Leben

Rituale und Erkenntnis Freimaurer zwischen Mythos und Realität

imago0080969180h.jpg

Die Symbole der Freimauer - Zirkel und Winkelmaß.

(Foto: imago/epd)

Ihre Treffen finden im Geheimen statt - deshalb ranken sich um die Freimaurer schon immer Verschwörungstheorien. Vermutet werden dunkle Machenschaften von Drahtziehern des Weltgeschehens. Doch was steckt wirklich hinter dem Bund? Und welche Anziehungskraft hat er heute?

Von außen ist es ein ganz normales Wohnhaus im Süden Heidelbergs, doch im ersten Stock liegt der Eingang in eine eigene Welt. In einem Raum, den die Freimaurer als Tempel bezeichnen, laufen gerade die Vorbereitungen für das heutige Ritual. Männer in schwarzen Anzügen streifen sich weiße Handschuhe über und binden sich Schürzen um. Einige davon sind mit blauen Rosetten bestickt. Das zeigt, dass ihr Träger den Meistergrad erreicht hat. Die der Lehrlinge sind einfach nur weiß. Über der Tür prangt ein von Strahlen umringtes Auge, eingerahmt von einem Dreieck - das Auge Gottes, das sich auch in vielen Kirchen findet.

Symbole und Rituale spielen eine entscheidende Rolle bei den Freimaurern, einem der ältesten Männerbünde der Welt. Die Mitglieder verpflichten sich zu Verschwiegenheit, Geheimhaltung ist eines ihrer obersten Prinzipien. Nur Brüder, wie sie sich nennen, dürfen untergehakt in Zweierreihen in den Tempel einziehen. Die eigentliche Ritualarbeit, die jetzt stattfindet, bleibt ihnen vorbehalten.

"Dieses für uns Allerheiligste, dieses Ritual, das wollen wir für uns behalten", sagt Werner H. Heussinger, Vorsitzender Meister der Heidelberger Loge VI Veritatis und Autor eines neuen Buches über die Freimaurerei. "So wie ich Ihnen nicht erklären kann, wie ein Wein schmeckt - Sie müssen es selbst erleben, so kann ich das Ritual vielleicht beschreiben, aber Sie können es nicht erleben." Das Erleben des Rituals sei das eigentliche Geheimnis in der Freimaurerei. Und nur wer selbst Freimaurer ist, darf dabei sein.

Unter den Nationalsozialisten verfolgt und verboten

Diese Form der Geheimhaltung lässt seit jeher viel Platz für Spekulationen. Verschwörungstheoretiker schreiben den Freimaurern eine Nähe zu dunklen Machenschaften zu, sehen in ihnen sogar Drahtzieher des Weltgeschehens. Viele dieser Verschwörungstheorien sind in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden. Damals wurden die Freimaurer als Teil der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung verfolgt und im August 1935 verboten.

Doch auch schon vorher waren die Freimaurer gewissen Kreisen suspekt. Die ersten Logen entstanden ab dem 16. Jahrhundert. Ihre Ursprünge liegen in den Steinmetzbruderschaften, von dort stammen auch ihre Symbole wie Zirkel und Winkelmaß. Sie verstanden sich als Freidenker, die sich bestimmten Werten wie Freiheit, Toleranz und Humanität verpflichtet fühlen. Weil sie sich weder von absolutistischen Herrschern noch von der Kirche etwas vorschreiben lassen wollten, trafen sie sich in geheimen Zirkeln. Bis heute hält es die katholische Kirche für unvereinbar, gleichzeitig Freimaurer und Katholik zu sein. Auch daher rührt die Vorsicht vieler, offen mit ihrem Freimaurerdasein umzugehen.

Was aber bewegt Menschen im 21. Jahrhundert, Freimaurer zu werden? Hendrik Krämer ist 41 Jahre alt, selbstständiger Unternehmer und seit 16 Jahren Freimaurer. Das Spannende am Freimaurersein findet er: "Dass man immer wieder neue Grenzen kennenlernt und überschreitet in seiner Persönlichkeitsentwicklung. Das ist das eigentlich Überraschende, weil wir mit einer Lehre arbeiten, die sehr alt ist und die es wie kein anderes System schafft, den Menschen dazu zu bringen, im positiven Sinne an sich zu arbeiten. Deswegen sprechen wir auch immer von der Arbeit am rauen Stein."

Erziehung zum Gentleman

Dafür seien die Rituale entscheidend. "Durch die ständige Wiederholung dieser Rituale passiert eben etwas mit einem, man erreicht wieder die nächste Erkenntnisstufe und entwickelt sich weiter", sagt Krämer. Ihn habe das Freimaurersein verändert, er hinterfrage sein Handeln im Alltag mehr. "Man versucht permanent besser zu werden, toleranter, und das auch nach außen zu tragen, um die Welt ein Stück besser zu machen."

Die Männer im Tempel sind aufmerksam und zuvorkommend. Immer wieder wird Kräutertee oder Wasser angeboten. Für Matthias Pöhlmann gehört das dazu. Der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche in Bayern hat mehrere Bücher über die Freimaurer geschrieben. Er definiert sie als "ethischen Männerbund", der auch "der Erziehung zum Gentleman" diene. "Es ist kein Zufall, dass auch Herr Knigge Freimaurer war."

Auch Peter Rönn, der seit 2002 zu den Freimaurern gehört und sich gleichzeitig ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert, beschreibt das Freimaurertum als eine Art Netzwerk, "als eine Gemeinschaft von Brüdern, die sich zusammen auf den Weg machen, sich zu veredeln." Immer wieder fällt das Wort Persönlichkeitsentwicklung. Auch Rönn sagt, dass ihn die Freimaurerei verändert habe: "Während ich sonst immer sehr schnell mal aus der Haut gefahren bin, ist es jetzt so, dass die Kontemplation, die Arbeit an sich selbst, zu mehr innerer Ruhe führt. Ausgeglichenheit oder auch Weitsicht, das sind so Sachen, die auf jeden Fall dazugekommen sind."

Persönlichkeitstraining und soziales Netzwerk

Bei den Freimaurern finden viele, was sie "draußen" nicht erleben: Brüderlichkeit, Zusammenhalt, aber auch Werte wie Toleranz und Menschlichkeit, einen geschützten Raum für die eigene Entwicklung. Während andere zum Yoga oder Meditieren gehen, finden viele von ihnen hier Ruhe und einen Ausgleich zum Alltag.

ANZEIGE
Freimaurer: Wie Sie die Prinzipien des erfolgreichsten Netzwerks der Weltgeschichte für Ihre Persönlichkeitsentwicklung nutzen
18,99 €

Die Mitglieder dieser Loge haben ganz unterschiedliche Hintergründe: Es gibt Akademiker, Studenten, aber auch Handwerker und einen Zollbeamten. Der Jüngste ist gerade mal 19 Jahre alt, der Älteste geht auf die 90 zu. Die Freimaurerei scheint ein Bedürfnis zu erfüllen, das nicht nur Männer anzieht. Frauenlogen sind derzeit der am schnellsten wachsende Bereich in der Freimaurerei, auch wenn sie von den Zahlen her den Männerbünden noch immer weit unterliegen.

Ist die Freimaurerei also wirklich ein Weg zum besseren Menschen oder doch ein geheimer Machtzirkel? Die Freimaurer in Heidelberg betonen, geschäftliche Verbindungen untereinander seien bei ihnen sogar unerwünscht. Und auch der unabhängige Freimaurer-Experte Pöhlmann sieht keine Anhaltspunkte dafür, dass an den Spekulationen etwas dran ist: "Die Zahl der Mitglieder liegt bei etwa 15.000 in Deutschland. Gesellschaftlich sind sie nicht besonders einflussreich. Sie sind ein beliebtes Objekt von Verschwörungstheorien, weil man einfach nicht genau weiß, was sie machen."

Dabei sind die Freimaurer keineswegs mehr so verschlossen, wie sie es früher einmal waren. Es sind eingetragene Vereine, die meisten haben eine Homepage mit Telefonnummern und E-Mail-Adressen. Viele veranstalten Gästeabende, zu denen jeder willkommen ist. Nur eines wird man dort nicht zu sehen bekommen: was sich hinter den Ritualen verbirgt. Aber auch die lassen sich in jeder gut sortierten Universitätsbibliothek nachlesen, sagt Heussinger. Und ohne ein paar Geheimnisse wäre die Freimaurerei auch nur halb so spannend.

Quelle: ntv.de