Leben

In Vino Verena "Halt den Ball flach, du blöde Sau!"

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Alltag in Corona-Zeiten: Der Geduldsfaden vieler Menschen ist gerissen.

(Foto: imago stock&people)

Corona und kein Ende: Politikerinnen und Politiker posaunen eine Worthülse nach der nächsten raus, die Inzidenzen sind so hoch wie nie und die Aggressivität in der Gesellschaft nimmt rasant zu. Unsere Kolumnistin über Menschen mit angeschlagenem Nervenkostüm.

"Pass auf, wenn du rausgehst! Ärgere dich nicht, wenn dir jemand zu sehr auf die Pelle rückt! Reg dich nicht auf, wenn dir der Hintermann an der Supermarktkasse in den Nacken niest oder man dir auf dem Gehweg keinen Platz macht, während du ausweichst und fast in den Rabatten landest. Bleib ruhig und besonnen, atme tief ein und aus und denke dir einfach, du bewegst dich in einem Freitiergehege."

Liebe Leserinnen und Leser, unabhängig davon, dass ich aktuell kaum noch die Wohnung verlasse, höchstens, um Katzenstreu, 'ne Pulle Wein oder ein paar Beeren zu besorgen, ist dies mein aktuelles Credo, das mir durch den Alltag hilft. Ich sage es Ihnen, wie es ist - Achtung, jetzt kommt eine Phrase - ich bin mit meinem Latein am Ende.

All die Wochen und Monate und vielen Kolumnen, in denen ich immer gehofft, geglaubt und an die Gemeinschaft appelliert habe: Sie kommen mir inzwischen vor wie ein einziger Witz. Kennen Sie dieses Paradoxon, dass man, wenn man ganz viele schlechte Witze gehört hat, irgendwann trotzdem anfängt zu lachen? Ganz einfach deswegen, weil man sonst vermutlich losheulen würde.

Ich lache mich kaputt über die Corona-Politik dieses Landes. Ich könnte mich richtiggehend darüber beömmeln, wie unsere Republik sich durch diese Pandemie wurschtelt. Für mich klingt so vieles inzwischen nur noch ungefähr so: 'Hallo, heute ist Samstag, hier kommt unser tägliches Corona-Wischiwaschi. Die Inzidenzen hauen aktuell nicht ganz hin, und sind vermutlich höher. Aber leider sind die Faxgeräte in unseren Amtstuben ausgefallen und die Telefone mit Wählscheibe streiken ob der neuen Fritzbox. Wir sind aber an allen Daten dran. Und weil wir in der Pandemie wenig gebacken kriegen, ist es jetzt sehr wichtig, davon abzulenken und dieser Tage umso mehr zu reden. Sinn und Inhalt sind wie immer sekundär, Hauptsache alle quatschen reichlich durcheinander.

"Wir stehen vor großen Aufgaben"

Ich sehe gefühlt den zehntausendsten Corona-Talk. Mit bedeutungsschwangeren Visagen krauchen Politikerinnen und Politiker von einer Talkshow in die nächste, wo sie eine abgedroschene Worthülse nach der nächsten aus ihren rhetorischen Satzbaukästen rausposaunen. Auf meinem Beistelltisch liegt so ein Zettel, auf dem ich vergnüglich ankreuze, wenn wieder jemand sagt, man habe "die Lage falsch eingeschätzt".

Meine Lieblingsphrasen sind aktuell, dass man "nicht alles über einen Kamm scheren" dürfe, wir bei den Impfungen jetzt "auf die Tube drücken" müssen und "vor großen Aufgaben" stünden. Ständig wollen wir gleichzeitig immer irgendwas "gestalten", am besten natürlich "die Zukunft", während ich denke: 'Leute, wir kriegen ja nicht mal die Gegenwart gebacken!'

Aber, bitte, Verena, sage ich mir: Bloß nicht aufregen! Schon gar nicht über politische Worthülsen, die den Bürger oft nur ratlos zurücklassen. Nachfragen? "Also, bitte, lassen Sie mich ausreden!", heißt es dann, man "komme noch zum Punkt". Ja, gewiss, irgendwann, 2089.

In wenigen Wochen sind wir im dritten Jahr dieses Wahnsinns. So viele Monate. So viele Tote. So viele Kinder, die lange nicht zur Schule gehen konnten. Dazwischen immer wieder die Frage, warum es uns nicht möglich war, gemeinsam runterzufahren und das Virus aushungern zu lassen. Keine Kontakte. Kein Remmidemmi. Vier Wochen Ruhe im Karton. Stattdessen befeuert man auf dem Rücken der Bevölkerung den eigenen Wahlkampf mit billigsten Plattitüden.

Die Geschichte vom verschwundenen Einkaufswagen

Apropos Plattitüden: Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang folgende herrliche Geschichte, die ich erst kürzlich erlebt habe, nicht vorenthalten. Sie ist stellvertretend für das Bild vom Freitiergehege, von dem ich eingangs in dieser Kolumne gesprochen habe. Es ist nur eine kleine Begebenheit am Rande, in der sich aber all der Wahnsinn, der gerade in unserer Gesellschaft geschieht, widerspiegelt.

Es ist ein Donnerstagabend, an dem ich noch schnell in den kleinen Lebensmittelladen bei mir um die Ecke springe. Die Gänge sind relativ voll und es flitzen ein, zwei Leutchen ohne Masken und stattdessen mit über die Nase gezogenen Rollkrägen herum. Ich stehe leider schon wieder vor dem Weinregal, während ich darüber grüble, ob ich durch die Pandemie möglicherweise zusätzlich auch ein Alkoholproblem entwickelt habe. Ich greife zu einem hoffentlich anständigen Sauvignon Blanc aus Frankreich, als mein Einkaufswagen plötzlich - verschwunden ist!

Seit Corona bin ich noch mehr zerstreut als sonst. Ich vergesse, wo ich mein Auto geparkt habe, suche meine Maske, die meist bereits über meinem Zinken hängt und vielleicht habe ich den Einkaufswagen ja gar nicht seitlich der Gemüseabteilung geparkt, sondern vorm Wurstregal. Ich suche also meinen Wagen wie den Sinn des Lebens, als ich sehe, wie er von einem großen, kräftigen Mann durch die Gegend geschoben wird. Freundlich gehe ich auf ihn zu und sage, was man eben so sagt, wenn einer grad steil mit dem falschen Wagen unterwegs ist. Dabei zeige ich auf dessen Inhalt - Käse, Katzenstreu, Kerzen für mehr Behaglichkeit im kargen Corona-Winter. Ich lächle. Was der Mann ob der Maske in meinem Gesicht natürlich nicht sehen kann. Aber auch meine Augen lächeln.

"Die Spitze des Eisbergs"

Was in den folgenden Sekunden geschieht, erinnert mich an eine von Kinskis berühmten Eskalationen. Der Mann schubst den Wagen an mir vorbei den Gang runter, bäumt sich vor mir auf und schreit: "Halt mal schön den Ball flach, du blöde Sau!"

Hat der mich wirklich gerade aus dem Nichts heraus "blöde Sau" genannt? Zwischen meinen Ohren klingelt es. Okay, Freitiergehege, rufe ich mir sofort wieder in Erinnerung und sage: "Ich habe es wirklich nicht böse gemeint, Sie müssen doch nicht gleich so aus der Haut fahren!" Die Situation wird sehr schnell sehr heikel und der Mann regt sich tierisch auf, wie ich es wagen kann, ihn "ungefragt von der Seite anzuquatschen". Ich mache mich vom Acker, so schnell ich kann, und höre ihn noch an der Kasse durch den ganzen Laden nach der "Ollen" brüllen, die ihn "blöde von der Seite anmacht".

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Mein Herz klopft wie wild und ich sage mir gebetsmühlenartig, dass es nichts bringt, all diesen Wahnsinn, der vorherrscht, sobald man die Wohnungstür öffnet, noch irgendwie verstehen zu wollen. Abends sitze ich bei einem Gläschen Weißwein auf meiner Couch und zappe durch die Glotze, als ich abermals bei einem der unzähligen Corona-Talks hängenbleibe. Einer lässt den anderen wieder "nicht ausreden". Irgendjemand "kommt nicht zum Punkt" und ein anderer palavert mal wieder "von der Spitze des Eisbergs". Volle Fahrt voraus in die vierte und fünfte Welle! Aber dabei "immer schön den Ball flachhalten!"

Es grüßt Sie ganz herzlich, Ihre blöde Sau.

Quelle: ntv.de

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