foto: privat)

Erst da wird es spannend. Meine Serie "Coexist" ist eine zärtliche Provokation an den Betrachter, es muss nicht alles digital verändert werden.

Aber die Manipulation nimmt zu, Fake News sind inzwischen Alltag.

Richtig, ich glaube, dass Bildung wichtiger denn je ist. Im erweiterten Sinne: Ich selber muss mich informieren. Wir leben in einer digitalisierten Welt, Algorithmen sortieren die Nachrichten, die wir bekommen. Die Frage ist, wo beginnt Manipulation, wo hört sie auf? Viele Menschen leben in stark manipulierten Systemen. In einer Demokratie habe ich aber die Möglichkeit, mich breit zu informieren, man darf nicht so naiv sein, einfach nur zu konsumieren.

Was macht dir Angst?

Intoleranz, verhärtete Meinungsbildung, wenn es keinen Dialog mehr gibt, wenn Menschen und Systeme sich abschotten, kein Austausch mehr stattfindet. Für "Coexist" bin ich durch verschiedenste Kulturen, Religionen, Landschaften gereist und großer, unglaublich schöner Vielfalt begegnet.

Schöpfst du mit den regelmäßigen Reisen Kraft?  Als kleine Auszeit zum trubeligen Drehen, denn am Set und beim Filmen arbeitest du ja immer mit vielen Menschen.

Es ist schön und befriedigend, sich in dieser Welt bewegen zu dürfen, weil ich so viel Neues erfahren darf. Aber erholsam ist das Reisen für meine Fotoserie "Coexist" nicht, ich laufe bis zu 15 Kilometer durch Städte, weiß nicht, was hinter der nächsten Ecke passiert. Die Kamera ist nicht leicht, eine Spiegelung ist sehr flüchtig. Es geht darum, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken. Manchmal gelingt es nicht, in Afrika war es beispielsweise schwierig. Dort wird weniger Glas verbaut. Natürlich gibt es Shoppingmalls, aber auf Märkten, wo es ursprünglich wird, suche ich eher kleinteilig nach Spiegelungen in Vitrinen oder Autoglas. Nach einer Woche habe ich vielleicht nur ein Bild, das später in die Ausstellung geht.

Wie hast du dich verändert mit deinem Blick auf die Welt?

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Hat sich auf einer Reise in eine Spiegelung "verguckt" - Franziska Stünkel.

(Foto: privat)

Als allein reisende Frau komme ich in Räume, wo Gleichberechtigung nicht selbstverständlich ist. Ich bin in Ländern unterwegs, deren Sprache ich nicht beherrsche. Aber durch Bewegung, Haltung, Mimik kann ich spüren, was für ein Gefühl der andere in sich trägt. Ent- oder Verspannung, Wut oder Liebe, das sind universelle Gefühle, die uns alle vereinen. Es gibt eine ständige Koexistenz mit allem: was wir kaufen, konsumieren, sagen, denken, wie wir handeln, ob im nahen Umfeld oder global - das ist mir sehr bewusst geworden.

In deinem Foto-Buch "Coexist" gibt es kleine Essays zu Themen wie Angst, Glück, Heimat, Identität, Sex-Roboter. Es schreiben Biologen, Juristinnen, Musiker wie Bela B. oder Autoren wie Bernhard Schlink. Für den ist Heimat eine Utopie, was ist Heimat für dich?

Die Kombination aus Räumen und Menschen, die mir vertraut sind. Es gibt eine Urheimat, die ist da, wo ich herkomme, meine Kindheit und Eltern. Ich kenne aber auch eine temporäre Heimat, die kann mir ein Mensch geben, das kann auch ein Filmset sein, genauso wie ein Bild, wenn ich mich darin selbst wiederfinde oder ein Thema, das mich berührt.

Wie die Spiegelungen, die dich seit einem Jahrzehnt faszinieren. War es eine bewusste Entscheidung, in Glasscheiben zu fotografieren?

Weitere Informationen
  • "Coexist" bei Galerie Jarmuschek + Partner, Potsdamerstraße 81 A, 10785 Berlin - schnell hin, nur noch bis zum 14. März 2020
  • Leica Galerie, Am Leitz-Park 5,  35578 Wetzlar bis 6. April 2020
  • Das Buch: Franziska Stünkel, "Coexist", Kehrer-Verlag, 59 Euro

Nein, es war Zufall. Die erste Arbeit der Serie ist in Shanghai vor elf Jahren entstanden. Ich war mit meinem Kinofilm "Vineta" auf einem Filmfestival eingeladen und habe ein paar Tage als Fotografin für meine Streetart-Serien zusätzlich in der Stadt verbracht. Ich streifte mit meiner Leica durch Shanghai und sah plötzlich eine aufgeladene Spiegelung, habe sie fotografiert. Es fühlte sich so stark an, wie der Moment, in dem man sich in einen anderen Menschen verliebt. Als ich das Bild sah, wusste ich, das ist es - und habe alle anderen Serien liegen gelassen. Seither fotografiere ich ausschließlich Spiegelungen.

Was steht als Nächstes an - machst du mal eine kleine Pause?

Nein, erstmal nicht. An dem Drehbuch zu "Nahschuss" habe ich sieben Jahre an gearbeitet. Der Film lehnt sich historisch an die letzte Hinrichtung in der DDR 1981 an. Im November und Dezember habe ich mit Lars Eidinger, Luise Heyer und Devid Striesow gedreht. Die nächsten Wochen arbeite ich an der Fertigstellung, bevor er in diesem Jahr in die Kinos kommt.

Mit Franziska Stünkel sprach Juliane Rohr

Quelle: ntv.de